Fast 20km schon in den Beinen, schleppe ich mich den letzten Anstieg hinauf. Das Wasser knapp, die Kraft schwindet. Über mir wacht die Sonne wie ein Torhüter über den Berg. „Da kommst du nicht hoch!“ mag sie mir wohl zurufen und dreht nochmal die Kraft ihrer Sonnenstrahlen auf. Kaum eine Wolke am Himmel, es brennt ohne Gnade. Jämmerlich sehe ich aus. Das große Handtuch wie bei einer Safari um den halben Kopf gewickelt, versuche ich mich so zu schützen. Kein Baum in der Nähe, nur hüfthohes, dorniges Gestrüpp. Das Baskenland zeigt sich in diesen Stunden unerbittlich und jeder, der hier durch will, muss entsprechend leidensfähig sein. Man bekommt nix geschenkt, den Weg in die Pyrenäen muss man sich hart erarbeiten.

Szenenwechsel zum frühen Morgen: Frühstück im Hotel erst ab halb 9, was einem so als Wanderer nicht ganz entgegen kommt. Naja, dann eben später Start und während es früh am Morgen noch eine wundervolle Nebelstimmung gab, hat sich nun die Sonne schon durchgesetzt und erstrahlt von oben. Thema Sonne – am Vorabend hatte ich noch festgestellt, dass ich im Nacken leichten Sonnenbrand bekommen hab, obwohl gestern keine Sekunde lang die Sonne zu sehen. Aber anscheinend hat die UV-Strahlung auch so ausgereicht. Naja, wieder was gelernt.

Und so ging es nun auf den Weg – leicht ungläubig musste ich feststellen, dass ich wirklich zwei der längsten Tage direkt hintereinander zum Start geplant hatte. Um die 26 Kilometer quer durchs Baskenland standen an – und die hatten es in sich. Ging es morgens noch leicht und dann durchaus abwechslungsreich über Waldwege, wurde man unmittelbar auf einen Feldweg ausgespuckt, der einem gnadenlos über Stunden vor sich her trieb.

Zwischendurch war auch einfach nichts. Abgesehen von einer kleiner Bar an einer Passstraße ging es heute gnadenlos nur durch die Einöde auf den Hügeln zwischen Feldern und Gebüsch. Ein paar Radfahrer, zwei Tagestouristen und ein Pferd waren die einzigen Mitnutzer der Wege.

So hieß es also einfach nur einen vor den anderen Fuß zu setzen (was bei 40.000 Schritten sehr oft passierte). Zwischendurch merkte ich den gestrigen Tag auch in den Beinen – so spielerisch leicht flog ich diesmal nicht über die Wege. Ein paar kurze Pausen und immer wieder was aus dem Verpflegungsbeutel nehmen. Fündig werde ich bei einer Tüte Haribo Erdbeeren… 77g Zucker auf 100g. Ich hab mich noch so sehr drüber gefreut 😀. Kohlenhydrate und Zucker sind unterwegs einfach extrem wichtig.

Und es sind auch die Stunden, wo die Gedanken auf Reisen gehen. Man beschäftigt sich viel mit sich selber. Ist man in der Lage sowas dauerhaft zu schaffen? Vor mir sehe ich den letzten Berg des Tages, wohlwissend, dass es danach noch gut 1,5 Stunden Abstieg sind. Als ich einmal nicht ständig aufs Handy schaue, verpasse ich eine Abzweigung und muss 5 Minuten wieder zurücklaufen. Die Kühe an der Seite lachen mich aus und sind danach wieder damit beschäftigt, sich die Fliegen vom Leib zu halten.

Der Anstieg wartet und der Kampf gegen den Berg sowie gegen die Sonne beginnt. 300 Höhenmeter klingen nicht viel, an meinem Hausberg laufe ich die in 35min – aber halt ausgeruht und ohne Gepäck. Und ja, auch wenn er für meine Verhältnisse recht leicht ist, merkt man ihn eben auch. Schulter und Rücken sehnen sich nach Entlassung, doch muss ich sie noch enttäuschen. Der Anstieg zieht sich, ich sehne mich nach Schatten, doch der ist gerade nicht im Angebot. Noch 100 Höhenmeter… Ich bin nicht langsam, im Gegenteil ist der Schritt noch gut, die Beine funktionieren und der Puls bleibt recht ruhig. Noch 50 Höhenmeter und dann sehe ich die letzte leichte Passage und habe den Scheitelpunkt am Atxuela auf knapp 800 Metern erreicht. Gefühlt sind Bergnamen auf Spanisch eine Mischung aus allen möglichen Vokabeln und einem oder mehreren „tx“. Oben am Pass sehe ich zum einen meinen heutigen Weg und La Rhune, an dessen Fuße ich gestartet war.

Auf einmal geht der Blick nach oben, denn eine majestätische Gestalt gleitet gerade durch die Lüfte. Der weiße Kopf verrät es – ein Gänsegeier. Völlig ruhig sucht er die Hänge nach Aas ab und bis ich mein Handy parat hab, ist er auch schon wieder weiter weg. Ich erwische ihn trotzdem noch so halbwegs. Mit einer Spannweite von um die 2,5 Meter wirken die Geier riesig.

Jetzt hieß es noch runter und das mehrere Kilometer lang. Inzwischen war ich wieder auf kleineren Wegen und man merkte, dass hier nicht so viele lang kommen. Die hiesige Flora (zumeist mit Dornen bewaffnet) erobert den einstigen Weg zurück. Und man soll sich auch nicht von den bunten Farben blenden lassen – die stechen lasse. Verzweifelt versuche ich mit meinen Stöcken, die ich nun zum ersten Mal heute im Einsatz hab, den Weg frei zu machen, hätte allerdings eher eine Machete benötigt. Und von oben knallt natürlich weiter die Sonne.

Nach einiger Zeit gelangte ich urplötzlich in ein kleines Paradies. Mehrere große Eichen haben sich hier einen Platz gesucht, vermutlich stehen sie schon seit Jahrhunderten. Glücklich setze ich mich auf eine Wurzel und genieße den ersten Schatten seit Stunden. Spontan verschicke ich noch eine Sprachnachricht und beende diese mehrfach mit: „Ich liebe Bäume!“.

Kurz vor Schluss komme ich noch an einem kleinen Friedhof vorbei und kann dort zum ersten Mal meinen Wasserfilter ausprobieren. Klingt etwas grotesk, aber Friedhöfe sind für Wanderer mitunter eine absolut unerlässliche Wasserquelle. Da ich nicht weiß, ob es komplett rein ist, wird der neuerworbene Katadyn Be Free mal probiert. Wasser rein, Verschluss mit der Membrane drauf und dann draus drinken – die Membrane filtert Bakterien raus. Schmeckt soweit okay und wird definitiv noch sehr wichtig werden.

Nach über 7,5 Stunden in der Sonne erreiche ich dann mein kleines Hotel. Kurz vor der Tür sprühe ich noch etwas Deo über den ganzen Körper, auch wenn es wahrscheinlich sinnlos ist 😀. Aber sie haben mich reingelassen. Das waren zwei heftige Einstiegstage, beim Socken ausziehen merke ich eine kleine Blase direkt unter dem Tape – aber harmlos. Morgen wird es etwas entspannter, 5h angesagt aber bisher war ich immer schneller unterwegs. Und statt Sonne nun Regen – ich bin gespannt, was kommt.

26 Kilometer, jeweils 1000 Höhenmeter hoch und wieder runter, Dauer: 7:30h