Nach der neunstündigen Etappe gestern ist es nun tatsächlich das erste Mal richtig geschehen – ich merke meine Beine, mein Rücken, meine Schultern am neuen Morgen. Der Tag hat definitiv Spuren hinterlassen, allerdings nicht nur am Körper, sondern auch an der Ausrüstung. Denn meine Schuhe bekommen oberhalb der Sohle kleine Risse. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das normaler Verschleiß nach gut 300 Kilometern ist oder ob die mir demnächst mal vom Fuß fallen… Scheinbar mag mich mein Equipment aktuell nicht so gern, denn auch Quietschi (mein Rucksack) war heute wieder aktiv.
Der Plan für heute war relativ einfach, vom Start weg gut 1000 Höhenmeter hoch auf den Pass nach Frankreich und von dort wieder 1000 Höhenmeter runter bis nach Gavarnie. Auf der einen Seite glücklich, dass es nicht so lang ist, aber dafür halt etwas steiler. Und so ging es kurz vor halb zehn vom Refugio Bujaruelo los und ohne Umschweife oder Warmlaufen in den Steig.

Der Wegweiser veranschlagte drei Stunden bis zum Pass, dem Port de Bujaruelo. Nun denn, dachte ich mir, schauen wir mal, ob es vielleicht auch bissel schneller geht. Und zack war ich im Anstieg drin und die Beine trugen mich geschwind nach oben. Schnell gewann ich an Höhe, das erste Steilstück mit 600 Höhenmetern hatte ich in etwas mehr als einer Stunde absolviert. Schritt für Schritt arbeitete ich mich nach oben und konnte dann auch das Tal bestaunen, aus dem ich gerade aufgestiegen war. Vor mir offenbarte sich nun eine Hochebene, an dessen Ende bereits der Pass zu erkennen.


Hier galt es nochmal gut 350 Höhenmeter zu überwinden, am Ende eine Schuttrinne hinauf, wiederrum musste über ein paar Felsbrocken aufgestiegen werden (aber kein Vergleich zu gestern) und nach exakt zwei Stunden stand ich oben am Pass und damit an der Grenze – eine Stunde schneller als geplant. Es ist erstaunlich zu sehen und zu fühlen, wie der Körper selbst nach dieser langen Zeit noch so funktioniert und sich sogar steigern kann. Angesichts auch des Gepäcks, das ich ja weiterhin mit mir mitschleppe, kann ich das nur genießen. Wobei es sicherlich auch hilft, dass ich aktuell wohl so einiges an Gewicht in den Pyrenäen bisher gelassen hab.


Oben am Pass gönne ich mir nur eine kurze Pause, da es extrem zieht und in nassgeschwitzten Sachen macht das weniger Spaß. Zudem hängt mir heute das Wetter etwas im Nacken, da ab Nachmittag eventuell Gewitter auftreten könnten. Der Himmel hat sich auch definitiv zu den Vortagen geändert, auch wenn die Sonne weiterhin von oben einheizt (ich bin jetzt bei der dritten Tube Sonnencreme…). Und war es gestern schon touristisch am Ende, wird sich dies nun noch mehr steigern, denn ich betrete nun die Bergwelt von Gavarnie und die ist in Frankreich extrem bekannt.

Der lange Abstieg ist größtenteils sehr gut zu gehen. Zwar gibt es immer wieder steilere Abschnitte und sehr schmale Pfade, bei denen ein Abrutschen ungünstig wäre, aber da gab es in den letzten Wochen deutlich schlimmeres. Allerdings etabliert sich nun ein neuer Erzfeind hier – das Pyrenäengras. Denn im Gegensatz zu lieblichen Grasflächen, die man sonst kennt und wo man sich auch gern draufsetzen kann, ähnelt das hiesige Gras mehr einen Kaktus. Man kann sich nicht drauf setzen, es sei denn man hat eine Vorliebe dazu, dass einen hundert spitze Nadeln in den Hintern gerammt werden. Ich hatte ja schon zu Beginn der Tour darüber philosophiert, dass die hiesige Flora nur aus Stacheln besteht, das Gras setzt diese Tradition grandios fort. Insgesamt bin ich nun gemächlich unterwegs, mache immer wieder kleine Pausen und da das Wetter ruhig bleibt, kann ich das ganze auch genießen.


Im Abstieg offenbaren sich nun langsam die großartigen Ausblicke, die die Gegend um Gavarnie so berühmt machen. Rechts von mir gehen die Felswände teilweise über 1.000 Meter hoch, Wasserfälle stürzen ins Tal. Es ist beeindruckend. Doch das größte Naturschauspiel kommt nur langsam ins Blickfeld – der Cirque (deutsch: Zirkus) de Gavarnie. Dieser Felskessel beherbergt einen der höchsten Wasserfälle Europas und der Anblick verschlägt einen die Sprache. Rundherum stehen gigantische Felsmauern und selbst von weitem erkennt man diesen riesigen Wasserfall, wie er ins Tal stürzt. Kein Wunder, dass sich hier halb Frankreich versammelt.

Heute sehe ich dies nur aus der Ferne. Aber ich habe schon beschlossen, hier einen weiteren Tag zu verbringen und dies näher zu begutachten. Das muss einfach sein, wenn man schon mal hier ist. Dafür lasse ich die nächste Etappe auf dem französischen Weg dann ausfallen (und 26km über 9 Stunden klingen halt auch nicht gut) und genieße dieses Naturschauspiel umso mehr. Ich schlendere noch ein wenig durch Gavarnie, beobachte die unzähligen Touristen, kaufe mir was kühles zu trinken und begebe mich dann in meine Unterkunft.

Gute 15km mit 1000hm hoch und wieder runter, Gehzeit ca. 5h.