„No hablas espanol“ gebe ich dem Touri nahe meiner Zielhütte zu verstehen, dass ich seiner Landessprache nicht mächtig bin und seine Frage bei mir ins Leere läuft. Er will einen neuen Anlauf nehmen und nach einem Weg fragen, doch seine Frau daneben schaut auf meine verdreckten Beine und guckt dann in mein erschöpftes Gesicht, dass nur eines sagt – den einzigen Weg, den dieser Verrückte kennt, ist der Weg aus der Wanderhölle. Schnell zieht sie ihrem Mann weg, bevor ich sie dorthin schicken kann, woher ich entflohen bin.
Neun Stunden, 23 Kilometer, über 1.500 Höhenmeter Abstieg, krauchend durch Tunnel, kletternd über Felsvorsprünge, balancierend auf Wasserrohren, ewige Zeit durch grobes Blockwerk kämpfend – alleine diesen Tag am Ende noch in allen Details zusammenzufassen, wird zur Arbeit. Aber als ich am Ende in der Dusche stehe und der Dreck und Schweiß von meinem Körper weicht, bin ich stolz. Und lache am Ende noch im eiskalten Wasser hysterisch wie so ein Comic-Superschurke, der die Welt erobern will. Naja, so schlimm wird es bei mir wohl nicht werden, ich gebe mich mit Bier und Nudeln zufrieden.

Dreiviertel Neun stehe ich abmarschbereit vorm Refugio Bachimana. Und nun sollte es erstmal auf den „neuen“ Weg gehen, freundlicherweise hatte diesen jemand vor kurzem auch erst mit einem roten Punkt markiert, so dass die Orientierung gesichert sein konnte. War auch gut so, ich hätte mich sonst direkt verlaufen. Mit mir startet noch eine Gruppe in den Steig, die mir anfangs eine gute Orientierungshilfe ist, nach kurzer Zeit überhole ich sie aber. Es geht direkt mit ein wenig Kraxelei los, einfach ist das hier nicht. Der Weg ist schmal, wenig ausgetreten und definitiv nix für Anfänger. Und hierbei überrasche ich auch zwei Gämse, die ruhig am Pfad grasten, die hatten wohl auch nicht damit gerechnet, dass hier jemand lang kommt.


Der Weg zieht nun weiter am Hang entlang, spektakulär die Blicke in die Tiefe und die umliegenden Berge. Ein falscher Schritt kann hier schnell einen Sturz über mehrere hundert Meter bedeuten, so dass ich hochkonzentriert bleiben muss. So richtig lustig wird es aber erst, als das Wasserrohr ins Spiel kommt, was hier oben lang verläuft (ich vermute, dass der Weg ursprünglich für die Montage und Instandhaltung des Rohrs angelegt wurde). Es gibt Stellen, da muss man über das Rohr balancieren, während rechts der Hang gnadenlos steil abfällt. Zwei Tunnel sind zu durchqueren, einer so klein, dass ich mit Rucksack nicht durchkomme und diesen in gebückter Haltung durchtragen muss. Der zweite ist länger und währenddessen gilt es, unter dem Rohr durchzukriechen. Das Abenteuerlevel ist hier schon ganz hoch. Nach 1:40h erreiche ich das Ende des Pfads und wechsle nun auf den richtigen Wanderweg. Ich schnaufe durch, denn mental war das ganze sehr anstrengend, wohlwissend, dass jeder Fehler, jeder falsche Schritt bitter bestraft werden könnte.


Das Schild hier verschafft nicht unbedingt beste Laune – es sind noch mindestens 6 Stunden angesetzt. Nun geht es hoch zu den Brazato-Seen, der Anstieg ist einigermaßen steil, aber gut zu laufen. Der erste See strahlt gnadenlos blau in der Berglandschaft, die Sonne glitzert auf der Oberfläche. Es ist fantastisch. Doch am höchsten Punkt bin ich noch lange nicht, eine erste Steilstufe wartet mit einer kleinen Kletterpassage auf mich. Die beiden nächsten Seen sind zu sehen und nun wird es richtig felsig. Laufen oder Wandern ist das nicht mehr, es gilt im Schuttfeld einen Weg zu suchen und teilweise mit den Händen am Hang entlang zu kraxeln. Bergauf geht das aber meistens noch und nach etwas mehr als drei Stunden stehe ich quasi Punkt 12 oben auf 2.560m Höhe und bestaune die umwerfende Landschaft.




Vor mir schieben sich mehrere Dreitausender ins Blickfeld und weisen auch den Weg in den Abstieg. Das erste Stück ist steil, geht aber noch ganz gut zu laufen… und dann wurde es richtig übel. Riesige Schutthalden galt es nun zu überwinden, tausende Steine, Felsen, der Weg ging einfach mittendurch. Und das geht nur sehr langsam, da man jeden Schritt abwägen muss. Ist der Stein wackelig? Kann ich von dort weitergehen? Es dauert ewig, zerrt an allen Kräften und ist extrem demotivierend. Dazu verlieren sich die Wegmarkierungen mehrmals… so dass man teilweise wieder zurück muss, um nicht in eine Sackgasse zu laufen. Ich brauche ewig… Es ist ein wenig wie früher bei Takeshis Castle, als die japanischen Gameshow-Teilnehmer über das Wasser mit den Steinen hüpfen müssen und ich hoffe, dass unter mir keiner wegbricht, so dass ich „baden gehen“ muss. Nach etwa 5,5 Stunden erreiche ich mit der Querung des Flußes Rio Ava einen wichtigen Punkt, denn hier wechsele ich nun in offenes Gelände und hoffe, dass ich hier nun gut laufen kann.



Tja… der Weg wird etwas einfacher, bleibt aber weiter anspruchsvoll. Die Sonne knallt von oben. Und es gibt ein weiteres Problem – Mein Rucksack. Nicht funktional, aber das scheiß Ding quietscht wie Sau am Rücken. Ich hab keine Ahnung, woran es liegt, finde aber auch nix, wie es aufhört. Bei jedem Schritt gibt es Geräusche. Und es nervt mich unfassbar. Ich drohe damit, ihn zu verbrennen und mein Zeug per Hand zu schleppen, als Antwort kommt nur ein Quietschen. Frustriert packe ich mir die Kopfhörer in die Ohren und übertöne mit Indie Rock die nervigen Geräusche. An einem Schild sehe ich die Info, dass es immer noch 2,5 Stunden. Ich mache nix gut… dennoch genieße ich diese extrem schöne Umgebung immer wieder, dass soll nicht in Vergessenheit geraten 😀


Das Ende ist recht schnell zusammengefasst. Ich nehme die Beine in die Hand, überquere diverse Bergrücken (was bedeutet, dass es immer wieder kurz hoch und runter geht, was auch ordentlich Kraft kostet) und erreiche schließlich eine Forststraße. Noch nie war ich so glücklich, auf einem breiten Weg zu laufen und nicht mehr jeden Schritt austarieren zu müssen. Inzwischen ist der Monte Perdido vor mir zu erkennen, einer der touristischen Highlights der Pyrenäen.
Nun nimmt auch die Zahl der Touristen zu, u.a. der Herr mit der Frage nach dem Weg. Nach etwas über 9 Stunden erreiche ich schließlich das Refugio Bujaluero – und hier wimmelt es von Menschen. Man kann mit dem Auto ranfahren und viele nutzen dies am Feiertag zu einem Ausflug. Am Abend treffe ich noch auf ein ungarisches Pärchen, welches ich mittendrin am Berg überholt habe und wir quatschen noch ein wenig. Morgen geht’s dann wieder nach Frankreich.
