Adrenalinrausch am Abgrund

Inzwischen ist schon Tag 4 der „Dolomitenwoche“ erreicht, es ist quasi Halbzeit und wir am südlichsten Punkt der Tour angekommen. Nun sollte es zum westlichsten Punkt gehen, der Pralongia-Alm. Dazwischen lag ein durchaus spannender Tag, anders als geplant und mit unerwarteten Erlebnissen.

Die Erwartungshaltung am Morgen ist ja meistens so, das man taufrisch aus dem Bett aufspringt und die kommende Wanderung nicht erwarten kann. Die Realität schlägt einem dann direkt schnell ins Gesicht, wenn selbst das Aufstehen schon schwerer fällt. Die Waden schmerzen, die Füße noch geschunden von den Vortagen. Das Treppensteigen zum Frühstück wird begleitet von zaghaften Jammern. Aber – nützt nix, es geht weiter.

Heute gab es mehrere Möglichkeiten zum Ziel zu kommen, nach Rücksprache mit dem Chef des Hauses, der meinte, dass auf dem kürzesten Weg kein Schnee mehr liegt, entschieden wir uns dafür. Das ist übrigens tatsächlich sehr krass dieses Jahr – es gab in den letzten Jahren noch nie so wenig Schnee in der Höhe wie aktuell. Selbst Passübergänge auf 2.500m Höhe sind quasi komplett schneefrei, nur auf den Nordseiten halten sich noch einige vereinzelte Restfelder.

Also auf und direkt bergan in Richtung Rifugio Averau zu den Felstürmen direkt hinter unserer Hütte. Die Aussicht ist genial. Im Westen liegt die Sellagruppe, etwas südlicher die Marmolada, der höchste Berg der Dolomiten mit dem Gletscher. Über einen interessanten Höhenweg auf gut 2.300m schlängeln wir uns um den ersten Felsturm herum und können dann auch schon die Hütte sehen, die den ersten Zwischenstopp bilden soll. Nun gibt es zwei Wege – links geht eine langweilige Schotterstraße, die der Großteil der Wanderer nimmt. Rechts entdecken wir aber einen Alternativweg, der doch recht steil kompromisslos einfach den Hang hinauf führt. Da der Weg auch in offiziellen Karten gekennzeichnet ist und wir andere Leute darauf sehen, nehmen wir diesen. Schotterwege hatten wir schon genug.

Zu Beginn ist es steil, aber noch ganz gut zu laufen. Es sind nur 150 Höhenmeter, so schwer kann es schon nicht sein. Von Minute zu Minute wird das Gelände schwieriger, immer häufiger müssen die Arme mit eingesetzt werden und der schmale Grat zwischen Wandern und Klettern verschwimmt zusehends. Vor uns ist eine italienische Familie mit Hund unterwegs, die uns durch das unmarkierte Gelände den Weg weisen. Schließlich hängen wir alle zusammen in einer Felsrippe. Hier ist es definitiv kein Wandern mehr. Mit aller Kraft muss man sich hier am Fels hochziehen, unter einem fällt das Gelände steil bergab. Ein Fehler wäre doof. Das Adrenalin schießt durch den Körper. Mit den großen Rucksäcken ist das ganze noch etwas komplizierter, aber wir kriegen das hin. Ein dünnes Felsband gilt es nun zu überqueren, der Weg vielleicht 50cm breit, links grüßt der Abgrund, kein Seil zum Festhalten. Aber auch da hüpfen wir geschwind drüber, man merkt, dass hier einfach Könner am Berg unterwegs sind. So langsam wird das Gelände wieder einfacher, die letzten steilen Meter nehmen wir auch problemlos und dann sind wir am Rifugio Avernau auf über 2.400m Höhe. Erstmal sacken lassen.

Nun geht es auf der anderen Seite wieder runter, deutlich weniger spektakulär, aber die Aussicht auf die vor uns liegende Tofana beeindruckt ebenso. Schließlich wechseln wir auf einen Weg in Richtung Passo Falzarego, welcher sich wieder mehr durch Wald schlängelt und dem wir die kommenden 1,5 Stunden folgen.

So richtig spannend ist das alles nicht, dazu merkt man auch, dass die Anstrengung nun wieder spürbar ist und die Beine schwerer werden. Es zieht sich wie Kaugummi…

Angekommen am Passo Falzarego nach 3,5 Stunden Marsch quasi ohne Pause gönnen wir uns erstmal ein Stück Kuchen, paar Getränke und schauen uns den Weiterweg an. Ich kenne diesen schon, da ich vor vier Jahren schon mal hier war. Und ich weiß auch, dass er durchaus länger und anspruchsvoller ist, als die Karten es sagen. Wir beratschlagen ein paar Optionen, wahrscheinlich wären wir erst gegen 17-18 Uhr auf der Pralongia. Praktischerweise fährt hier oben ein Bus, zwar nicht zum Zielort, aber wir können den Weg etwas abkürzen. Also geht es hinunter nach St.Kassian, von dort mit der Seilbahn wieder hinauf und wir laufen noch gut eine Stunde zur Hütte.

Oben angekommen beeindruckt die Szenerie der Pralongia wieder enorm. Inzwischen bin ich zum dritten Mal hier oben und rundherum geben sich die großen Berge der Dolomiten ein Stell-Dich-Ein. Direkt im Westen thront das gigantische Sella-Massiv, im Süden grüßt die Marmolada. Östlich befinden sich mit Heiligkreuzkofel, Contrines & Co. die Berge der Fanes und ganz im Norden erblickt man noch den Alpenhauptkamm und die Zillertaler Alpen.

So wandern wir noch gut eine Stunde durch die wundervollen Blumenwiesen, erreichen die Pralongia-Hütte und gönnen uns erstmal ein Radler in der Sonne. Das Zimmer ist riesig, es gibt eine Sauna. Nach einem sehr guten Abendessen und einer Flasche Rosé geht es dann noch raus und Sonnenuntergang anschauen – es ist fantastisch.

Hinterlasse einen Kommentar