La Grande Finale – hinauf zum Rochers de Naye

Es ist soweit – ein allerletztes Mal morgens den Rucksack schultern und stundenlang durch die Botanik schleppen. Berge hoch und wieder runter. Ein letztes Mal die ganzen kleinen Vorbereitungen am frühen Morgen. Sonnencreme, Füße tapen, Wasser auffüllen, Voltaren aufs Knie klatschen.

Selbst beim Frühstück übertreffen sich meine Gastgeber, jede Zutat wird präsentiert, es ist quasi alles aus Eigenanbau oder von lokalen Produzenten. So geht es etwas später los als geplant, aber halb 10 sollte auch passen bei gut 7 Stunden Laufzeit. Das Ziel für heute und damit auch für die gesamte Tour ist der Berg Rochers de Naye, welcher oberhalb des Genfee Sees thront.

Die erste Stunde war relativ ereignislos, ohne größere Höhenunterschiede ging es entlang, bis ich an einem Tor schon eine Frau sah, die sich abmühte, dies aufzubekommen. Es stellte sich heraus, dass irgendein Volldepp den Wanderweg komplett abgesperrt hatte, das Tor, welches die Weide abgrenzte, war nicht zu passieren. Also musste es unter dem Stacheldraht hindurchgehen. Wie Rambo robbte ich also auf dem Waldboden unter dem Draht durch, als ich auf der anderen Seite war, sah ich auch schon das Blut an meinem Bein runterlaufen. Schönen Kratzer noch zugezogen am letzten Tag, zum Glück aber nix wildes. Desinfektionsspray drauf, ein paar Flüche in Richtung des Idioten, der hier Tore verriegelt mit Stacheldraht und weiter geht’s

Nächster Zwischenstopp war der Lac de l’Hongrin, ein großer Stausee. Quasi einmal rundherum ging es nun, ein paar schöne Eindrücke konnte man vom Rand gewinnen, auch wenn die Staumauer leider gesperrt war. Im Anschluss noch einmal ein paar Höhenmeter runter und nach etwas mehr als 3 Stunden war ich dann am tiefsten Punkt des Tages auf gut 1.100 Meter angekommen. Was bedeutete – ab jetzt geht es nur noch aufwärts. Der letzte Anstieg der Tour, nochmal fast 1.000 Höhenmeter am Stück bergauf.

Ich genoss noch eine kurze Pause und stürzte mich dann in die ersten steilen Meter des Berges. Es ist durchaus ein anderes Gefühl, wenn man mit dem Wissen läuft, dass es danach nicht nochmal was geben wird, dass es nur noch hoch geht und dann der Urlaub vorbei ist. Aber der Schritt war gut, auch wenn ich zum Abschluss nochmal mehrere Bremsenstiche mitgenommen habe. Diese Scheißviecher haben mich drei Wochen wirklich gequält. Ungefähr in der Hälfte des Anstieges gab es noch eine kleine Hütte – ich legte meine letzte Franken auf den Tisch, gönnte mir einen kühlen Eistee, füllte meine Wasserflaschen wieder auf und dann ging es ins Finale.

Zuerst ein paar Meter über Asphalt, ging es danach richtig steil in den Hang hinein. Teilweise auf allen Vieren musste ich über Wurzeln klettern, bis ich einen Gratweg erreichte, der einfach nur unfassbar schön war. Links war nun das erste Mal der Genfer See zu sehen, rechts sah ich den bereits zurückgelegten Weg. Und direkt vor mir, teils noch in den Wolken, lugte der Gipfel hervor.

Über wunderschöne Blumenwiesen ging es nach oben und so langsam wurde klar – ich bin gleich da. 200 Höhenmeter noch, eine letzte kleine Pause und dann weiter. Es war ein unfassbares Gefühl, das Wissen, dass man auch heute geschafft hat. Man wird da auch durchaus emotional. Ich konnte dann die Bahnstation und den Gipfel sehen. Das Ziel lag vor Augen.

Und dann hieß es nur noch, Beine in die Hand und hoch. Neben mir ausschließlich Touris, die mit der Bahn hochfahren und in Sneakern paar Meter laufen, stapfe ich wie eine Dampflok hoch. Es war mir völlig egal, wie doof die mich anschauen, mein persönlicher kleiner Everest war zum Greifen nah. Und dann war ich da.

Fast 1.700 Meter oberhalb des Genfer Sees stehe ich und genieße die Aussicht. Bin glücklich, es geschafft zu haben. Bin stolz, dass ich die drei Wochen so gut absolviert habe. Ich genieße gut 20 Minuten dort oben die Aussicht, bin in meiner eigenen Welt und rekapituliere die letzten Wochen. Was für eine Tour, was für eine traumhafte Kulisse für den letzten Tag.

Mit der Bahn fahre ich dann runter nach Montreux, wo ich den letzten Abend genieße. Die Strandpromenande ist traumhaft, der Sonnenuntergang vom Balkon unbeschreiblich.

Und damit ist es vorbei. Über 3 Wochen auf der Via Alpina durch die Schweiz. Unzählige Kilometer, haufenweise Berge, unbezahlbare Momente des Glückes, der Freude. Bis auf Kratzer, Insektenstiche und ein etwas angeschlagenes Knie keine Unfälle, keine Verletzungen und keine einzige Blase. Heute nun Rückreise mit dem Zug und morgen dann wieder Büro und Excel 😀.

Bis zur nächsten Tour!

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