Zirkus am Berg

Nach drei mehr oder weniger sehr ruhigen Tagen war nun heute wieder Bergsport angesagt. Hundertprozentige Fitness ist leider noch nicht wieder da, was ich mir aber schon am Morgen denken konnte, denn die Reserven waren vor dem Start der Tour eigentlich schon wieder leer. So lautete dann auch der Plan, nicht komplett aus dem Tal auf den Berg zu steigen, sondern den ersten Teil mit der Seilbahn zu fahren. Fiel mir tatsächlich nicht leicht, da gerade das Berghochlaufen mir diese Tage so viel Spaß gemacht hat. Aber rückblickend machte das schon sehr viel Sinn.

Der Rosskopf westlich von Sterzing ist ein absoluter Schandfleck. Die komplette Ostflanke ist planiert und zugebaut, was im Winter als Skipiste noch Spaß macht, ist im Sommer ein Tragödie. Traurig schwingen die Sessellifte hin und her, die Rodelbahn wirkt ausgebleicht in der Sonne. Schnell weg, aber selbst der Aufstiegsweg zog sich über die Skipiste, so dass dieser eine Qual wurde. Da wächst auch nix mehr über Kniehöhe, ergo null Schatten. Habe mich auch geweigert, diese Seite mit einem Foto zu würdigen.

Und hier merkte ich nun auch, dass die Kraft weit von dem entfernt ist, was letzte Woche noch vorhanden war. Der Infekt hat deutlich seine Spuren hinterlassen. 1500 Höhenmeter zur Schneeberghütte waren kein Problem, hier waren 300 Höhenmeter schon spürbar. Ich wurde überholt… Ich musste anhalten… Das wirkte irgendwie wie die „Form“, mit welcher ich vor einigen Jahren am Berg unterwegs war, aber nicht das, was ich mir antrainiert hab. Das größte Problem ist wohl hierbei der Kopf, weil man eigentlich weiß, dass es einfacher gehen müsste, aber die Beine das heute nicht umsetzen konnten. Naja… bis zum Rosskopf hatte ich es dann doch geschafft, immerhin ist der Blick hier ganz schön.

Gedankenspiele, was soll nun heute noch werden. Komplett umkehren, zurück nach Sterzing und dann mit den Öffis ins Hotel? Nein, mein innerer Kampfgeist hat noch eine Stimme und der sagt, wir gehen da heute dahin. Es würde eh zumeist bergab gehen und aufgeben ist keine Option. Also ging es wieder runter vom Berg der Schande und in Richtung Almdorf Vallming. Von da hörte man schon in weiter Entfernung Musik, es schien ausgelassenes Treiben dort zu herrschen. Unterwegs passierte ich ein paar Kälber am Wegesrand und schließlich einige etwas ältere Gefährten, die sich direkt auf dem Weg breit gemacht hatten. Meine Taktik bei Kühen ist meistens gutes Zureden… und wenn das nicht hilft, dann eben direkt drauf zu laufen und auch mal einen kleinen Klaps geben. Dann gehen die schon spurten, so auch heute nach ein paar Minuten (hilft übrigens nicht bei Bullen, die auf einen zurennen).

Das Almdorf war nun erreicht. In irgendeinem Prospekt hatte ich gelesen, dass es dort oben auf gut 1800m noch die urtümliche Almlebensweise zu bestaunen gibt, ein kleines Dorf noch so wie aus vergangenen Zeiten. Nun… heute hatte man eher den Eindruck, dass der Zirkus dort Einzug gehalten hat. Hunderte Menschen drängelten sich auf die unzureichenden Sitzbänke, während drumherum unzählige E-Bikes standen… alles klar, die Akku-Gangs lassen sich hochfahren, verbringen ein paar lustige Stunden und düsen dann wieder ins Tal. Lautstarke Musik via Akkordeon schallt herum, eine Polonäse wird gestartet, am Ende auch irgendwelche Faschingslieder. Ich weiß nicht, wo ich hier gelandet bin. Erwartungsvoll hatte ich mich schon dort gesehen mit einem kühlen Getränk in der Hand, jetzt fülle ich mir nur schnell neues Wasser in die Flaschen und flüchte. Irgendein Depp lässt auch noch ein Weidegatter offen, urplötzlich stürmt eine Kuh durch die Tische, während ein kleines Kind daneben steht. Zum Glück passiert nix. Ich suche mir beim Abstieg dagegen ein wunderschönes Plätzchen am rauschenden Bach und genieße meine geschmolzenen Kinder Countrys.

Der letzte Teil des Abstieges ist ein sehr steiler, aber wundervoller Waldweg am Wasserfall entlang. Schnell verliere ich an Höhe und erreiche das Pflerschtal. Abschließend nochmal 30min flach bis ins Hotel und durchaus zufrieden erreiche ich dann aus eigener Kraft mein heutiges Ziel. Von hier sehe ich übrigens schon den eventuellen morgigen Aufstiegsweg. Ein richtig steiler Weg, gut 1000 Höhenmeter – mal schauen, was der Körper morgen früh dazu sagt.

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