Nach den beiden Marathonetappen sollte es heute nicht ganz so schwierig werden. Nur 17-18 Kilometer und etwas weniger Höhenmeter sagt die Planung bis ich mein Ziel hinter der Grenze in Frankreich erreiche. Nun denn, ich bin entspannt am Morgen, genieße ein gutes Frühstück und starte erst gegen halb 11 in den Wandertag. Da das Hotel erst ab 16 Uhr zum Check-In verfügbar ist, rechne ich mit gut 5:30h Wandern und somit steht der Zeitplan für heute.
Beim Verlassen der Türe fängt es dann schon mal mit Nieseln an. Nicht viel, von daher stört es mich nicht und irgendwie freue ich mich auch ein wenig über das gemäßigtere Wetter im Vergleich zum Vortag. Zuerst geht es durch das kleine Dorf Aritzkun, welches mit wunderschöner alter Architektur beeindruckt. Man fühlt sich quasi um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt.


Nachdem das Dorf endet, verlasse ich die Zivilisation komplett für mehrere Stunden. Zuerst geht es noch über einen Feldweg den Hang hinauf, vorbei an einem verlassenen Hof. Verlassen? Nicht ganz, den vor der Einfahrt liegt ein unangeleinter Hund, und als ich sein Revier betrete, schlägt er auch direkt an, kommt auf mich zu und bellt. Ich muss vorbei, kann aber auch nicht ausweichen. Also husche ich schnell vorbei, er dreht schon wieder ab, aber natürlich kommt Hund Nr.2 an, der mich nun verfolgt und dabei laut bellt. Ich versuche auf englisch auf ihn einzureden (Calm down, quite please), im Nachgang bezweifle ich aber, dass er mich verstanden hat. Glücklicherweise kommt er nicht näher als ein Meter ran und lässt dann auch ab, als ich das Revier wieder verlasse. Hunde sind tatsächlich das, wo ich am meisten Respekt davor habe. Bären, Wölfe, Giftschlangen… die Chance, dies anzutreffen, ist einfach sehr gering. Aber Hunde wie hier trifft man öfters. Insbesondere wenn sie noch allein ihre Herde bewachen, ist Vorsicht geboten. Hoffen wir mal, dass es bei diesem kurzen Schreck bleibt.

Der Weg verändert sich nun und ist kaum mehr als ein Trampelpfad. Ich kämpfe mich durch mannshohes Farngetrüpp durch, gefühlt ist hier seit Monaten niemand mehr langgelaufen. Jede Pflanze hat Dornen, meine Beine werden ordentlich zerkratzt und von den hiesigen Insekten noch zerstochen. Ich sehe nur Blut runterlaufen und nehme es einfach hin. Als ich wieder auf einen Feldweg komme, frohlocke ich – endlich wieder normal gehen. Mein Weg zieht sich weitet bergauf, es gilt auf einen Grenzkamm aufzusteigen. Neben mir stehen ein paar Pferde in den Gebüschen, eins läuft auch kurzzeitig mit mir auf dem Weg und schenkt mir etwas Begleitung.



Auf meinem Navi ist nun erkennbar, dass ich mich langsam dem höchsten Punkt nähere. Um mich herum ist nun dichter Nebel entstanden. Urplötzlich stehe ich vor einem großen Tor und sehe links einen Tritt, um auf die Weide zu kommen. Ich muss mich absichern – wollen die mich jetzt wirklich da lang schicken? Die Sichtweite ist inzwischen auf 20, vielleicht 30 Meter gesunken. Ich erkenne eine Schafsherde sowie ein paar Bullen. Eventuell ist da auch irgendwo ein Hund? Ich rufe mehrmals, aber höre keine antwortendes Bellen, so dass ich hoffe, dass ich hier nicht aus dem Nebel heraus attackiert werde.


Mit dem Wechsel auf die Weide ist nun auch die Wegfindung völlig improvisiert – denn es gibt keinen Weg und keine Markierungen. Durch den Nebel sieht man auch gar nix. Einzig und allein mit der GPS-Navigation kann ich mich hier oben durchlotsen. So planlos war ich selten und muss mich zu 100% darauf verlassen, dass die Route auch so stimmt. Ich kann hier nirgendwo abstürzen, dafür ist es nicht sonderlich steil, aber auf jeden Fall komplett verirren, denn Anhaltspunkte kann man in der Nebelsuppe nicht ausmachen. Ich klettere über einen zweiten Zaun, sehe schemenhaft einen Wald. Da muss es langgehen. Die Pfade hier sind einzig Tierwege und führen ins Nirgendwo. Mitten durch erreiche ich schließlich den Wald, wo ich mich ein schlammiger, aber immerhin erkennbarer Pfad erwartet.


Mittendrin bleibe ich stehen – im Schlamm sieht man immer wieder Abdrücke von Kühen, Pferden, etc. – doch dieser sieht anders aus. Größer, nicht ganz frisch, man kann ggfls. Tatzen erkennen. Bin ich hier eventuell im Bärenrevier? Kurze Zeit später sehe ich eine ähnliche Spur. Etwas angespannt bin ich schon, erinnere mich daran, was man Wanderern in den USA rät – laut sein, damit man auf sich aufmerksam macht und nix überrascht. Als fange ich zu singen an und als erstes kommen mir die Vengaboys in den Sinn, warum auch immer. Aber was kann es abschreckenderes für Bären geben, wenn sie hören, dass der Vengabus kommt? 😀 Trotz aufmerksamen Beobachtens sehe ich keine Spur mehr und bin mir nach einer Weile sicher, dass hier keine Gefahr mehr droht.
Nach über 3 Stunden gönne ich mir eine erste kleine Pause, was trinken, ein Snickers zur Beruhigung. Dabei sehe ich, dass mir zwei Stirnbänder fehlen, die eigentlich seitlich am Rucksack hängen sollten. Ich gehe davon aus, dass der Verschluss unterwegs wohl aufgegangen ist, eventuell als ich unter Bäumen durchklettern musste. Ich weiß es nicht, aber suchen macht keinen Sinn. Es ist nicht ganz so tragisch und so hoffe ich, dass ich die kommenden Tage irgendwo neue bekomme. Schließlich erreiche ich endlich den Pass zwischen Spanien und Frankreich. In der Ferne sehe ich zwei andere Wanderer, die ersten Menschen seit Stunden. Man winkt sich kurz zu und geht wieder seiner Wege. Oben atme ich dann kurz durch, jetzt wartet eigentlich nur noch der Abstieg und ein längeres Stück auf der Straße. Der Blick in das französische Tal hinein ist wunderschön und auch am Himmel offenbaren sich nun erste blaue Flecken.

Nach dem Abstieg über eine am Ende steile Teerstraße (unschön zu laufen), komme ich im kleinen Weiler Aldudes an. Hier gönne ich mir eine längere Pause, befreie die Füße von Schuhen sowie und lasse diese etwas Ruhe genießen. Durch die schlammigen Passagen ist alles durchaus feucht geworden und dadurch wird auch alles blasenanfälliger. Die Socken wechsle ich noch fix, ein guter Schachzug. In einer kleinen Tankstelle gönne ich mir eine Dose Cola und ein paar Gummitiere für den Abend, dann geht es auf die letzten langweiligen 4km über die Landstraße nach Urepel. Alternativwege gab es keine… währenddessen wechselt das Wetter monatlich, Regen, Sonne, Niesel. Das Baskenland ist hier unberechenbar.


Kurz nach 4, und somit perfekt im Zeitplan, komme ich im Hotel an. Sprachlich herausfordernd – ihr Englisch ist so gut wie mein Französisch – schaffen wir aber alle Formalitäten. Abendessen um 7, Frühstück um 8, Zimmer Nr. 4. Und so geht nun Tag 3 unterwegs zu Ende. Kürzer als die Tage vorher, aber mental doch ein Kraftakt. Morgen geht es im ersten Teil wiederum über kleine Wege (ich bin gespannt…), bis ich dann am Ende auf den Jakobsweg treffe und diesen ein paar Kilometer laufe. Mal schauen, wie viele Pilgerer unterwegs sind.

18 Kilometer, 740hm hoch, 570hm runter, 5:30h unterwegs
