Akku leer am Tourmalet

Juli 2003: Jan Ullrich ist in Bestform und attackiert an den steilen Rampen des Col du Tourmalet den Dauersieger Lance Armstrong und fährt mehrere Kilometer allein an der Spitze der Tour de France vor ihm. Nun, 20 Jahre später klettere ich parallel zur berühmten Passstraße den Berg hinauf. Allerdings fühle ich mich eher wie jemand, dessen E-Bike keinen Akku mehr hat und kaum einen Meter ohne Qual hinauf schafft.

Kurzer Rückblick auf gestern: Gavarnie ist noch überlaufener, als ich es vermutet hätte. Beim Weg zum Wasserfall sind mit mir tausende Menschen unterwegs. Als es dann berghoch geht, sind manche vorm Kollaps, es ist halt kein Shoppingbummel auf der Champs-Elysee. Viele lassen ihre Kinder durch Esel herumtragen, was auch dazu führt, dass der Weg teilweise gnadenlos zugeschissen ist. Ohne Rucksack renne ich gefühlt federleichg durch die Menschenmassen nach oben und überhole hunderte, bis ich an einen Aussichtspunkt komme. Hier hätte man noch weiter gehen können, aber aus der Ferne sieht man schon, wie viele sich da hochquälen. Nein, das ist nix für mich. Und schwups geht’s wieder nach unten, so war es ein eher kleiner Ausflug und ich bin froh, als ich wieder meine Ruhe habe.

Heute morgen ging es dann eine halbe Stunde mit dem Bus weiter runter nach Luz Saint-Sauveur (oder so…). Der Bus gut gefüllt mit anderen Wanderern mit schweren Gepäck, die meisten wohl am Ende einer Tour. War es in Gavarnie schon gut warm, wurde es nun weiter unten in Luz richtig heiß. Mehr als 30 Grad, die Sonne brennt von oben richtig. Ich kaufe mir noch einen Fünferpack Snickers (wovon ich vier direkt heute unterwegs esse, mein einziges Doping im Vergleich zu Ullrich & Armstrong) und verlasse Luz wieder in die Berge.

Und nun wird es richtig heftig. Mein schlaues Büchlein hat mich schon gewarnt (sehr steil), in Natura kann ich das nur bestätigen und mit der brütenden Hitze wird es zur richtigen Qual. Nach 20 Minuten sitze ich das erste Mal und überlege, ob ich wieder absteigen soll. Ich kann mich irgendwie motivieren, weiterzugehen, sitze aber 15 Minuten später an der nächten Abzweigung, die ins Tal führt und bin wieder kurz davor, den heutigen Tag (und damit eventuell auch die Tour?) zu beenden. Doch irgendwie geht es immer weiter. Ich stemme mich nach oben, setze den schweren Rucksack auf und marschiere weiter. Meter um Meter geht es im steilen Wald hinauf, zwischendurch bin ich schon so irre, dass ich mich lautstark selbst anfeuere, dass ich den Anstieg bezwingen kann. Gehört hat es eh niemand, da ich quasi den ganzen Tag komplett alleine unterwegs war. Der Anstieg ist eine Qual, mein mentaler und körperlicher Akku quasi leer. Aber ich gebe nicht auf.

Ich bin durchaus stolz auf mich, denn mit gutem Tempo komme ich tatsächlich auf der Hochebene an und kann erstmal ein wenig durchatmen. Es sind zwar immer noch über 10km zu laufen, aber die Hauptschwierigkeit des Tages ist damit geschafft. Nachdem es dann immer noch etwas hoch und runter geht, flacht der schmale Weg ab und verläuft fast eben am Berghang entlang. Schwer ist das alles nicht mehr und so geht es nun recht geschwind in Richtung Bareges. Im Osten erkennt man schon den Pic du Midi de Bigorre, einem fast 3000 Meter hohen Gipfel, den man mit Observatorium, Funkmasten und Seilbahn extrem zugepflastert hat. Dieser liegt quasi oberhalb vom anfangs erwähnten Col du Tourmalet, einen der bekanntesten Pässe der Radsportwelt, der fast jährlich von der Tour de France überquert wird.

So geht es für mich noch weiter nach Bareges, einem kleinen Ort ungefähr auf der Hälfte des Tourmalet-Passes, am Ende noch durch eine schöne Waldlandschaft, wobei ich froh bin, endlich anzukommen. Und manchmal meint es das Schicksal auch gut mit einem – denn pünktlich mit meinem Ankommen finde ich eine E-Mail im Postfach, dass meine geplante Hütte für morgen noch ein Bett frei hat. Somit steht der 8-Stunden-Tour über 23 Kilometer durch die Bergwelt nix mehr im Wege 😀.

14 km, 900 Höhenmeter hinauf, 400 runter, ca. 5h

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