Gewitterversteck im Hofladen

Also dann – vier Tage noch bis Montreux. Am Ruhetag wurde es mir dann doch das erste Mal richtig bewusst, dass diese Tour nun sehr schnell auf ihr Ende zusteuert. Gefühlt war ich so lange im Bann der Jungfrau-/Eiger-Region, dass sich die Gedanken da weit nach hinten geschoben haben. Aber nun sind sie da. Und trotz einiger Abschnitte mit Bahn oder Bus stehe ich schon bei über 200 gelaufenen Kilometern mit über 20.000 Höhenmetern im Auf- und Abstieg. Und ich kann noch laufen, habe noch Kraft in den Beinen, die ich gestern gut geschont habe. Basketball gucken im Bett, Mittagsschlaf, großer Eisbecher und am späten Nachmittag eine Runde über das flache Alpgelände – so kann ein Ruhetag aussehen.

Zum Start des Tages hieß es erstmal noch klar werden, wo es lang gehen soll. Auch hier gab es die Option, über einen verwegenen und einsamen Pass day Almgelände zu verlassen und dann steil nach Lenk abzusteigen. Allerdings konnte ich von unten schon erkennen, dass da oben noch Schnee liegt und somit wurde der Plan schnell verworfen. Also erstmal wieder runter und dann zurück auf den offiziellen Via-Alpina-Weg. Den steilen Abstieg durch die Felswand, welchen ich vorgestern hochgekraxelt bin, habe mir dann mal gespart und bin kostenlos mit der Seilbahn runter. Von dort ging es dann aber los, erstmal gut eine Stunde bis nach Adelboden. Den Weg kannte ich ja auch schon, aber die paar Kilometer waren durchaus gut zum Warmlaufen.

Danach ging es hoch zum nächsten Pass der Route, den Hahnenmosspass. Und es sei gleich gesagt, dass dieser bisher der wahrscheinlich hässlichste der ganzen Tour war. Der Aufstieg unspektakulär, wobei die letzten Kilometer dann nur noch asphaltiert waren und mir aller 30 Sekunden Biker und Roller mit wahnwitzigen Tempo entgegenkamen. Dazu habe ich inzwischen die Bremsenstiche Nummer 17 und 18, die Viecher sind hier völlig verrückt, ich sehe inzwischen aus wie ein Streuselkuchen. Im Aufstieg konnte ich aber auch schon sehen, dass der Himmel sich deutlich verändert hatte – Wolken zogen links und rechts auf, türmten sich in die Höhe und wurden dunkler. Eigentlich war heute nur für das Voralpengebiet Gewitter angesagt, aber das sah so aus, als ob es hier auch demnächst losgehen konnte. Umso eiliger hatte ich es dann auch, um über den Pass zu kommen, damit ich dann im Fall der Fälle eine Backup-Option habe.

Oben am Pass habe ich dann mal wieder über 800 Höhenmeter Aufstieg hinter mir, hole mir fix was zu trinken, als es zu tröpfeln beginnt. Ich kürze meine wohlverdiente Pause ein und begebe mich in den Abstieg, denn die erste Bushaltestelle (Backup-Plan) ist gut 40 Minuten entfernt. Als ich dort bin, ist der Bus grad weg, das Wetter aber noch halbwegs stabil. Es wird zwar etwas dunkler direkt vor mir, aber noch sieht es nicht nach Gewitter aus. Ich schaue kurz auf die Karte und denke mir, dass ich noch etwas absteigen kann bis zur nächsten Haltestelle.

Und wie aufs Kommando beginnt der Himmel sich zu öffnen, als ich da ankomme. Ich kann mich glücklicherweise zuerst unter ein Dach stellen, dann eskaliert aber alles. Gewitter, Blitze, Hagel, sinnflutartiger Regen. Innerhalb von Minuten hat das Wetter komplett umgeschlagen. Zusammen mit zwei Pärchen verkriechen wir uns in einen Hofladen, wo man auf Vertrauensbasis Käse kaufen kann, während draußen die Welt untergeht. Wir sehen Blitze direkt vor uns, es ist eine absolut bizarre Stimmung. Nach gut 20 Minuten ist der ganz große Spuk vorbei.

Es sieht absolut faszinierend aus, wie die Gewitterzelle sich nun über den Berg arbeitet, rundherum donnert es noch, aber über uns wird es wieder klarer. Und wie bestellt kam nun auch der Bus. Das war auch ganz clever, diesen zu nehmen, denn kurz darauf ging es weiter mit Regen und Donner.

Nun genieße ich den Abend hier in Lenk in der wohl besten Unterkunft bisher, was Preis-Leistung angeht. Gutes Zimmer mit großen Balkon für 84 Franken mit Frühstück. Morgen wirds spannend. Eigentlich steht eine der „Königsetappen“ an, was Länge und Höhenmeter angeht. Nur – es soll bereits ab Mittag immer wieder gewittern. Schauen wir mal, was man da draus machen kann.

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