Wie ich lernte, den Schnee zu fürchten – das Königssee-Fiasko 2016

Auch heute hält sich in meiner Familie noch der Mythos, dass ich 2016 nur ganz knapp dem Sensenmann von der Schippe gesprungen bin und in eine Gletscherspalte gerutscht sei. Seither wird jeder Ausflug, jeder Schritt auf den Berg skeptisch beäugt und entsprechend kommentiert, dass ich ja auf mich aufpassen soll.

Doch reisen wir zurück in das damalige Abenteuer – angespitzt von der letztjährigen Tour war ich natürlich Feuer und Flamme, dass dies nun meine Art des Reisens für die Zukunft wird. Und die ganzen nicht so schönen Aspekte wurden vollkommen ausgeblendet – statt sanfter Steigerung sollte es direkt in die Vollen gehen. Die 2 Wochen Dolomiten waren damals schon an bzw. über der Grenze – also nun direkt 4 Wochen. Dazu alleine und ab Mitte Juni. Geplant war die Tour mit dem Start am malerischen Königssee und dann quer durch halb Tirol bis nach Innsbruck. Natürlich war das alles auch völlig naiv. Und ich sollte wieder was für mich lernen.

Im Mai / Juni ist es in Leipzig meistens schon brütend warm. Was sollte dagegen sprechen, dann in die Berge zu gehen? Nun – heutzutage schüttele ich mit dem Kopf, wenn ich im Lokalblatt lese, dass sich wieder irgendwelche Deppen bei noch winterlichen Verhältnissen in die Berge verirrt haben und dort von der Bergrettung abgeholt werden müssen. So schlimm war es bei mir nicht, aber das man im Sommer Probleme mit Schnee haben könnte, war mir bis dahin nicht so ganz bewusst.

Pünktlich zu meinem 30.Geburtstag ging es also nach Berchtesgaden und fix mit der Seilbahn zum Jenner hinauf, wo der Blick zum Watzmann alles überstrahlte.

Erste Übernachtung im altehrwürdigen Carl-von-Stahl-Haus, welches gerade erst Saisonstart hatte und somit noch kaum Wanderer anzutreffen waren. Am zweiten Tag sollte es quasi kerzengerade in südlicher Richtung entlanggehen – auf der Karte kein allzu langer Weg und auch die Höhenmeter schienen einigermaßen beherrschbar. Nun denn – von der Hütte ging es direkt steil auf den Schneibstein hinauf, mit über 2.200 Meter auf dieser Seite ein durchaus beachtliches Hindernis. Mal wieder viel zu vollgepackt (zwar kein 2kg-Stativ dabei, aber trotzdem wieder die große Spiegelreflexkamera), war der erste Berg auch schon konditionell ein Scharfrichter.

War es auf der Anstiegsseite noch gut beherrschbar, änderte sich dann oben die gesamte Landschaft – und es wurde weiß. Gefühlt lag da oben mehr Schnee, als man in Leipzig im kompletten Winter hat. Und die Mischung aus Geröll, sehr unrhythmischen Wegen und eben mehreren Schneefelder offenbarte sich als großes Hindernis. Hinzu kam, dass mir bereits beim ersten Berg sämtliche Wasservorräte für den gesamten Tag ausgegangen sind. Heutzutage muss ich einfach darüber lachen, wie dumm das mitunter auch war. Statt einer normalen Wanderhose hatte ich eine Art Regenhose an, die absolut nicht atmungsaktiv war. Was im Anstieg dazu führte, dass ich wie in der Sauna geschwitzt habe – und somit ständig Wasser von oben nachschieben musste.

Der weitere Weg wurde nun richtig spannend. Vor mir sämtliche Altschneefelder der Alpen, völlig unpassende Kleidung, ein langsam aufkommendes Durstgefühl und ein Zeitplan, der bereits am ersten Berg des Tages komplett in sich zusammengefallen ist. Mit lockerem Wandern hatte dies nicht mehr so viel am Hut, teilweise musste am Fels ein wenig geklettert werden und der Schnee machte die Orientierung auch sehr schwierig.

Das führte dann auch dazu, dass ich den Weg verpasste. Im Normalfall kann man sich in den Bergen ganz gut orientieren, da entweder Bäume oder Steine in regelmäßigen Abständen mit einer zumeist rot-weißen Markierung versehen sind. Sind die Steine unter Schnee, gelingt das nicht mehr so gut. Somit trottete ich irgendeiner Spur nach, kämpfte mich durch kleine Gebüsche, stolperte über den Schnee und auf einmal machte es rumms – und ich war bis zur Hüfte in einem Schneefeld eingebrochen (keine Gletscherspalte!). Oftmals ist es so, dass oberhalb der Schnee noch eine zusammenhängende Oberfläche besitzt, aber unterhöhlt ist. Wenn man das nicht sieht und solch eine Fläche betritt, kann das durchaus unschön werden. Nun ja – glücklicherweise war nix passiert, außer dem kleinen Schock und der etwas zerrissenen Hose (um die es aber auch nicht schade war). Irgendwie auf allen Vieren wieder rausgekämpft und dann sah ich in der Ferne, wo der eigentliche Weg auch lang ging. Nun war die Wahl – entweder querfeldein absteigen oder alles zurück und schauen, wo ich den richtigen Abzweig verpasst hatte. Die Wahl fiel auf die sichere Zurück-Variante, schließlich fand ich auch den Weg, beschimpfte mich selber mehrfach, wie ich das übersehen konnte.

Landschaftlich war das alles durchaus beeindruckend. Eigentlich auch ein schöner Wandertag, aber inzwischen war der Kopf nur noch damit beschäftigt, wie man das ganze fortsetzen konnte. Und nun merkte ich auch, dass der Durst stärker wurde. Die Flaschen leer – was also tun? Eine Hand in den Schnee und somit wurde es damit versucht. In der Ferne sah ich aber schon eine kleine Wasserfläche – der Seeleinsee, welcher durch die Schneemassen des Winters gespeist wurde. Halb entkräftet schaffte ich es bis dorthin und sofort flossen mehrere Liter eiskalten Wassers die Kehle hinunter. Nun stellte sich die Frage – wie weiter? Und angesichts der desolaten Lage des eigenen Ichs war klar – ich muss hier wieder runter, egal wie. Erstmal keine Tour weiter, einfach runter ins Tal. So leicht war das aber auch nicht, der Weg zurück sollte es keinesfalls werden. Doch glücklicherweise gab es einen alternativen Pfad, der mich langgezogen runter bringen sollte. Also dann das. Hier hörte ich dann auch auf, zu fotografieren, ich wollte nur noch runter, nur noch einen Fuß vor den anderen setzen und mich aus den Bergen verabschieden. Asphaltierte Straßen, Wasserhähne und kurze Hosen.

Irgendwann holte mich dann eine Frau ein, die meinte, dass sie meine Spuren im Schnee gesehen hatte und auch das Loch, wo ich versackt war. Sie merkte mir auch an, dass der Tag durchaus seine Spuren hinterlassen hatte und zusammen gingen wir dann noch den kompletten Weg bergab und gönnten uns auf einer kleinen Alm noch einen Schnaps. Nach gut 10 Stunden erreichten wir Schönau am Königssee, ich checkte im Hotel ein und verbarrikadierte mich erstmal vier Tage dort, um das ganze zu verkraften und die Lebensgeister wieder zu wecken. Sollte dies das Ende meiner Berglaufbahn sein? Zum Glück nicht :).

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