Hier ist auch überall eine Seilbahn…

Nach einer ziemlich üblen Nacht am Thurnersee – sehr warmes Zimmer und eine komplett durchgelegene Matratze, wo man aufpassen musste, dass man nicht aus dem Bett fällt, so ein krasses Gefälle hatte die – ging es gestern mit den Öffis kurzerhand nach Kandersteg. Mal wieder ein kleiner, aber sehr touristischer Ort in grandioser Lage. Es ist Sonntag, das Wetter ist sensationell, gefühlt ist die halbe Schweiz hier. Aber nicht nur die, sofort fällt auf, das hier irgendwas anders ist. Zahllose junge Menschen mit Halsbändern sind hier unterwegs, tragen Shirts mit „Scout“ und bewegen sich in großen Gruppen. Kurz gegoogelt – hier ist ein riesiges Pfadfinderzentrum, welches auch international genutzt wird.

Da ich ja Zeit hab und noch was machen will, entscheide ich mich, zum Oeschinensee hochzulaufen. Da wäre ich auch lang gekommen, wenn ich die Via Alpina gelaufen wäre, also kann ich wenigstens ein paar Kilometer auf dem Weg machen. Schnell wird aber klar – alle haben das gleiche Ziel, nur ändert sich die Art und Weise der Fortbewegung schnell. 90% der Leute strömen zur Seilbahn, der Rest begibt sich auf die gut 1- bis 1,5-stündige Wanderung hoch zum See. Und da muss man auch sagen, wirklich schwierig ist das nicht, gut 400 Höhenmeter auf guten Wegen sollten die meisten noch schaffen. Zwischendurch überhole ich hunderte Pfadfinder, die das Konzept nicht ganz verstanden hatten, dass andere auch überholen wollen und man daher auch Platz machen sollte. Immer wieder offenbaren sich auch ein paar schöne Rückblicke ins Tal.

Bei der Ankunft am See werde ich dann schnell aus meiner Wanderidylle heraus gerissen. Tausende Menschen sind hier oben, klar – die Seilbahn spukt hier minütlich die Leute aus, die dann paar Meter laufen und sich ans Wasser legen. Ich bin ein wenig im Zwiespalt. Zum einen ist es einfach einer der schönsten Orte der ganzen Alpen, dieser See strahlt blau vor den schneebedeckten Gipfeln und offenbart die pure Idylle. Andererseits ist es laut, überall sind Menschen, die Instagram-Opfer posieren einen halben Meter neben mir, um mit dem perfekten Bild ein paar billige Likes abzustauben. Ich haue mich irgendwo in den Schatten und lasse die Touris eben Touris sein.

Runter geht’s dann natürlich wieder zu Fuß, das Gedränge an der Seilbahn muss ich unbedingt vermeiden. Geschwind bin ich wieder in Kandersteg, wo die Pfadfinder noch den örtlichen Supermarkt lahmlegen und für eine komplette Kompanie essen kaufen.

Nun ist bereits Montag und damit die letzte Wanderwoche angebrochen. Hier hatte ich mir nun etwas besonderes überlegt, denn die Hauptroute geht nun eigentlich nur noch von einem Tal zum nächsten, aber ein bißchen Bergfeeling wollte ich noch erhaschen. So gönne ich mir noch einen Ruhetag auf fast 2000 Meter Höhe, muss hierzu aber anders laufen. Theoretisch wäre es auch möglich gewesen, über einen sehr verwegenen Pass direkt von Kandersteg zum Ziel zu kommen. Angesichts der bisherigen Probleme mit den hohen Pässen (Altschneefelder) nehme ich Variante B – mit dem Bus nach Adelboden und dann den Steig hoch zur Engstligenalp.

Von Adelboden kann ich den beeindruckenden Engstligenfall schon sehen, der sich von der Hochebene, auf die ich will, Richtung Tal stürzt. Mein erstes Ziel ist also der Fuß des Wasserfalls, den ich nach gut 1,5 Stunden erreiche. Und hier ist natürlich wieder was? Richtig, eine Seilbahn. Die Schweizer haben echt an jeden Berg hier eine hingebaut. Der Parkplatz ist voll, auch heute herrscht wieder schönstes Wetter.

Für mich ist aber klar – hier gehe ich zu Fuß hoch. Gut 500 Höhenmeter sind es und der Steig ist eine absolute Freude. Sehr steil schlängelt er sich durch die Felswand neben dem Wasserfall hoch. Immer gut zu laufen, fordert er aber auch seinen Tribut – nach 2,5 Wochen bin ich dann doch nicht mehr so flink wie zu Beginn (auch wenn ich die ausgeschriebene Zeit am Wegweiser um 20min unterbiete). Zwischendurch kann man einen wundervollen Blick auf den Wasserfall werfen, dann geht es auf die letzten steilen Meter hoch zur Alpfläche.

Oben angekommen erwartet einen eine grandiose Alpenlandschaft. Die Engstligenalp liegt in einem Talkessel, der vom über 3.200 hohen Wildstrubel überragt wird. Mein Zimmer hat einen direkten Blick dahin, es ist traumhaft. Noch traumhafter ist, dass ich die Hotelleute gegen ein paar Franken überreden kann, meine Sachen zu waschen. So kann ich dann ab Mittwoch die letzten Etappen nach Montreux mit frischen Sachen in Angriff nehmen. Irgendwie ist es schon unheimlich, dass es nur noch 4 Etappen sind. Aber vorher gibt es hier morgen noch einen Ruhetag. Lang schlafen, Aussicht genießen und Kräfte sammeln für den letzten Abschnitt.

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