Wie alles begann – Dolomiten 2015

Inzwischen sind die Bergtouren ja irgendwie schon Routine geworden – Routenplanung, Ausrüstung. Man weiß, was man so ungefähr leisten kann, welche Wege man läuft, was grundsätzlich mit muss. Über die Jahre hat man sich da einfach einen Erfahrungsschatz angeeignet, auf dem man nun immer wieder zurückgreifen kann. Doch auch ich musste das mitunter schmerzhaft lernen, was es heißt, in den Bergen unterwegs zu sein, an Grenzen zu stoßen, die man nicht überwinden kann und zu lernen, was man eigentlich braucht und was nicht.

Als Flachlandtiroler hatte ich mit den Bergen und insbesondere mit dem Wandern in der Höhe quasi nie was am Hut. Das änderte sich im Jahr 2015, als es auf die erste Tour in die Dolomiten ging. Wobei die ursprüngliche Planung ganz anders aussah – denn irgendwie war ich auf den Gedanken gekommen, nach Norwegen zu reisen und durch die Hardangervidda zu wandern. Diese karge Hochebene hatte mich fasziniert – doch nach einigen Gesprächen und der Feststellung, dass 2015 wohl ein Lemmingjahr wird (was bedeutet, dass es in so einem Jahr sehr viele Lemminge dort gibt, die sich irgendwann in Bäche stürzen und jämmerlich ertrinken, was dazu führt, dass man dort eher kein Wasser trinken sollte), wurde der Plan verworfen (Danke Ivonne!) und dann hieß es – auf in die Dolomiten. Natürlich direkt zwei Wochen und keine Ahnung, was einem erwartet. Zusammen mit meinem sehr guten Kumpel Jens ging es nach Bozen, beide vollkommen schlecht ausgerüstet. Ich hatte Kameraequipment für einen Hollywoodfilm dabei – dicke Spiegelreflexkamera mit 200mm-Teleobjektiv und dazu ein 2 Kilo schweres Alu-Stativ… Jens reiste mit Bundeswehrrucksack, welcher so schmale Schulterriemen hatte, dass er gnadenlos in die Schulter einschnitt.

Der Plan sah vor von der Seiser Alm bis zu den Drei Zinnen zu wandern – es sei hier schon gesagt, dass ich die Drei Zinnen dann erst sechs Jahre später zum ersten Mal sah. Die Seilbahn katapultierte uns auf die Seiser Alm und dann ging es in den ersten Anstieg hinauf zum Schlernhaus. Und ich konnte direkt feststellen – Bergwandern ist wirklich unfassbar anstrengend, vor allem, wenn noch weit über 20 Kilo am Rücken hängen. In der Zeit war ich noch recht regelmäßig joggen, aber die Kondition versagte schon am ersten Berg. Irgendwie kam man dann doch oben ab und die erste Nacht auf einer Berghütte erwartete uns. Und was soll man sagen – der abendliche Blick zum Rosengarten zählt auch heute noch zu den magischsten Momenten, die ich je am Berg erleben durfte.

Der folgende Tag über die Tierser Alpl-Hütte an den Fuß des Plattkofel offenbarte sich als weiterer Tag voller Qualen. Ständig hoch und runter, drückende Hitze und hochfrequentierte Wege. Auf der ersten Hütte unterwegs wurde erstmal ein dickes Schnitzel eingeworfen. Rückblickend muss ich immer wieder schmunzeln, wie naiv man damals auch gewesen ist, andererseits aber doch erstaunlich ist, wie man trotz der ganzen Gegebenheiten dennoch abends immer ankam. Mitunter in einem ziemlich jämmerlichen Zustand, aber solange noch ein Fuß vor den anderen gesetzt werden konnte, war man noch nicht am Ende. Die kleine Sandro-Pertini-Hütte lag malerisch unterhalb der schroffen Wände des Langkofelmassivs und bot den geschundenen Wanderern eine nette Unterkunft (Fun-Fact: Jens wunderte sich die ganze Nacht, warum sein Bett so extrem hart war… am morgen stellte sich dann heraus, dass er eine Tür unter der dünnen Matratze hatte).

Weiter sollte es nun auf das furchteinflößende Sella-Massiv gehen. Wobei nicht klar war, wie man dort hoch kommt. Auf der Karte (damals wie gesagt alles noch sehr blauäugig) war irgendwo ein ganz schmaler Weg eingezeichnet, also geht es da bestimmt lang. Zuerst an die Straße des Sella-Pass und dort weiter auf dem Asphalt entlang. Nicht besonders schön und auch nicht ganz ungefährlich, allerdings war die Szenerie durchaus beeindruckend.

Und dort leicht links der Mitte sollte es hochgehen. Naja – ein paar Meter, dann wurde es so steil, dass ich kapitulierte. Also die große Faltkarte aufgeworfen, über ein paar Pfade weiter abgestiegen und dann hoch zum Pordoipass, wo uns schließlich die Seilbahn zum Rifugio Forcella Pordoi hinaufbrachte. Nach drei Tagen war der Tank gefühlt schon vollkommen leer.

Wer noch nie im Sella-Massiv war, dem sei dies hiermit ans Herz gelegt. Welch eine Mondlandschaft offenbart sich dort oben und via Seilbahn einfach zu erreichen.

Der nächste Tag sollte ein besonderes Highlight enthalten – denn mit dem Piz Boe ging es auf über 3000m Höhe. Also morgens voller Tatendrang losgelaufen und den sehr steilen Weg hochgekämpft.

Piz Boe am Morgen
Blick zum Marmolada-Gletscher
wie jung man damals war…

Den ersten 3000er geschafft, doch die größte Schwierigkeit lauerte unwissentlich noch. Denn der Abstieg auf der Ostseite hat es extrem in sich. Irgendwie müssen über 1000 Meter Höhenunterschied ja gemacht werden, also klettert man quasi durch fast senkrechte Steilstufen herunter. Diese Rinne hat mich noch Jahre später bei der Planung für Touren beschäftigt, weil ich sicher gehen wollte, dass ich sowas steiles nicht nochmal runter muss.

250 Höhenmeter gerade steil runter auf rutschigem Geröll

Aber – irgendwie kommt man immer runter, nach 1300 Meter Abstieg dann nochmal einen Gegenanstieg hoch und irgendwann völlig fertig auf der Pralongia-Alm angekommen, mit der klaren Maßgabe – morgen braucht es einen Ruhetag.

Nachdem die Akkus wieder einigermaßen Kraft getankt hatten, ging es weiter in östlicher Richtung und das Ziel lautete Rifugio Scotoni. Dort stellten wir dann fest, dass es insbesondere in der Haupturlaubszeit sinnvoll sein könnte, vorher zu reservieren. Der ganze Anstieg völlig umsonst. Also wieder runter und im Tal in einer kleiner Pension übernachte. Nun ging es hinauf in die Fanes, eine wundervolle Hochebene, umrahmt von schroffen Gipfeln mit lauschigen Bächen und grünen Wiesen.

Durch die Fanes läuft einer der bekanntesten Dolomiten-Höhenwege, der absolut zu empfehlen ist. Für uns ging es nun weiter nach Norden zur Sennes.

Der Plan mit den Drei Zinnen als Ziel war da schon längst ad acta gelegt – das lag zum einen am sowieso schon völlig zerplatzten Zeitplan und der mangelhaften Kondition, zudem hatten auch die Schuhe von Jens den Geist aufgegeben und begannen sich aufzulösen. So wurde die Reise dann am Pragser Wildsee beendet und das erste Bergabenteuer war vorbei. Anders als geplant, tausendmal anstrengender als erwartet, aber dennoch der Ursprung dessen, was darauf folgte und noch folgen wird.

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