Auf einen Bergkaffee bei Annelies und Fritz

Sobald man nach dem Foo-Pass im Internet sucht, sieht man traumhafte Bilder, wie schön die Aussicht da oben ist (macht das gern mal und vergleicht es dann mit meinen Bildern). Richtung Westen schaut man auf die kommenden Gipfel der Via Alpina, ein absoluter Panorama-Spot. Nun – heute leider nicht. Also so gar nicht. Nicht mal so, dass man bis zum nächsten Berg sehen kann, nein – nach 20 Metern wird jeder Blick vom Nebel verschluckt und die Augen nehmen nur das immerwährende Grau wahr, welches mich den ganzen Tag begleitet.

Der gestrige Abend auf der Alp Siez wird von Dauerregen begleitet. Für die sechs Via-Alpina-Wanderer gibt es ein gutes und für Schweizer Verhältnisse sogar ganz günstiges Abendessen, die Nacht im Lager ist auch okay,  auch wenn die Matratzen recht dünn sind und mein Hüftknochen innig mit dem Holzboden kuschelt. Währenddessen toben nachts Gewitterstürme durch das Tal, stellenweise ist es so hell vom Blitz, dass man aus dem Tiefschlaf erwacht. Immerhin dies beruhigt sich dann wieder, so dass der Start am Morgen dann zwar im Grau, aber immerhin recht trocken ausfällt.

Heute geht es auf die erste „große“ Etappe der Via Alpina. Groß in dem Sinne, dass ordentlich Höhenmeter anstehen, um ins nächste Tal zu gelangen, außerdem geht es das erste Mal über einen Pass mit über 2000 Metern Höhe – dem Foo-Pass (2223m).

Die ersten Kilometer geht es noch durchs Weisstannental, ich entscheide mich hier für die spannendere Variante und laufe nicht die Straße entlang, sondern näher am Hang und mache dort schon die ersten Höhenmeter. Spannend wird es auch dadurch, dass ich mich kurzzeitig mal verlaufe, einem Kuhpfad folge und dann gezwungen bin, die Kuhwiese mit einer spektakulären Kletteraktion über den Elektrozaun zu verlassen. Die Natur hier ist grün, das Wasser kommt von überall herunter, so dass die Schuhe schnell nass sind.

Nach gut einer Stunde komme ich zu einem Wegschild, dass mir die Dauer bis zu meinem Zielort Elm anzeigt – 6:45 Stunden. Also wird es definitiv noch ein langer Tag. Im Talschluss erspähe ich nun den weiteren Weg den Berg hinauf. Also würde ich, wenn nicht gut 100 Meter über den Tal die Nebelwand vorhanden wäre. Der Wirt von der Alp Siez meinte, dass es gegen 10 wohl aufklaren soll, leider sollte sich dies nicht bestätigen.

So ging es nun in den Hauptanstieg zum Pass hinauf und man sollte nicht enttäuscht werden. Die ersten 300 Höhenmeter zogen sich direkt steil den Hang hinauf über eine Art Geröll-Schutt-Weg, der mitunter nicht einfach zu laufen war. Inzwischen war ich dann auch im Nebel angekommen und die Stimmung war absolut gespenstisch. Kaum Sicht, um einen herum ein konstant lautes Rauschen von den ganzen Wasserfällen, der schmale Weg vor einem, der oberhalb vom rauschenden Bach führt, dessen reißende Wassermassen gen Tal stürzen.

Dazu fehlten auch einfach die Fokuspunkte im Aufstieg. Wer in den Bergen unterwegs ist, weiß, dass es einfach auch motivierend ist, vor einem einen Hügel zu sehen und zu wissen, da muss man noch hoch. Ganz zu schweigen von der Aussicht allgemein, die man genießen kann. Aber wenn man das nicht hat, auch niemand, der vor einem läuft, ist das mental sehr anspruchsvoll. Auf der Karte hatte ich mir bereits die Alp Foo auf 1880 Metern als erste Pausenstation ausgesucht. Der Weg zieht sich dann doch, bevor er sehr steil zur Alp hochführt, zum Schluss über Stufen mit einem Stahlseil als Sicherung. Zur Belohnung gibt es auf der Alp eine Getränkestation zur Selbstbedienung – sehr gute Erfindung, ich gönne mit erstmal eine Cola, um die Zuckerspeicher für die letzte Stunde Aufstieg wieder zu füllen.

Hier treffe ich ein Schweizer Pärchen, welches in der vergangenen Nacht ebenfalls auf der Alp Siez übernachtet hat. Da ich mich nach drei Stunden einsamen Kampf gegen den Berg über Gesellschaft freue, schließe ich mich ihnen an und wir gehen zusammen in Richtung Pass. Und hier merke ich schon, wie angenehm sowas sein kann, wenn man durch vorweglaufende Personen mitgezogen wird. Gemeinsam erklimmen wir drei nun die letzten Meter und stehen gegen halb 1 nach vier Stunden auf dem Foo-Pass. Und sehen – wie in der Einleitung bereits beschrieben – gar nix.

Inzwischen habe ich auch die dritte Jacke an, so richtig weiß man nicht, was man anziehen soll. Ohne Jacke zu warm, mit Jacke schwitzt man ohne Ende, ganz oben zieht es wie Sau, so dass die andere Jacke noch her muss… es ist ein Trauerspiel (und ich hoffe, bis morgen ist alles halbwegs wieder trocken, inklusive Schuhe).

Oben verabschiede ich mich erstmal von den beiden, da ich sofort in den Abstieg wollte, um mich nicht zu verkühlen. Nach 1.300 Höhenmeter bergauf nun das gleiche wieder runter – ein Fest! Die ersten 45 Minuten ist es auch richtig steil, vorsichtiges Gehen am Berghang ist gefragt, während um mich herum geisterhafte Kuhglocken läuten – ich höre sie, aber eine Kuh bekomme ich dank des Nebels nie zu Gesicht. Das erste Ziel für den langen Anstieg ist die Besenbeiz-Alp, da ab hier der Weg angenehmer wird.

Während ich mich der Hütte nähere, sehe ich bekannte Gesichter – die deutschen Frauen von der Alp Siez sitzen drinnen und gönnen sich Kaffee und Kuchen. Spontan geselle ich mich dazu und gönne mir auch ein Käffchen. Annelies und Fritz sind absolut goldige Gastgeber, die jeden in ihre private Stube  winken, der hier vorbeikommt. Wir unterhalten uns noch ein Weilchen, dann muss ich aber weiter – der Abstieg ist noch lang. Trotz des bescheidenen Wetters, die Herzlichkeit an diesem Ort wird mich noch lange begleiten.

Nun wird es recht unspektakulär. Der Abstieg zieht sich tief ins Tal hinein, unterwegs hole ich das Schweizer Pärchen wieder ein, die mich während der Kaffeepause überholt hatten (flotte Sohle heute von mir) und wir gehen den restlichen Weg zusammen.

Irgendwann erreichen wir dann wieder die Nebelgrenze und können endlich mal weiter als 20 Meter schauen – ein erhabenes Gefühl nach so vielen Stunden. Und dann, nach etwas mehr als 7:30h, erreichen wir das kleine Dorf Elm.

Ich quartiere mich im kleinen Hotel ein, bekomme ein recht kleines Zimmer und muss mich dann noch drum kümmern, dass meine wohlriechenden Klamotten irgendwo unterkommen, nur nicht im Zimmer, weil das ansonsten unbewohnbar wird. Am Ende darf ich diese im Konferenzraum aufhängen. Ich frage nochmal nach, auch mit dem Hinweis, dass die Sachen nach fast 8 Stunden nicht zwingend nach Rosen duften, aber es scheint nicht zu stören. Nun gut, viel Spaß beim nächsten Seminar wünsche ich. Ansonsten feiere ich noch einen kleinen Rekord, denn knapp 2.900 Höhenmeter im Auf- und Abstieg habe ich an einem Tag noch nie gemacht. Und dafür fühle ich mich jetzt doch ziemlich gut. Morgen wird es etwas entspannter, da nur Aufstieg zur Hütte.

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