Bei schönem Wetter kann jeder…

Seit gut 30 Minuten gehen wir den Abstieg herunter, die Steine sind spiegelglatt. Und dann passiert es – die Füße rutschen, das Gleichgewicht verabschiedet sich und ich lege mich lang. Ein kurzer Schmerz durchzuckt meinen rechten Ellenbogen, der direkt auf die Steine geknallt ist. Doch ein kleiner Belastungstest weist auf keine größeren Beschwerden hin – Glück gehabt! Es sind diese kleinen Momente, in denen alles vorbei sein kann. Doch heute ist es nicht soweit. Ich sammele mich kurz und dann geht es weiter.

Regen, nichts als Regen. Seit ich mich vom doch etwas spärlichen Frühstückstisch erhoben habe, schüttet Petrus die Gießkanne über Nordspanien aus. Ich hatte zu Beginn noch etwas Hoffnung, dass es nicht so schlimm wird, doch nach 3 Minuten gibt es die erste Pause und der Wechsel zur Regenjacke. Während 99% aller Wanderer von Burguete aus nach Westen auf dem Jakobsweg weiterziehen, geht es für mich nach Osten – immer in Richtung Mittelmeer, auch wenn es noch so unfassbar weit entfernt ist, dass ich keinen Gedanken daran verschwende. Aber so gelange ich wieder in die Einsamkeit. Glücklicherweise verläuft der Weg zu Beginn viel im Wald, so dass der nun einsetzende Monsunregen nur halb so stark auf mich herunterprasselt.

Immerhin ist die Wegfindung easy. Gut ausgeschildert geht es über aufgeweichte Wege wieder berghoch. Dabei überraschte die spanische Variante der Viehzäune. Hier ist grundsätzlich alles mit Stacheldraht abgesperrt und um auf die andere Seite des Zauns zu gelangen, muss man den halben Stacheldrahtzaun abmontieren und diesen danach wieder aufstellen. Nach gut 1:15h einsamen Kampf durch den Regen und kurzer Trinkpause kam eine Dame in meiner Richtung den Weg entlang. Ebenso gut ausgerüstet, also definitiv kein Tagestouri (wobei bei dem Wetter sowieso keiner unterwegs war). Kurzer Gesprächseinstieg auf englisch, schnell die Frage, wo man herkommt und der Wechsel ins Deutsch – sie läuft den spanischen Weg, also den GR11, den ich jetzt auch ein paar Tage folge. Also formierten wir uns im Regen als kleine Zweckgemeinschaft. Auch für sie ist das Ziel das Mittelmeer, die vorherige Nacht hatte sie noch außerhalb der Stadt gezeltet. Und so schritten wir weiter durch das hiesige Hochland, kurzerhand kam uns noch ein Deutscher entgegen – fünf Tage quasi niemand gesehen und jetzt deutsche Vollversammlung auf 1.200 Meter Höhe.

Der Weg wechselte zwischen Wald und Feldern, bei schönem Wetter sicherlich auch mit guten Ausblicken. So war es dann eher – schnell weiter und ankommen. Zwischendurch gibt es noch ein paar Streicheleinheiten für ein Pferd, welches am Weg campiert und ganz sanft auf uns zukommt. Im Wanderführer wurde bei der heutigen Etappe ein Schlüsselpunkt beschrieben, der Abstieg ins kleine Dorf Orbara, welcher insbesondere bei Nässe sehr glatt sein soll. Und was soll ich sagen – er war richtig glatt. Zuerst erwischte es meine Mitwanderin, dann, wie oben berichtet, mich. Aber der Wandergott war uns hold und ohne weitere Vorfälle ging es weiter. Im kleinen Dorf gab es eine kurze Pause, bissel saubermachen und dann auf die letzten Kilometer.

Kurze Zeit später trennten sich unsere Wege, da sie ihr Zelt noch trocknen wollte und noch nicht sicher war, wie sie weiterläuft. So ging es die letzten Meter nochmal bergauf, zwischenzeitlich musste ich kurz die Schuhe ausziehen, weil meine Füße gefühlt im Wasser schwammen. Natürlich war alles klatschnass, aber bei den Schuhen und Socken muss man besonders aufpassen, da sich so auch schnell Blasen bilden können. Weiter ging es dann auf die letzten Meter ins kleine Dorf Hiriberri. Immerhin wurde das Wetter zum Ende hin etwas besser, vereinzelt ließ sich sogar die Sonne noch blicken und verschaffte diesem trüben Tag etwas mehr Licht.

Anabel betreibt in Hiriberri das letzte Gasthaus, ansonsten gibt es noch eine Bar und ansonsten eigentlich nix. Aber der Empfang hier ist einfach unfassbar – man wird sofort freundlich begrüßt, ein Bier gereicht und der Regentag ist sofort vergessen. Hier teile ich mir ein Zimmer mit einem Spanier, der seit über 40 Tagen unterwegs ist und quasi meinen geplanten Weg von der anderen Seite läuft. Er spricht so begeistert davon, dass ich es kaum erwarten kann, wieder weiter zu ziehen. Dazu ist noch eine weitere Gruppe Spanier da und schließlich trifft auch meine heutige Mitwanderin noch ein. Es ist schön, hier das erste Mal in einer kleinen „Wander-Community“ zu sein mit anderen Menschen, die die gleiche Leidenschaft teilen. Morgen soll es wieder den ganzen Tag regnen, dazu soll die Sicht auf dem Bergkamm, den man überschreitet, eher mäßig sein. Also neue Herausforderungen 😀

18 Kilometer, jeweils 700 Höhenmeter hoch und runter, Dauer ca. 5 Stunden

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