„You are crazy if you do this!“ Die Worte von Anabel sind eindeutig. Die wundervolle Besitzerin der Wanderherberge in Hiriberri will uns nicht gehen lassen und schlägt vor, dass wir mit dem Taxi nach Ochagavia fahren sollen und die heutige Etappe überspringen. Tja, eine Taxifahrt stand für uns eigentlich nicht auf dem Programm. Während die Regentropfen auf die Fenster einschlagen, schauen wir uns an – Theresa (die deutsche Mitwanderin von gestern) und ich sind uns einig, dass wir es zusammen versuchen werden.

Nachdem ich gestern abend noch mit 5 Spaniern in die Dorfbar gegangen bin und was gegessen hab, stand nun ein wundervoll gedeckter Frühstückstisch gegen 7 Uhr morgens parat. Soviel Liebe und Engagement wie Anabel hier reinsteckt, ist unfassbar. In diesem kleinen Dorf ist sie die gute Seele und kümmert sich um ihre Wanderer wie eine Mutter. Als wir uns verabschieden, ist es fast ein wenig traurig, dieses Gasthaus zu verlassen. Glücklicherweise war der Start kurz vor 9 dann trockener und wir begaben uns direkt auf den Anstieg aus dem kleinen Dorf heraus. Dank sehr guten Markierungen war die Orientierung kein Problem und hier konnte man noch einen guten Blick auf die Umgebung werfen.


Inzwischen ist es Tag 6, Freitag – vor einer Woche begann dieser Trip und heute fühlt es sich schon an, als würde man eigentlich nichts anderes machen außer zu wandern. Man hat seine Routinen, erkennt den Inhalt der diversen Packsäcken alleine schon an den Farben der Säcke. Und weiterhin spielen die Beine sehr gut mit. Der Anstieg ist stellenweise steil, aber wir kommen gut voran, auch wenn es zunehmend feuchter wird und die Steine unter uns rutschiger werden.
Mit dem Eintritt in den Wald nähern wir uns langsam der Wolkengrenze und ab jetzt wird es spannend. Insgeheim bilden wir eine kleine Vierergemeinschaft, da noch ein spanisches Pärchen mit uns unterwegs ist, die den gleichen Weg anstreben. So geht es weiter nach oben, um uns herum wird der Dunst dichter. Am Martxate auf 1400m blicken wir über den Bergkamm in ein graues Nichts.


Zwischenzeitlich regnet es immer mal etwas, aber glücklicherweise nie richtig stark. Nass sind wir trotzdem, da die Feuchtigkeit im Nebel hängen bleibt. Dazu facht der Wind nun an und es wird kalt. Gefühlt untere einstellige Grade dürfte es hier oben haben. Die Winterkleidung wird ausgepackt – dicke Jacke, Stirnband, Halstuch und Handschuhe. Es ist August und nicht mal 1.500m hoch. Das stand so nicht in der Broschüre. Und nun kommt der extreme Teil – nach dem Waldabschnitt gelangen wir nun auf die Hochfläche „Mirador de Tapla“. Was auf den Bildern von anderen ganz schön ausschaut, entpuppt sich für uns als absolutes Wetterextrem – den hier werden wir durchweg von orkanartigen Böen bearbeitet, die teilweise so stark sind, dass sie mich ins Wanken bringen. Und die Sicht hier oben beträgt vielleicht 20-30 Meter. Immerhin gibt es hier einen guten, klar erkennbaren Weg, so dass wir wissen, wo wir hin müssen. Aber diese Stunde dort oben – den Elementen komplett ausgesetzt – zerrt extrem an den Kräften.


Wir sind extrem froh, als wir endlich die Kreuzung erreichen, wo eine Passstraße aus dem Tal langführt. Der normale Weg würde jetzt noch höher auf einige Berggipfel gehen, das Gelände auch schwieriger werden, vor allem bei diesen krassen Bedingungen. Wir sehen, wie vor uns die beiden Spanier tatsächlich da hoch gehen, sind uns aber einig, dass dies nicht unser Weg ist. Das war jetzt schon extrem und gewinnen kann man dort oben auch nix. (@Theresa, falls du das liest: Ich habe die beiden in Ochagavia noch getroffen, die hatten schnell ihre Entscheidung bereut und mussten auch einiges heikles durchstehen.)


So wählen wir den Weg über die Straße (den uns Anabel dann auch ausdrücklich empfohlen hatte, nachdem sie wusste, dass wir gehen werden). Langsam geht es für uns abwärts, eigentlich wollten wir noch eine Abkürzung nehmen, um dann wieder auf den eigentlichen Wanderweg zurückzukehren, dieser war aber mit einem Tor versperrt und somit verblieb nur die Option Straße. Und naja… 15km eine Passstraße bergab zu latschen, ist dann auch kein Highlight. Die Straße ist nicht viel befahren, wir kommen schnell aus dem Nebel heraus und erleben mit, wie sekündlich das Wetter wechselt. Ein erster Sonnenstrahl wird von 5 Minuten Regen abgelöst. Nach knapp 4 Stunden machen wir unsere erste kleine Pause… nicht so richtig ahnend, dass wir nochmal 2 Stunden weiter über den Asphalt laufen müssen.


Mitunter minutenlang schweigend stapfen wir vor uns hin, jeder mit den Gedanken an die nächsten Tage und an das Erlebte heute. Warme Dusche, Mittagsschlaf, manchmal können die kleinen Dinge die Welt bedeuten. Und dann treffen wir nach über 6 Stunden Quasi-Dauermarsch endlich in Ochagavia ein und verabschieden uns. Für mich geht es ins Hotel, Theresa ist sich noch nicht sicher, ob sie eventuell weitergeht, ihr Zeitplan ist straffer wie meiner. Ich drücke die Daumen, dass du es bis ans Mittelmeer schaffst und glaube fest daran! Und für mich stehen nun die schönen Dinge an – nasse Klamotten aus und Beine hochlegen. Nach 6 Tagen und über 130 Kilometern merkt man natürlich eine gewisse Erschöpfung, aber dafür bin ich ja hier. Zwei Tage noch bis zum ersten Ruhetag und ab morgen soll das Wetter auch wieder besser werden.


25 Kilometer, 660m hoch, 850m runter, Dauer 6:15h
