1200 Höhenmeter ins Wanderglück

Die letzten Tage waren insgesamt nicht so leicht – die Kombination aus dem schneeverhangenen Pass und ein zwickendes Knie hatten zu einigen Umplanungen geführt, die mich doch gut aus dem Rhythmus gebracht hatten. Gestern wollte ich meinen Zielort Engelberg eigentlich dann durchs Tal erreichen. Naja, der Gedanke war da, aber nach 2 Stunden in der schattenlose Hitze und über Asphalt, da war die Lust dann schnell vorbei. So ging es den Rest via Zug ins mondäne Engelberg.

Da ich noch etwas Zeit bis zum Check-In in meiner Unterkunft hatte, pflasterte ich mich auf eine schattige Wiese, direkt vor dem 5-Sterne-Kempinski-Hotel. Die High-Society ist hier auf jeden Fall anwesend. Engelberg ist ein Bergort par-excellence, mit entsprechenden Geldbeutel kann man hier alles machen. Jeder Hang ist mit Seilbahnen zugeklatscht, über die Straßen lassen sich Rentner mit einer Kutsche ziehen. Hier hat selbst der Dönermann Angestellte mit makellosen weißen Hemd und Krawatte (Dönerpreis = ca. 13 €), während ich mir zum Abendbrot ein Baguette im Supermarkt hole und es selbst mit Käse belege. Leben am Limit. Netterweise treffe ich hier zufällig das Schweizer Pärchen, mit welchem ich am zweiten Tag unterwegs war.

Als ich heute morgen aufbreche, schweben die Fragezeichen über meinem Kopf. Macht das Knie heute wieder richtig mit? Wie fühlt es sich an, nach der Pause wieder richtig loszulegen? Nun – die ersten Meter sind echt schlimm. Das Knie meckert, der innere Schweinehund irgendwie noch mehr. Beide sehnen sich nach der gewissen Bequemlichkeit der letzten Tage zurück. Ich bin noch nicht mal am Ortsausgang von Engelberg…

Aber heute muss es sein. So geht es in den ersten Anstieg. Also eigentlich ist es ein großer und langer mit über 1.200 Höhenmetern am Stück, aber durch zwei kurze ebene Abschnitte ergibt sich quasi eine Dreiteilung. Im Wald stampfe ich die ersten Höhenmeter bergauf, ganz allein, irgendwie will hier niemand hoch. Über steile Treppen erreiche ich schließlich das erste Almgelände, gut 300 Höhenmeter sind geschafft. Inzwischen hat mein Körper wieder umgeschaltet – gefühlt habe ich die Schmerzen im Knie herausgelaufen und der innere Schweinehund ist in seine Hütte zurückgekehrt. Nun übernimmt wieder der Wanderflow, das pure Vergnügen an der körperlichen Qual.

Der zweite aufsteigende Abschnitt ist nun aber eine ganz andere Kategorie. Ich sehe schon, wie die Seilbahn hier fast senkrecht hinaufgeht, der Steilhang sieht aus der Ferne extrem aus.

Gut 500 Höhenmeter sind hierfür nun veranschlagt. Ich nehme die Beine in die Hand und begebe mich in die endlosen Serpentinen, die der Hang für mich bereithält. Es lässt sich aber gut laufen, keine Ahnung wie die Schweizer das geschafft haben, aber ich komme gut vorwärts. Bei einer kleinen Pause treffe ich einen Schweizer, der die Via Alpina andersrum läuft und mir von großen Schneemengen hinter Lauterbrunnen erzählt. Davon hab ich auch schon gehört und werde da leider auch einiges umplanen müssen.

Zurück im Anstieg beginne ich nun durchgehend die Seilbahn zu kreuzen. Mein Blick wandert zu den Kabinen und wie einfach und leicht, sie den Hang hinaufgleiten, während ich ein paar Meter darunter um jeden Schritt kämpfe. Eine Familie mit kleinen Kindern winkt mir zu, gern erwidere ich dies und stürze mich in die letzten Meter.

Der Tag hätte ziemlich einfach werden können, da überall hier Lifte und Bahnen fahren, aber als ich meinen zweiten Checkpoint erreiche, weiß ich, dass ich alles richtig mache. Ich bin zwar gut erschöpft, aber noch funktioniert alles und die Stimmung ist gut. Ich bin sogar etwas unter der angegeben Laufzeit unterwegs, immer ein sehr gutes Zeichen.

Nun erreiche ich den Trübsee, eigentlich ein durchaus schönes Gewässer hier oben, aber man merkt sofort, dass die Bahn hier minütlich Turnschuhtouristen ausspuckt. Hüpfburgen, Instagram-Fotoflächen, es ist ein Graus. Natürlich werde ich hier auch sehr skeptisch beäugt – entschuldigt bitte liebe lavendelparfümierten Edeltouris, dass ich eure heile Bergwelt hier etwas aufmische mit meinen schweißgetränkten Klamotten, meinen dreckigen Latschen und dass ich inzwischen überall Schrammen, Stiche und Kratzer habe. Schnell flüchte ich in den nächsten Anstieg und hier bin ich wieder alleine.

Im Banne des Gletschers des Titlis (der leider auch mit allen möglichen Seilbahnen zugekleistert ist) geht es nun nochmal über 400 Höhenmeter hinauf zum Jochpass. Unten treffe ich auf zwei Wanderer, die mir bestätigen, dass der gesamte Weg schneefrei ist. So will ich das hören! Konstant geht es nun wieder hoch, ich merke inzwischen jede Faser des Körpers, bin aber immer noch glücklich, dass alles funktioniert, auch wenn die Schritte etwas langsamer werden. Für die letzte halbe Stunde Aufstieg lege ich mir meine Wunderwaffe auf die Ohren – aus den Kopfhörern erklingt der Soundtrack vom letzten Superman-Film von Hans Zimmer.  „Man of Steel“ ist nach über 1.000 Höhenmetern am Stück auf jeden Fall angebracht, in meinem Fall aber vielleicht eher nur „Mann mit Stahlwaden“, der Rest braucht vielleicht noch bissel ergänzendes Training.

Oben am Pass auf über 2.200 Meter Höhe bin ich sehr zufrieden, auch wenn es hier schon sehr trostlos ist. Riesiges Restaurant, mehrere Seilbahnstationen, aber nix los. Zwei Typen glotzen mich an, ich glotze zurück. Naja, auch hier galt nun wieder – je eher weg, desto besser. Auf der anderen Seite erwartet mich nun die Engstlenalp, mein heutiges Tagesziel.

Dafür musste nun aber wieder abgestiegen werden – und ich war vom Weg nicht wirklich begeistert. Vor allem im Vergleich zum verwaisten Mountainbike-Trail, der sich wunderschön und perfekt präpariert herunterschlängelte. Naja, hilft nix, dafür war die Aussicht zum Engstlensee fantastisch. Und auf einmal sah ich vor mir auf dem Weg was pelziges – ein Murmeltier hatte es sich hier gemütlich gemacht und ließ sich auch nicht stören.

Rundherum zog es nun merklich zu, der Titlis inzwischen gar nicht mehr zu erkennen und von einer dicken Wolkendecke erfasst. Es war nun gegen 15 Uhr und ab hier wurden nun auch Gewitter wahrscheinlicher. Also dann mal schneller absteigen – hey, da ist das nächste Murmeltier, ich muss wieder fünf Minuten Portraitfotos machen!

Natürlich bin ich dann noch in einen Regenguss gekommen, aber gestört hat es mich auch nicht, die Klamotten und ich waren vom Aufstieg sowieso noch komplett nass. Also genoss ich die wahnsinnig tolle Atmosphäre hier oben.

Das Berghotel Engstlenalp ist schon eine abgefahrene Unterkunft – eine Herberge aus viktorianischen Zeiten, welches diesen Charme bis heute lebt. Und dementsprechend auch sehr tolle Zimmer anbietet.

Einzig das Essen der Halbpension war dann doch bissel komisch. Kartoffelgratin mit Ratatouille und Gemüse. Also hab ich zu meinem geschmorten Gemüse nochmal ungeschmortes Gemüse dazu bekommen. Mein innerer Chefkoch kämpft immer noch mit der Sinnhaftigkeit dieser Komposition.

In Summe aber ein toller Tag – geiler Aufstieg und nun zurück im Wanderflow. Wenn nicht morgen Regen angesagt wäre und der eigentliche Weg wegen Winterschäden sowieso gesperrt ist. Naja, schauen wir mal, was wir draus machen können.

Hinterlasse einen Kommentar