Dreckstag im Nebel

Wer heute einen euphorischen Eintrag erwartet, dem sei gleich gesagt – das wird es nicht. Es wird geflucht, geschimpft und jegliche Sinnhaftigkeit eines solchen Abenteuers in Frage gestellt. Es war, gelinde gesagt, einfach ein Dreckstag.

Der Morgen begann schon mal grandios, da meine Sachen von gestern nicht vollständig getrocknet waren. Also ab in einen hermetisch abgeriegelten Packsack, in der Hoffnung, dass ich in Kürze mal an einer Waschmaschine vorbeilaufe. Grundsätzlich hatte ich mir über den heutigen Tag eher weniger Sorgen gemacht. Gut 15 Kilometer und 1.100 Höhenmeter hoch sind viel, aber irgendwie noch im Rahmen. Wobei sich hier auch meine Wahrnehmung weiter verschiebt, das ich solche Tage inzwischen als „normal“ wahrnehme. Doch die Strecke sollte heute auch nicht das Thema sein – denn dafür sorgte die extreme Luftfeuchtigkeit. Es war die absolute Hölle.

Schon beim ersten Schritt aus der Tür merkte man es, die Wolkendecke hing tief und über dem südfranzösischen Taleinschnitt bildete sich eine Klimazone, die zum Wandern komplett ungeeignet war. Nach dem Start in Ustod folgte ich für weite Strecken einen der zahlreichen Jakobswege, dieser führt von Toulouse nach Jaca. Hatte den Vorteil, dass er durchaus gut markiert war und man recht problemlos folgen konnte (dachte ich und verlief mich nach 15 Minuten das erste Mal).

Aber schon hier war ich klatschnass. Dieses Wetter war so beschissen, man kann es nicht anders sagen. Nach gut einer Stunde gab es eine kleine Pause auf der Bank und ich fragte mich schon, was der ganze Kack eigentlich soll. Shirt und Hose waren so nass, dass sie nach wenigen Minuten bereits riesige Abdrücke auf der Bank hinterließen. Von meinem Stirnband tropfte es pausenlos herunter. Handtücher zum Abwischen? Waren sowieso noch nass vom Vortag und hier innerhalb kürzester Zeit voll. Es gab keine Möglichkeit, sich auch nur irgendwie zu akklimatisieren.

So ging es dann weiter, nach 2 Stunden kam ich aus den Wald heraus, wechselte kurz auf die Straße und dann wieder in den Wald herein, wo der lange Anstieg des Tages begann. Meine Hoffnung, dass es irgendwie besser wurde, schlug umgehend fehl. Nichts wurde besser, sondern nur noch schlimmer. Meine Kleidung konnte inzwischen gar keine Feuchtigkeit mehr aufnehmen, auf meinen Hosen bildeten sich Wasserperlen auf der Oberfläche. Alles fühlte sich an, als ob ich mit den Sachen zwei Stunden im Pool gelegen hätte. Und das ohne einen Tropfen Regen! Der lange Anstieg förderte natürlich auch noch die Schweißbildung, wobei ich irgendwann auch nicht mehr wusste, ob ich überhaupt noch Wasser im Körper habe. Sobald ich was trank, schoss das Wasser umgehend aus allen Poren wieder raus. Der Wanderweg? Ging größtenteils im Wald lang, ab und zu mal über steile Hänge, wo man sehen konnte, das der Nebel schön im Berg hing. Um ehrlich zu sein, interessierte mich das auch recht wenig, ich konnte in der Schrecklichkeit des Tages sowieso nix Gutes erkennen.

Als ich dann aus dem Wald richtig herauskam auf 1.400 Meter Höhe wurde es noch übler. Denn jetzt kamen noch die Insekten und unzählige Brennnesseln hinzu, die den schmalen Pfad begrenzten. Für die Fliegen war ich ein perfekter Rinder-Ersatz, genauso geruchsintensiv, auch wenn die ein oder andere wahrscheinlich auf meinem Arm ertrank, so wie das Wasser dort drauf stand. Als ich dann noch einen Schmerz am Ellenbogen bemerkte und die scheiß Bremse noch wegfliegen sah, war es um mich geschehen – ein lautes „Fuck you“ fleuschte aus meiner Kehle und erhallte am nebelverhängenen Berghang. Inzwischen war ich nicht mehr weit vom Pass entfernt, überquerte dann die Grenze und blickte wiederum ins Nichts.

Auch auf spanischer Seite war die Sicht kaum vorhanden, warum sollte sie auch? Immerhin war es von hier aus nun nur noch ein Katzensprung bis zum Wintersportort Candanchu. Die imposanten Hotels wirken hier im Sommer verlassen und unpassend, mir war es heute egal. Warme Dusche, Bett, das reicht erstmal. Leider haben die hier in diesem riesigen Hotel keine Waschmaschine… was bedeutet, dass ich meine völlig räudigen Sachen von heute noch per Hand im Waschbecken schrubben musste und nun hoffe, dass diese bis morgen trocken werden (wahrscheinlich nicht). Eine improvisierte Wäscheleine hängt nun quer durchs Zimmer… Im übrigen hat es auch meine Socken und Schuhe völlig durchnässt. Alleine von der Luftfeuchtigkeit. Das hatte ich auch noch nie und zeigte mir nochmal, was für ein wirklicher Dreckstag das heute gewesen ist.

Auch wenn es nur gut 5 Stunden waren, aber ich habe selten einen Tag gehabt, der moralisch so hart zu überstehen war. Jede Minute unterwegs war eine Qual, dabei haben die Beine aber weiterhin gut funktioniert. Achso – direkt nach meiner Ankuft kam die Sonne heraus und machte es hier zu einem herrlichen Spätnachmittag. Und morgen wahrscheinlich wieder Nebel…

Hinterlasse einen Kommentar