Alpengiganten und frische Wäsche – Glücksgefühle in Grindelwald

Zuerst das positive – ich habe die Nacht im Horrorhaus überlebt! Beim Blick nach draußen legt sich die Euphorie kurzzeitig, denn es regnet mal wieder, der Himmel ist grau. Nichtsdestotrotz packe ich mein Zeug so schnell wie möglich zusammen und verlasse diesen unsäglichen Ort. Frühstück schenke ich mir, gegenüber gibt’s eine Bäckerei und ich hole mir zwei Croissants, muss erstmal reichen.

Und dann ging es hinaus aus Meiringen und in den ewig langen Anstieg. Vorbei an der Skulptur von Sherlock Holmes führte der Weg direkt schön steil zu einem Wasserfall hinaus. Wie immer fielen mir die ersten Meter schwer – allein im Wald, der Körper noch nicht bereit sich zu quälen und das Knie meckerte auch direkt rum, was dieser Blödsinn denn schon wieder soll. Nun ja, es wurde Zeit für die erste Ibu der Tour, in der Hoffnung, dass sich dies dadurch etwas beruhigt. Und es sei gesagt – es hat den ganzen Tag sehr gut geholfen.

Der Weg hoch zum Reichenbachfall war dann doch recht schnell geschafft, durchaus beeindruckend stürzen hier die Wassermassen Richtung Tal und sorgen für ein ohrenbetäubendes Getöse. Der Ort hat zudem einen hohen literarischen Wert – denn hier stürzte der Meisterdetektiv Sherlock Holmes zusammen mit seinem Gegenspieler Professor Moriarty in den (vermeintlichen) Tod.

Der erste Teil des Aufstieges war steil, aber wechselte dann in ein sanftes Gelände über, so dass man den Weg durchaus genießen konnte. Und inzwischen kam sogar die Sonne raus! Hoch oben hielten sich die Wolken noch ein wenig, aber ließen immer mehr Blicke in Richtung der Gipfel frei. Denn es sollte auch eine besondere Etappe werden, mit dem Übertritt in die Berner Alpen kamen nun die Bergriesen in greifbare Nähe.

Sieht auf den Bilder recht einsam aus, war es aber nicht ganz. Denn über die (für den normalen Verkehr gesperrte) Passstraße der Großen Scheidegg fahren viele Radler und zudem gibt es einen gut getakteten Busverkehr, der viele Leute dazu animiert, kleine Teilstücke zu laufen. Nur die wenigsten sind so bekloppt wie ich und latschen den gesamten Pass hoch.

Zwischenzeitlich merkte ich dann, dass mir aufgrund des kargen Frühstücks die Kraft flöten ging, nach fast 1000 Höhenmeter Aufstieg durchaus berechtigt. Also gab es eine sehr gute Stärkung mit Nudeln an eine der diversen Gasthöfe am Rande, so dass ich den finalen Anstieg in Angriff nehmen konnte. Und jetzt wurde es richtig wild. Die Sonne stand inzwischen weit über den Bergen, die letzten Wolken lösten sich auf und der Blick nach oben war inzwischen ungetrübt. Vor mir erhob sich das fast 3.700m hohe Wetterhorn, wie ein Wächter auf der linken Seite, mit seinen Gletschern im Gipfelbereich.

Die Blicke wurden minütlich immer besser, bis ich zu einer Art Arena kam – vor mir die rauschenden Bäche, die von den Berghängen herunterschossen und über mir diese riesige Felswand. Es war absolut beeindruckend.

Und dann begannen auch schon die letzten Meter des Anstieges. Inzwischen war ich – mit Pausen – schon 6 Stunden unterwegs, quasi nur bergauf. Der letzte Hang wurde nochmal steiler, neben mir kämpften sich die Radfahrer ebenfalls die letzten Kehren hoch. Ein anerkennendes Nicken mit einem Radler folgte, wir beide wussten, dass wir es gleich geschafft haben.

Und es ist kaum zu beschreiben, was für ein Gefühl dies ist, wenn man über 1.500 Höhenmeter am Stück hoch läuft und dann auf den letzten Metern weiß, dass man es geschafft hat. Eine Welle von Glücksgefühlen strömt durch den Körper, wie man es kaum intensiver erleben kann. Vor allem, wenn man noch so belohnt wird, wie an diesem Tag. Denn mit der Ankunft auf der Großen Scheidegg offenbart sich nun der Blick auf eine der größten Attraktionen der Alpen – die Eiger-Nordwand. Und Bilder können die Mächtigkeit dieser kaum wiedergeben, man erstarrt förmlich. Der Moment hätte nicht perfekter sein können, die Emotionen nach der Willensleistung kommen einfach hoch. Welch eine Belohnung nach fast 2 Wochen Bergwandern mit Höhen und Tiefen.

Es ist die perfekte Szenerie für den Abschluss dieses Wandertages – den langen Abstieg nach Grindelwald erspare ich mir, entlasten damit die Knie und belaste mal weiter die Kreditkarte (27 Franken für einmal ins Tal, völlig irre). Und unten in der Kleinstadt erwartet mich dann ein kleiner Kulturschock. Denn der Ort ist nicht nur voller Touristen, zu 80% sind diese aus Asien, was wirklich unglaublich interessant ist. Klar, Grindelwald ist wahrscheinlich eine der Orte, die das Alpenbild am meisten zelebrieren. Direkt vor dem Eiger gelegen gibt es hier alles mögliche für Touristen, tausende Ausflugsmöglichkeiten. Gefühlt spricht auch jeder Englisch.

In Grindelwald gönne ich mir dann noch einen Ruhetag, so war es geplant. Und dieser bringt noch einen Moment der puren Freude mit sich – ich kann nach 2 Wochen endlich meine Sachen mal richtig waschen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie dringend notwendig das gewesen ist. Im Endeffekt blieb eigentlich nur die Wahl zwischen Waschmaschine und anzünden, ich wäre mit beiden zufrieden gewesen, aber so passt es doch ganz gut. Ansonsten gab es noch ein sehr nettes Treffen mit einem Schweizer Bekannten und ein Nachmittagsspaziergang mit völlig überteuerten Essen, Bier und Eis. Life is good.

Morgen geht’s dann direkt an der Eiger-Nordwand entlang in Richtung Lauterbrunnen. Auch eine absolute Highlight-Etappe, auf die ich mich schon sehr freue!

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