Besonders schön war die Nacht in der Koje jetzt nicht unbedingt, aber manchmal muss man sich in den Höhenlagen mit dem zufrieden geben, was halt da ist. Morgens gab es noch Selfies mit dem Esel der Alm – dieser ist seit einigen Jahren quasi Bestandteil der Kuhherde und geht inzwischen auch überall dort mit hin, wo die Kühe hingehen. Heißt also, wenn das Melken ansteht, ist Esel auch im Stall dabei und schaut zu.

Dann hieß es Abschied nehmen von den Wanderbegleiterinnen aus dem Erzgebirge, da diese nun geplant wieder abstiegen. Für mich ging es dagegen natürlich weiter und durch menschenleeres Gebiet innerhalb der Texelgruppe. Nur die Sonne war früh um 9 schon mein ständiger Begleiter und heizte direkt ordentlich ein.


Erstes Ziel war die Taufenscharte. Im Aufstieg sollte diese gar keine Probleme, aber der Abstieg versprach auf der Karte ein wildes Zick-Zack. Unzählige Serpentinien und minimal auseinanderliegende Höhenlinien, was bedeutet, dass es hier richtig steil bergab gehen sollte. Ich hatte am Vorabend mit einigen einheimischen Wanderern in der Alm gesprochen, die aber meinten – kein Problem. Es ist zwar sehr steil, aber gut begehbar. Also ran an die Scharte. Nach gut 50 Minuten war ich oben.

Oben traf ich einen Holländer, der eben aufgestiegen war. Der war schon ziemlich fertig, wir unterhielten uns über unsere heutigen Wanderpläne und dann machte ich noch ein paar Fotos mit seinem Handy für ihn. Hier oben hilft man sich einfach. Und dann schaute ich die Scharte runter – es wurde nicht zu viel versprochen. Der Hang fällt so steil ab, dass man ihn gar nicht von oben komplett einsehen kann.

Also Stöcke raus und runter. Inzwischen laufe ich sowas viel lieber hoch, auch wenn es natürlich konditionell deutlich anstrengender ist. Aber sowas bergab ist nicht nur körperlich sehr anstrengend, sondern auch vom Kopf. Man muss ständig konzentriert sein, die Füße wohlüberlegt setzen, dazu auch die Stöcke. Gefälle einschätzen, auf lose Steine achten und jederzeit bereit sein, sich abzufangen. Im Gegensatz zum Aufstieg will das komplette Gewicht inkl. Rucksack nach unten und kann durchaus eine interessante Eigendynamik entwickeln. Dazu geht es auch noch richtig böse auf die Knie. Also ganz vorsichtig nach unten arbeiten und dann war auch das heikle Zickzack geschafft. Rückblickend war das einer der steilsten Abstiege, die ich bisher gelaufen bin.

Danach ging es in den Wald, auf einer Bank lockerte ich die Knie und genoss endlich wieder Empfang, so dass ich ein Lebenszeichen absenden konnte, dass ich lebend den Schnee verlassen habe. Es ging zwar weiter steil runter, aber der Waldweg war insgesamt angenehmer. Weiter unten gelangte ich auf eine Kreuzung und das erhöhte Aufkommen von Mitwanderern wies schon daraufhin, dass ich auf den Meraner Höhenweg nun war. Hier verirren sich auch viele Tagestouris hin, für die ich mit meinem Riesenrucksack immer eine Attraktion darstelle. War der Weg am Anfang durch den vielen Wald durchaus angenehm, wurde er zunehmend langweiliger. Ab und zu riss es mal auf und man konnte ins Vinschgau schauen.

Aber in Summe ging es ständig hoch und runter über tausende Steinstufen. Hatte man 50 Höhenmeter auf Stufen geschafft, durfte man umgehend diese 50 Höhenmeter auf den nächsten Stufen wieder absteigen. Irgendwann erwischte ich mich dabei, wie ich in bester Marvel Avengers-Manier rief: „Hulk hasst Treppen“.

Zwischzeitlich erreichte ich eine Hütte, wo ich mir was kühles zu trinken gönnte und am Nachbartisch ein direkt unsympathisches Rentner-Ehepaar ausmachte. Der Herr fing an über die Scharte zu reden, die ich vorher runter bin und das dies ja kein Problem sei. Und das man es in einer Stunde schaffen würde. Hier wollte ich kurz einhaken und berichten, dass es schon äußerst steil sei (und der fitte Holländer heute morgen hatte gut 1:45h gebraucht). Naja, mit besserwisserischen Rentner muss man nicht diskutieren, ich wurde vom Herrn schroff hingewiesen, dass er wisse, was er mache. Wortlos verlies ich die beiden, ich wünsche viel Spaß im Steilhang und beim Versuch, das ganze in einer Stunde zu laufen.

Weiter ging es durch Wald und Treppen, irgendwann wurden die Zeitangaben bis zu meinem Zielort geringer und schließlich erreichte ich die Nassereithütte. Und welch wunderbares Kleinod von Hütte mich hier erwartet. Eigenes Zimmer, warme Dusche, Balkon. Die Hütte liegt direkt am rauschenden Wasserfall.

Damit sind die ersten fünf Tage rum, der Körper spielt extrem gut mit und gerade das ist im Hinblick auf das, was noch kommt, wahnsinnig wichtig. Morgen gibt es nur eine kurze Wanderung ins Tal, danach geht’s mit den Öffis in ein kleines Hotel an den Fuß der Ortlergruppe. Wie die Tour danach weitergeht, steht allerdings noch in den Sternen. Die Übergänge zwischen den Hütten in den kommenden Tagen sind sehr hoch, teilweise über 3000 Meter und alle noch schneebedeckt. Morgen mache ich mir dazu Gedanken, eventuell wird auch alles umgeplant und Teil 2 der Tour neu gestaltet. Schauen wir mal 😀