Alpen-Alpakas und steile Scharten

Die letzten beiden Tage der kleinen Dolomiten-Tour dürfen natürlich nicht fehlen – handeln sie doch von wunderschönen Landschaften, flauschigen Tieren und extrem steilen Anstiegen, die von unten quasi unüberwindbar scheinen.

Mittwoch, 18.06. 2025 – schon morgens strahlt die Sonne über die Pralongia-Alm. Die Marmolada und Sella grüßen uns, doch unser Weg geht wieder Richtung Osten. Bei der Planung hatte mir diese Etappe sehr viel Kopfschmerzen bereitet, denn schon Monate vorher war quasi alles in der Umgebung ausgebucht. Einzig die Ra-Stua-Alm hatte noch Plätze, aber dafür war ein Marsch von über 26km und gut 9h einzuplanen. Auf dem Papier irgendwie wohl machbar, aber wenn man einmal vor Ort ist, hält man das meistens nicht mehr für die allerbeste Idee.

Die erste 1,5 Stunde laufen wir noch mit dem ursprünglichen Plan bergab. Nach einem kurzen Gespräch, dass ich irgendwie doch nicht so die riesige Lust auf diese Marathonetappe habe, wird ein wenig gegoogelt und tatsächlich finden wir eine Hütte in der Nähe, die unverhofft noch zwei Plätze frei hat. Naja – nehmen wir eben das und planen ein wenig um.

Unser Ziel ist nun das Rifugio Scotoni, welches nun auch gar nicht mehr so weit ist. Vorher stand aber noch ein absoluter Kackweg an, denn der Aufstieg zur Hütte geht nicht über einen schönen Pfad, sondern über eine steile Teerstraße, die dann auch noch voll in der Sonne liegt. Ein Weg, der aus Freunden Feinde macht. Ich bin ihn nun in den letzten Jahren schon zum dritten Mal gelaufen… Naja, der Weg ist das Ziel, denn das Rifugio Scotoni liegt einfach wunderschön auf einem Plateau in 2.000 Meter Höhe. Rundherum strahlen die Berge wie in einer Arena, dazu grasen die Hütten-Alpakas friedlich vor sich hin und bieten ein wunderbares Fotomotiv.

Die Hütte ist super, wir werden freundlich empfangen und das Zimmer ist auch mehr als das, was man von einer Berghütte erwarten darf – eigenes Bad, Terrasse. Wir sind gespannt, wer sich heute mit uns das Zimmer teilen wird. Später kommt eine fast 15-köpfige koreanische Gruppe mit Guide hinauf und wir sind ehrlich – das stand nicht auf unserer Bingokarte für den Abend. So werden es am Ende zwei aus der Truppe, mit denen wir das Zimmer teilen. Die Gruppe macht ihre Tour mit Gepäcktransport, was bedeutet, dass die noch riesige Taschen geliefert bekommen. Es ist der Wahnsinn, was die mit in die Berge schleppen – gefühlt der komplette Hausstand ist dabei. Noch wahnsinniger ist allerdings, dass morgens schon vor 6 Uhr alles mögliche ein- und wieder ausgeräumt wird und an Schlaf nicht mehr zu denken ist… Danke für Nichts 😀

Als Alternative für den letzten Tag hatte ich nun eine neue Route gebastelt und die hatte es definitiv in sich. Doch vorher gab es noch Frühstück – und aus Gründen gab es Muffin mit Kerze und Prosecco. So kann der Tag am Berg doch beginnen 🙂

Sachen gepackt und dann erstmal schön bergauf zum Lago Lagazuoi, der ein wunderbares Fotomotiv vor den Felstürmen bot. Und von hier konnten wir schon das nächste Ziel sehen – die Forcella di Lago, eine extrem einschüchternde Scharte zwischen den Felsen, bei der man sich nicht vorstellen kann, wie da ein Weg hochgehen soll. Doch auch von den Hüttenleuten wurde gesagt, dass das alles machbar sei, also gehen wir weiter.

Und was nun die nächsten 45 Minuten passiert, ist einfach kaum in Worte zu fassen. Der Blick in die Scharte ist absurd, das Gefälle brutal, man schaut fast senkrecht nach oben und das schüchtert definitiv schon ein. Dann aber kommt man auf den Weg und ist nur noch beeindruckt, wie extrem gut dieser angelegt wurde. In unzähligen Serpentinen führt dieser zuerst durch das heftige Geröllfeld, man merkt, dass der Weg durchgehend in Schuss gehalten wird, es ist kaum loses Geröll auf dem Weg und dementsprechend ist dieser auch trotz der Steilheit sehr gut zu gehen.

Die Blicke nach hinten sind schon nach wenigen Minuten genial. Der See liegt nun schon einige Höhenmeter unter einem, in der Ferne grüßt das Rifugio Lagazuoi (auf dem ich vor 4 Jahren mal übernachtet hatte) und die Blicke gehen bis in die westlichen Dolomiten.

Weiter oben wird es dann aber noch genialer – man kommt in die schmale Öffnung der Felswand, der Weg schlängelt sich auf wundersame Weise weiter hinauf, hier wurden mit viel Arbeit Holzbalken präpariert, die die Felsbrocken aufhalten, so dass man weiterhin gut hochlaufen kann. Wir sind euphorisch, das Adrenalin schießt durch den Körper. Es macht einfach dermaßen viel Spaß, hier zu wandern, Meter für Meter, Serpentine für Serpentine zu überwinden. Kurz gesagt – es ist einfach geil. Inzwischen sind wir so weit oben, dass man den unteren Abschnitt gar nicht mehr sieht, so steil fällt das Gelände hier ab.

Und schließlich endet der Spaß – angekommen auf der Forcella die Lago setzen wir uns erstmal und lassen das Geschehene sacken. Das war wohl der geilste Anstieg, den ich bisher gelaufen bin, ich bin nur am Lachen und freue mich extrem über diese Erfahrung. Von hier oben sind die Blicke natürlich auch grandios, der See, an dem wir gut 45 Minuten vorher waren, wirkt nur winzig, auf der anderen Seite öffnet sich nun der grandiose Blick in die Fanes. Zudem ist es hier oben recht voll – denn dieser Weg gehört auch zum Dolomiten-Höhenweg 1 (Alta Via), nur eben umgedreht. So kommen uns heute noch gefühlt 2.000 Menschen entgegen, wir sind nur am Grüßen.

Der Weg in die Fanes ist nun ganz anders – kein steiler Weg, sondern ein langgezogener Pfad, der auch immer mal wieder ein paar Meter in die Höhe geht. Man merkt dann auch schon, dass die Aufregung und Anspannung der ersten 2 Stunden recht schnell vergeht und man wieder stoich einen Fuß vor den anderen setzt. Aber der Blick in die Fanes bleibt großartig – auf über 2.000 Metern Höhe zieht sich wie ein grünes Band ein Streifen durch die hohen Dolomiten-Berge.

Nach über 4 Stunden erreichen wir dann die erste offene Hütte und machen eine ausgedehnte Pause. Inzwischen sind wir in der fantastischen „Kleinen Fanes“ angekommen, einer der schönsten Plätze der ganzen Dolomiten. Eine wunderschöne Flora, mehrere rauschende Bäche und die hohen Berge im Hintergrund ergeben ein unfassbar schönes Panorama. Auch hier bin ich nun zum dritten Mal insgesamt und genieße weiterhin jede Sekunde.

Wandertechnisch sind nun aber quasi alle Höhepunkte abgearbeitet. Denn nun geht es nur noch hinunter nach Pederü, wo wir uns dann in den Bus setzen werden. Gut 1,5 Stunden wandern wir bergab, immer noch mit beeindruckenden Blicken, teilweise wirkt es auch so, als ob man durch die unerbittliche Wüste von New Mexico wandert, die Vegetation wird karger. Aber wir kommen gesund und munter unten an und beenden damit unsere Dolomiten-Tour.

Sechs Tage voller Eindrücke, geniale Aufstiege, lange und kräftezehrende Abstiege, der Anfang sehr gewitterlastig, dann aber wieder wunderschön. Muskelkater, kleinere Blasen, paar Kratzer, Striemen vom Rucksack – Daily business. Am letzten Abend fließt nochmal der Wein in unsere Kehlen, gibt es Knödeltris als Vorspeise, gefolgt von Pizza und Tiramisu. So kann der eigene Geburtstag hier oben doch enden.

Adrenalinrausch am Abgrund

Inzwischen ist schon Tag 4 der „Dolomitenwoche“ erreicht, es ist quasi Halbzeit und wir am südlichsten Punkt der Tour angekommen. Nun sollte es zum westlichsten Punkt gehen, der Pralongia-Alm. Dazwischen lag ein durchaus spannender Tag, anders als geplant und mit unerwarteten Erlebnissen.

Die Erwartungshaltung am Morgen ist ja meistens so, das man taufrisch aus dem Bett aufspringt und die kommende Wanderung nicht erwarten kann. Die Realität schlägt einem dann direkt schnell ins Gesicht, wenn selbst das Aufstehen schon schwerer fällt. Die Waden schmerzen, die Füße noch geschunden von den Vortagen. Das Treppensteigen zum Frühstück wird begleitet von zaghaften Jammern. Aber – nützt nix, es geht weiter.

Heute gab es mehrere Möglichkeiten zum Ziel zu kommen, nach Rücksprache mit dem Chef des Hauses, der meinte, dass auf dem kürzesten Weg kein Schnee mehr liegt, entschieden wir uns dafür. Das ist übrigens tatsächlich sehr krass dieses Jahr – es gab in den letzten Jahren noch nie so wenig Schnee in der Höhe wie aktuell. Selbst Passübergänge auf 2.500m Höhe sind quasi komplett schneefrei, nur auf den Nordseiten halten sich noch einige vereinzelte Restfelder.

Also auf und direkt bergan in Richtung Rifugio Averau zu den Felstürmen direkt hinter unserer Hütte. Die Aussicht ist genial. Im Westen liegt die Sellagruppe, etwas südlicher die Marmolada, der höchste Berg der Dolomiten mit dem Gletscher. Über einen interessanten Höhenweg auf gut 2.300m schlängeln wir uns um den ersten Felsturm herum und können dann auch schon die Hütte sehen, die den ersten Zwischenstopp bilden soll. Nun gibt es zwei Wege – links geht eine langweilige Schotterstraße, die der Großteil der Wanderer nimmt. Rechts entdecken wir aber einen Alternativweg, der doch recht steil kompromisslos einfach den Hang hinauf führt. Da der Weg auch in offiziellen Karten gekennzeichnet ist und wir andere Leute darauf sehen, nehmen wir diesen. Schotterwege hatten wir schon genug.

Zu Beginn ist es steil, aber noch ganz gut zu laufen. Es sind nur 150 Höhenmeter, so schwer kann es schon nicht sein. Von Minute zu Minute wird das Gelände schwieriger, immer häufiger müssen die Arme mit eingesetzt werden und der schmale Grat zwischen Wandern und Klettern verschwimmt zusehends. Vor uns ist eine italienische Familie mit Hund unterwegs, die uns durch das unmarkierte Gelände den Weg weisen. Schließlich hängen wir alle zusammen in einer Felsrippe. Hier ist es definitiv kein Wandern mehr. Mit aller Kraft muss man sich hier am Fels hochziehen, unter einem fällt das Gelände steil bergab. Ein Fehler wäre doof. Das Adrenalin schießt durch den Körper. Mit den großen Rucksäcken ist das ganze noch etwas komplizierter, aber wir kriegen das hin. Ein dünnes Felsband gilt es nun zu überqueren, der Weg vielleicht 50cm breit, links grüßt der Abgrund, kein Seil zum Festhalten. Aber auch da hüpfen wir geschwind drüber, man merkt, dass hier einfach Könner am Berg unterwegs sind. So langsam wird das Gelände wieder einfacher, die letzten steilen Meter nehmen wir auch problemlos und dann sind wir am Rifugio Avernau auf über 2.400m Höhe. Erstmal sacken lassen.

Nun geht es auf der anderen Seite wieder runter, deutlich weniger spektakulär, aber die Aussicht auf die vor uns liegende Tofana beeindruckt ebenso. Schließlich wechseln wir auf einen Weg in Richtung Passo Falzarego, welcher sich wieder mehr durch Wald schlängelt und dem wir die kommenden 1,5 Stunden folgen.

So richtig spannend ist das alles nicht, dazu merkt man auch, dass die Anstrengung nun wieder spürbar ist und die Beine schwerer werden. Es zieht sich wie Kaugummi…

Angekommen am Passo Falzarego nach 3,5 Stunden Marsch quasi ohne Pause gönnen wir uns erstmal ein Stück Kuchen, paar Getränke und schauen uns den Weiterweg an. Ich kenne diesen schon, da ich vor vier Jahren schon mal hier war. Und ich weiß auch, dass er durchaus länger und anspruchsvoller ist, als die Karten es sagen. Wir beratschlagen ein paar Optionen, wahrscheinlich wären wir erst gegen 17-18 Uhr auf der Pralongia. Praktischerweise fährt hier oben ein Bus, zwar nicht zum Zielort, aber wir können den Weg etwas abkürzen. Also geht es hinunter nach St.Kassian, von dort mit der Seilbahn wieder hinauf und wir laufen noch gut eine Stunde zur Hütte.

Oben angekommen beeindruckt die Szenerie der Pralongia wieder enorm. Inzwischen bin ich zum dritten Mal hier oben und rundherum geben sich die großen Berge der Dolomiten ein Stell-Dich-Ein. Direkt im Westen thront das gigantische Sella-Massiv, im Süden grüßt die Marmolada. Östlich befinden sich mit Heiligkreuzkofel, Contrines & Co. die Berge der Fanes und ganz im Norden erblickt man noch den Alpenhauptkamm und die Zillertaler Alpen.

So wandern wir noch gut eine Stunde durch die wundervollen Blumenwiesen, erreichen die Pralongia-Hütte und gönnen uns erstmal ein Radler in der Sonne. Das Zimmer ist riesig, es gibt eine Sauna. Nach einem sehr guten Abendessen und einer Flasche Rosé geht es dann noch raus und Sonnenuntergang anschauen – es ist fantastisch.

Vom Unwetter in den Sonnenuntergang

Nach einer gewitterreichen Nacht sah der Montagmorgen in Cortina noch ganz vielversprechend aus. Paar Wolken am Himmel, aber doch schon wieder sonnig, auch wenn die Temperaturen heute nicht ganz so knackig werden sollten. Nach dem Ausflug ins Tal sollte es nun wieder berghoch gehen, das Ziel mehr als 1.000 Höhenmeter oberhalb unseres Startortes. Ein ganz früher Start war leider nicht drin… etwas länger im Bett liegen bleiben, Frühstück genießen und noch ein kurzer Abstecher in den Supermarkt und zack ist es 09:40 Uhr. Naja, die Tage sind lang und wenn schlechtes Wetter kommt, dann haben wir halt Pech gehabt (PS: Wir sollten Pech haben 😀)

Die Etappe sollte quasi zwei Teile haben – Zuerst ging es lange den Berg hinauf zum Rifugio Croda da Lago und dann anschließend über einen Höhenwanderweg und zwei Scharten zum Passo Giau, wo sich unsere Unterkunft befand. Also auf ins Getümmel und Cortina hinter uns lassen. Zuerst noch über etwas Asphalt und Felder, kamen wir recht schnell in den Wald und von nun an ging es teils gnadenlos berghoch.

Auf Bildern ist es immer recht schwer einzufangen, aber teils war die Steigung schon ziemlich brutal. Schritt für Schritt kämpften wir uns über Wurzeln und Steine, bezwangen eine Felsrippe mittels einer spannenden Querung und gewannen so Meter um Meter.

Das war auch dringend notwendig, denn vom sonnigen Wetter war rundherum nix mehr zu spüren. Es zog sich zu, ein paar erste Tropfen erreichten uns und in der Umgebung wurde es dunkler. Und dann fing es zu donnern an. Und zu blitzen. Zwar nicht direkt über uns, aber schon so, dass man es mitbekommt. Das Wetter war inzwischen komplett labil, auf der Gegenseite oberhalb von Cortina lagen erste Berge in den dunklen Wolken, das Grummeln im Himmel nahm zu. Wir waren jetzt nicht mehr so weit von der Zwischenstation entfernt, also hieß es: Beine in die Hand und ab. Und es ging tatsächlich auch ziemlich gut, kurz vor der Hütte Croda da Lago mit dem gleichnamigen und wunderschönen See begann es richtig zu schütten.

Gestärkt durch Käsekuchen und Cappuccino überlegten wir nun die Fortsetzung des Tages. So spannend und schön wie der nun folgende Höhenweg auch sein mag, bietet er halt null Schutz und in dem Wetter auch kaum Sicht. Also empfiehlt uns der Hüttenwirt einen anderen Weg, auf dem wir nicht komplett absteigen müssen, sondern dann von dort mit dem Bus bis zum Passo Giau fahren können. Da der Zeitplan aber sehr knapp ist, überlegen wir nicht lange und machten uns sofort los.

Wir stürzen uns auf den Waldweg, inzwischen regnet es nicht mehr, es sind eher sturzflutartige Bäche, die vom Himmel gen Boden schießen. Innerhalb kürzester Zeit sind wir komplett durch. Und dazu müssen wir noch einen steilen Waldweg runter, haben noch Zeitdruck, weil der Bus der letzte ist, der da hoch fährt. Also Vorhang auf für Übersprungshandlungen: Statt wegen des Wetters Trübsal zu blasen, reagiert nur noch der Wahnsinn, ich lache den Anstieg gefühlt nur noch und in meinem Kopf summt die Melodie der Gummibärenbande. Sandra schüttelt nur mit dem Kopf.

Als wir schließlich unten sind, ist wirklich alles klitschnass. Socken, Hose, Schuhe… es tropft überall. Eine Bushaltestelle erkennen wir hier zwar nicht, aber der Bus wird dann eben per Handzeichen angehalten und bringt uns hoch zum Pass. Der Passo Giau bietet ein fantastisches Panorama auf die Dolomiten, das hier oben errichtete Berghotel ist dann unsere Unterkunft für die Nacht.

Abends geht es dann noch zum Sonnenuntergang hinaus – ein wunderbarer Moment, die untergehende Sonne lässt die umliegenden Gipfel glühen.

Mit qualmenden Füßen in die Olympiastadt

Die Gedanken kreisen dann manchmal doch umher, während man stoich einen Schritt vor den anderen macht und von oben der große Feuerball gnadenlos seine Wärme in alle Ecken der Berge verteilt. Letztes Jahr begannen die gemeinsamen Wandertage mit Sandra im strömenden Regen, heuer regiert die Sonne alles und macht die Tage auf eine gewisse Art und Weise doch sehr anstrengend.

Nachdem die Gewitter über die Hütte gezogen sind, klart es am frühen Morgen wieder auf – strahlender Sonnenschein begrüßt uns nach dem Aufstehen. Unser kleines Zimmer besteht aus einem sehr heiklen Doppelstockbett mit einer losen Leiter, die bereits bei der kleinsten Berührung lautstark gegen alles mögliche knallt. Die Nacht ist unruhig und kurz. Neben uns sind nur zwei Kanadier und ein Italiener hier Gäste, der Saisonstart verläuft ruhig.

Nach dem Frühstück machen wir uns gegen 9 auf den Weg. Zuerst fast 800 Höhenmeter bergab, was jetzt nicht immer ganz spannend ist. Ab und zu blicken die Berge durch, meistens sind wir halt im Wald und stapfen zwei Stunden lang den Weg bergab.

Schließlich sind wir am Talboden angekommen und blicken auf die direkt vor uns liegenden Berge. Es ist hier wie eine Arena, quasi 360-Grad-Bergpanorama um einen herum. Und dazu ist es merklich heißer, die Sonne knallt kurz vorm Mittag jetzt richtig runter. Wir machen einen kurzen Stopp, füllen die Wasserflachen auf und begeben uns dann wieder auf den Weg (und ergeben uns quasi in das Wanderschicksal, einfach weiterzulaufen, egal wie das Wetter ist).

Nächster Zwischenstopp ist nun der Passo Tre Croci – was dann heißt, es geht wieder berghoch. Und der folgende Weg ist nun wirklich ätzend. Ein breiter heller Schotterweg, die Bäume so weit auseinander, das kaum Schatten vorhanden ist. Jeder Meter sieht gleich aus, die gleißende Hitze fordert ihren Tribut. Doch etwas kraftlos schleppe ich mich die gut 500 Höhenmeter hinauf, so richtig schön war das ganze dann irgendwie nicht, aber egal.

Oben am Pass gibt es eine kurze Pause, wir trinken was und dann geht es auf den letzten Abschnitt – runter vom Pass bis zu unserem Zielort Cortina d’Ampezzo. D.h. nochmal gut über 700 Höhenmeter bergab, ein Fest für die Knie und die Füße. Machen wir es kurz, der Weg ist am Anfang noch recht schön durch den Wald, offenbart sich aber später als steile Skipiste, die wir runterlatschen müssen. Gibt schöneres, vor allem bei der Wärme, denn auch hier ist Schatten ein rares Gut. Aber die Blicke auf die umliegenden Berge von Cortina sind schon schön.

Als wir Cortina endlich erreichen, steuern wir erstmal die Eisdiele an – das haben wir uns nach diesen langen und heißen Tag auch verdient. Danach fix ins Hotel, frisch machen und ab in die Fußgängerzone und was zu essen suchen. Cortina steht schon im Banne der kommenden Olympischen Winterspiele im Februar 2026. Überall wird gebaut, die Werbemaschinerie ist an jeder Ecke spürbar.

Während wir mit Pils, Grappa und Nudelgerichten den Abend ausklingen lassen, gewittert es währenddessen stundenlang bis in die Nacht. Das Klima ist aktuell sehr labil, brütend heiß am Tag und abends dann Blitz und Donner. Wir sind gespannt, was der nächste Tag wohl bringen mag.

Hitzeschlacht bis das Gewitter kracht

Auftakt zur Wandersaison 2025 und der Blog lebt natürlich weiter. Nachdem ich an den vergangenen Wochenenden bereits in den westlichen Dolomiten sowie in der Nähe vom Brenner ein paar Touren gemacht habe, geht es nun endlich wieder richtig in die vollen – der große Rucksack kommt wieder zum Einsatz, quasi jeden Tag geht es an einem anderen Ort und die Berge werden wieder unsicher gemacht.

Freitag, der 13. – Anfahrt nach Toblach an den Rand der östlichen Dolomiten. In München treffe ich mich mit Sandra, die gemeinsame jährliche Tour steht auf dem Programm. Sechs Wandertage sind geplant, dann ruft die Arbeit wieder. Von München aus geht es noch pünktlich Richtung Süden, am Brenner gibt es einen Stopp und die Ansage – die Weiterfahrt verzögert sich um 90 bis 120 Minuten. Geil! Glücklicherweise können wir in einen Regionalzug umsteigen und kommen fast pünktlich in Toblach an. Es ist heiß, wir holen uns erstmal ein Eis. Hotel bezogen, Pizza gegessen und dann war der Anreisetag auch schon vorbei.

Kurz nach 9 geht’s am Folgetag dann zur Bushaltestelle in Toblach, wir fahren noch gut 15 Minuten in die Berge hinein und verabschieden uns an der Haltestelle namens „Drei-Zinnen-Blick“. Warum die so heißt? Logisch – von hier sieht man die berühmten Drei Zinnen aus der Ferne und kann die Felstürme halbwegs erkennen. Hier beginnt unsere Wanderung, die Rucksäcke kommen auf den Rücken und dann geht es auch endlich los.

Ziel des ersten Tages ist die Hütte „Rifugio Citta di Carpi“ auf gut 2.100m Höhe, aktuell befinden wir uns noch weit unterhalb dessen. Also heißt es erstmal – Höhe gewinnen. Zuerst geht es über einen breiten Schotterpfad, dann biegen wir ab und machen uns auf einem schmalen Bergpfad hinauf. Und nach nicht mal einer Stunde passiert ein kleines Malheur – eine Wurzel stellt sich als kleine Stolperfalle heraus, und ich stürze nach vorn. Ich überlege kurz, ob ich Sandra den Hinweis geben soll, wo sich mein Organspendeausweis befindet, aber nach kurzem Check sind noch alle Gliedmaßen dran.

Weiter ging es dann über einen wunderschönen einsamen Bergpfad in Richtung Misurina, begleitet vom rauschenden Bach umgehen wir quasi die Drei Zinnen. Vor uns türmen sich immer neue der typischen Zacken der Dolomiten hinauf, die Blicke sind fantastisch.

Nach gut 3 Stunden erreichen wir dann das kleine Örtchen Misurina, hauptsächlich definiert durch den Lago di Misurina, der einfach wundervolle Panoramen offenbart. Wir trinken kurz einen Cappuccino, den unser Weg ist noch nicht vorbei. Im Gegensatz zu 99% der restlichen Touris, die hier mit dem Auto hochfahren, zwei Meter laufen und dann die Nase rümpfen, wenn die Wanderer nebenan vielleicht nicht wie das Douglas-Personal duften.

Inzwischen wurde es auch immer wärmer, die heißen Tage machen auch vor den Bergen nicht halt und fordern durchaus auch ihren Tribut. Der folgende Anstieg zerrt nun an unseren Kräften, teilweise senkrecht den Berg hinauf kämpfen wir uns voran. Man hätte auch Seilbahn fahren können, aber dafür sind wir ja nicht hier. So geht es Schritt für Schritt unter der gleißenden Sonne weiter hinauf.

Nachdem wir dem Abzweig zu einer anderen Hütte hinter uns gelassen haben, erreichen wir einen unfassbar schönen Panoramaweg. Leicht zu gehen, bietet dieser einen grandiosen Blick in Richtung Süden. Das hier ist auch für mich neues Gebiet, aber es ist fantastisch. Reihum stehen die Gipfel der östlichen Dolomiten Spalier und begrüßen einen mit den markanten Felsformationen.

Hier ist aber noch nicht Schluss, denn schließlich geht es nochmal für die letzte halbe Stunde bergauf zur Hütte. Das Abendessen muss man sich hier eben verdienen. Durchaus gezeichnet von der Wärme geht es auf die letzten Meter, bis wir schließlich an dieser wunderbaren kleinen Hütte eintrefen. Und was soll man sagen – direkt, als wir zum Eingang marschieren, beginnt es zu regnen, die angesagten Gewitter ziehen nun auf.

Wir verschwinden ins Innere, beziehen unser kleines Zimmer und genießen dann das einfache Hüttenleben. Radler, Wein, halb sieben Abendessen mit Ravioli, Polenta und Blauberren-Joghurt als Dessert. Währenddessen kracht es draußen ordentlich, es blitzt und regnet stundenlang. Perfektes Timing!

La Grande Finale – hinauf zum Rochers de Naye

Es ist soweit – ein allerletztes Mal morgens den Rucksack schultern und stundenlang durch die Botanik schleppen. Berge hoch und wieder runter. Ein letztes Mal die ganzen kleinen Vorbereitungen am frühen Morgen. Sonnencreme, Füße tapen, Wasser auffüllen, Voltaren aufs Knie klatschen.

Selbst beim Frühstück übertreffen sich meine Gastgeber, jede Zutat wird präsentiert, es ist quasi alles aus Eigenanbau oder von lokalen Produzenten. So geht es etwas später los als geplant, aber halb 10 sollte auch passen bei gut 7 Stunden Laufzeit. Das Ziel für heute und damit auch für die gesamte Tour ist der Berg Rochers de Naye, welcher oberhalb des Genfee Sees thront.

Die erste Stunde war relativ ereignislos, ohne größere Höhenunterschiede ging es entlang, bis ich an einem Tor schon eine Frau sah, die sich abmühte, dies aufzubekommen. Es stellte sich heraus, dass irgendein Volldepp den Wanderweg komplett abgesperrt hatte, das Tor, welches die Weide abgrenzte, war nicht zu passieren. Also musste es unter dem Stacheldraht hindurchgehen. Wie Rambo robbte ich also auf dem Waldboden unter dem Draht durch, als ich auf der anderen Seite war, sah ich auch schon das Blut an meinem Bein runterlaufen. Schönen Kratzer noch zugezogen am letzten Tag, zum Glück aber nix wildes. Desinfektionsspray drauf, ein paar Flüche in Richtung des Idioten, der hier Tore verriegelt mit Stacheldraht und weiter geht’s

Nächster Zwischenstopp war der Lac de l’Hongrin, ein großer Stausee. Quasi einmal rundherum ging es nun, ein paar schöne Eindrücke konnte man vom Rand gewinnen, auch wenn die Staumauer leider gesperrt war. Im Anschluss noch einmal ein paar Höhenmeter runter und nach etwas mehr als 3 Stunden war ich dann am tiefsten Punkt des Tages auf gut 1.100 Meter angekommen. Was bedeutete – ab jetzt geht es nur noch aufwärts. Der letzte Anstieg der Tour, nochmal fast 1.000 Höhenmeter am Stück bergauf.

Ich genoss noch eine kurze Pause und stürzte mich dann in die ersten steilen Meter des Berges. Es ist durchaus ein anderes Gefühl, wenn man mit dem Wissen läuft, dass es danach nicht nochmal was geben wird, dass es nur noch hoch geht und dann der Urlaub vorbei ist. Aber der Schritt war gut, auch wenn ich zum Abschluss nochmal mehrere Bremsenstiche mitgenommen habe. Diese Scheißviecher haben mich drei Wochen wirklich gequält. Ungefähr in der Hälfte des Anstieges gab es noch eine kleine Hütte – ich legte meine letzte Franken auf den Tisch, gönnte mir einen kühlen Eistee, füllte meine Wasserflaschen wieder auf und dann ging es ins Finale.

Zuerst ein paar Meter über Asphalt, ging es danach richtig steil in den Hang hinein. Teilweise auf allen Vieren musste ich über Wurzeln klettern, bis ich einen Gratweg erreichte, der einfach nur unfassbar schön war. Links war nun das erste Mal der Genfer See zu sehen, rechts sah ich den bereits zurückgelegten Weg. Und direkt vor mir, teils noch in den Wolken, lugte der Gipfel hervor.

Über wunderschöne Blumenwiesen ging es nach oben und so langsam wurde klar – ich bin gleich da. 200 Höhenmeter noch, eine letzte kleine Pause und dann weiter. Es war ein unfassbares Gefühl, das Wissen, dass man auch heute geschafft hat. Man wird da auch durchaus emotional. Ich konnte dann die Bahnstation und den Gipfel sehen. Das Ziel lag vor Augen.

Und dann hieß es nur noch, Beine in die Hand und hoch. Neben mir ausschließlich Touris, die mit der Bahn hochfahren und in Sneakern paar Meter laufen, stapfe ich wie eine Dampflok hoch. Es war mir völlig egal, wie doof die mich anschauen, mein persönlicher kleiner Everest war zum Greifen nah. Und dann war ich da.

Fast 1.700 Meter oberhalb des Genfer Sees stehe ich und genieße die Aussicht. Bin glücklich, es geschafft zu haben. Bin stolz, dass ich die drei Wochen so gut absolviert habe. Ich genieße gut 20 Minuten dort oben die Aussicht, bin in meiner eigenen Welt und rekapituliere die letzten Wochen. Was für eine Tour, was für eine traumhafte Kulisse für den letzten Tag.

Mit der Bahn fahre ich dann runter nach Montreux, wo ich den letzten Abend genieße. Die Strandpromenande ist traumhaft, der Sonnenuntergang vom Balkon unbeschreiblich.

Und damit ist es vorbei. Über 3 Wochen auf der Via Alpina durch die Schweiz. Unzählige Kilometer, haufenweise Berge, unbezahlbare Momente des Glückes, der Freude. Bis auf Kratzer, Insektenstiche und ein etwas angeschlagenes Knie keine Unfälle, keine Verletzungen und keine einzige Blase. Heute nun Rückreise mit dem Zug und morgen dann wieder Büro und Excel 😀.

Bis zur nächsten Tour!

Einsames Kilometerschrubben in der Romandie

Der vorletzte Tag der Via Alpina stand bevor und der Blick Richtung Himmel offenbarte erstmal Hoffnung. Am Abend und in der Nacht zogen nochmal Gewitter durch die Schweiz, aber ich hoffte, dass dies nun endgültig vorbei war. Der Vorabend war noch geprägt vom Schweizer Nationalfeiertag am 01.08. Es gab Buffet im Restaurant (ein Traum!), an meinem Tisch saß dann noch ein älteres, aber sehr goldiges Paar aus England, mit denen ich mich sehr nett unterhalten habe. Die beiden machen schon seit Jahren Urlaub in der Schweiz und so konnte ich mal wieder mein rüstiges Englisch auspacken.

Von Gsteig aus sollte es dann bis zur letzten Bergstation – dem kleinen Ort Les Mosses am gleichnamigen Pass – gehen. So startete ich gegen 9 auf den Weg und stürzte mich in die Einsamkeit. Denn hier bin ich nun fast völlig raus aus den Wander-Hotspots. Die ersten zwei Stunden ging es über schmale Waldwege die ersten Meter hoch, durch die nächtlichen Regenfälle war die Luftfeuchtigkeit entsprechend hoch und ich nach gefühlt 5 Minuten komplett durch. Egal, besser als Gewitter und da der Weg sehr gut zu laufen war, ging es dann auch geschwind vorwärts. Zwischendurch lief ich durch einen unfassbar schönen Weiler, die paar Häuser waren direkt vor den Steilwänden der Berggruppe Les Diablerets, im Hintergrund rauschte ein riesiger Wasserfall zu Boden. Ein magischer Ort.

Nach gut 2 Stunden erreichte ich dann den Col du Pillon, eine Passstraße. Von hier führt eine Seilbahn bis auf gut 3000 Meter hinauf in die Wolken. Ich gönne mir eine kurze Pause, beobachtete die Touristen, die sich hier in die Höhe fahren lassen und fülle mein Wasser auf. Für mich geht es auf der anderen Seite weiter, hier führt der Weg steil zu einem wundervollen See hinauf  – den Lac Retaud.

Ab hier habe ich dann auch einen tollen Blick auf die gegenüberliegende Berge, es sind die letzten 3000er der Tour, die zum Greifen nah sind. Nach einem kurzem Getränkestop geht es dann auf den Hangweg, den ich schon von weitem einsehen kann. Was zuerst noch gut ausschaut, wird dann bald zum reinen Kuhpfad, der sich schmal durch den Grashang schlängelt. Immer wieder gilt es den Hinterlassenschaften der hiesigen Tiere auszuweichen. Dazu hält das Wetter, deutlich besser als erwartet. Die Sonne prasselt ordentlich von oben.

Auch hier bin ich quasi komplett alleine unterwegs, in den letzten drei Stunden treffe ich zwei Personen. Und so mache ich Kilometer um Kilometer, am Ende sind es fast 25 am Ende des Tages. Im übrigen bin ich hier nun auch im französischsprachigen Teil der Schweiz angekommen.

Nach gut 7 Stunden erreiche ich dann meine wundervolle Unterkunft in Les Mosses und es stellt sich schnell als bester Abend der ganzen Tour heraus. Im kleinen Gasthaus herrscht eine unvergleichliche Gastfreundschaft, das Essen hat Sterneniveau und ich sitze bis zum späten Abend mit den Gastgebern und anderen Gästen zusammen mit gutem Wein.

Mit der Gondel ins Unwetter

Drittletzter Tag des Abenteuers in der Schweiz und er sollte durchaus denkwürdig sein, wenn auch anders als gedacht.

Die ganze Nacht durch gab es Gewitter, selbst am Morgen war noch ein Donnern über den Bergen hörbar. Dazu waren bereits für den Nachmittag wieder neue Unwetter angesagt. Das brachte meinen ursprünglichen Plan schon ins Wanken, denn dadurch war die geplante lange Etappe über mehr als 20km nicht mehr machbar, da ich ansonsten sicher am Berg ins Gewitter gekommen wäre. Also Plan B – den ersten Aufstieg mit der Seilbahn abkürzen, das bringt gut 2,5 Stunden Zeitersparnis und mich eventuell noch unwetterfrei ins Ziel nach Gsteig. Dazu gab es einen kleinen Bonus – denn durch die Tourikarte der Übernachtung konnte ich kostenlos mit der Bahn fahren. Und wenn hier in diesen scheißteuren Land einmal was kostenfrei ist, muss man es ja schließlich nutzen.

In Lenk, meinem Startort, war inzwischen wieder ganz gutes Wetter, so dass ich mich nun ins Abenteuer stürzte. Also ab zur Talstation und hinauf. Nun, bis zur Mittelstation sah alles noch okay aus. Weiter oben wunderte ich mich schon etwas, dass der Himmel über dem Berg doch recht grau war. Naja, wird es halt erstmal regnen, dachte ich mir. Bis dann plötzlich ein Blitz auftauchte. Und es donnerte. Fuck… ich fahr mit der Gondel direkt ins Unwetter rein.

Es wurde windig, der Regen prasselte nun gegen die Scheiben der kleinen Kabine. Und immer wieder ein Grollen über dem Berg. Ich näherte mich der Bergstation und mir war klar, es geht sofort wieder runter. Der Tag heute ist einfach nicht dafür geschaffen, über Berge zu wandern, wenn es ständig gewittert.  Meine Ankunft mit der Seilbahn oben hatte dann was vom berühmten Gif von Grandpa Simpson.

Also wieder runter, während das Unwetter nun richtig aufzog. Ich konnte nun die anderen Personen beobachten, die mir entgegen kamen und Richtung Donner hochfuhren. Eine Frau war völlig fertig und hatte ihre Hände vors Gesicht geschlagen. Dann gab es irgendwo in der Nähe einen Blitz und die Seilbahn blieb stehen. Allein 100 Meter über dem Berg hängt man da in der Gondel und nix passiert mehr. Albtraum!

Es waren am Ende nur 2-3 Minuten, aber glaubt mir, dass es wenig grusligeres gibt, als in einer stehenden Seilbahngondel zu sein, während hinter einem das Gewitter naht. Glücklicherweise fuhr sie dann wieder, ich wollte nur noch runter ins Tal, fester Boden und irgendwo im Gebäude verstecken. Merke – wenn in der Schweiz was kostenlos ist, kann es nicht gut sein!

Damit war Plan B dann auch vorbei, blieb Plan C, der mir aber heute auch egal war. Mit Bahn und Bus komme ich auch nach Gsteig. Inzwischen war es dann sowieso schon fast Mittag. Einen Zwischenstopp legte ich aber noch in Gstaad ein.

Wem dieser Ort nix sagt – es ist ein absolutes Schicki-Micki-Dorf. Insbesondere im Winter ist hier die High-Society ansässig und schlürft Champagner im Luxuspelzmantel. Stars wie Madonna haben hier Chalets. Aber auch im Sommer erfüllt sich der Ruf. Fast nebeneinander liegen Läden von Prada, Dolce & Gabbana, etc. Die erste Werbung am Bahnhof ist für plastische Gesichts-Operationen und nach wenigen Metern merkt man auch, dass die Werbetafel ihren Effekt erzielt. Mit meinen dreckigen Schuhen, Riesenrucksack und drei Wochen unrasierten Gesicht könnte ich nicht weiter weg sein von den restlichen Touristen hier im Ort. Ich amüsiere mich aber köstlich, einfach durch dir Fußgängerzone zu gehen und zu registrieren, wie Leute die Seite wechseln, wenn ich Ihnen entgegenlaufe. Länger als eine Stunde halte ich es aber nicht aus, inzwischen ist auch schon das nächste Gewitter über die Region gezogen.

In Gsteig beziehe ich dann meine schöne urige Unterkunft, zum Abendessen gibt es ein Barbecue-Buffet. Ich bin begeistert. In der Zwischenzeit gewittert es weiter, es soll hoffentlich morgen besser werden. Die letzten beiden Tage will ich dann doch noch laufen.

Gewitterversteck im Hofladen

Also dann – vier Tage noch bis Montreux. Am Ruhetag wurde es mir dann doch das erste Mal richtig bewusst, dass diese Tour nun sehr schnell auf ihr Ende zusteuert. Gefühlt war ich so lange im Bann der Jungfrau-/Eiger-Region, dass sich die Gedanken da weit nach hinten geschoben haben. Aber nun sind sie da. Und trotz einiger Abschnitte mit Bahn oder Bus stehe ich schon bei über 200 gelaufenen Kilometern mit über 20.000 Höhenmetern im Auf- und Abstieg. Und ich kann noch laufen, habe noch Kraft in den Beinen, die ich gestern gut geschont habe. Basketball gucken im Bett, Mittagsschlaf, großer Eisbecher und am späten Nachmittag eine Runde über das flache Alpgelände – so kann ein Ruhetag aussehen.

Zum Start des Tages hieß es erstmal noch klar werden, wo es lang gehen soll. Auch hier gab es die Option, über einen verwegenen und einsamen Pass day Almgelände zu verlassen und dann steil nach Lenk abzusteigen. Allerdings konnte ich von unten schon erkennen, dass da oben noch Schnee liegt und somit wurde der Plan schnell verworfen. Also erstmal wieder runter und dann zurück auf den offiziellen Via-Alpina-Weg. Den steilen Abstieg durch die Felswand, welchen ich vorgestern hochgekraxelt bin, habe mir dann mal gespart und bin kostenlos mit der Seilbahn runter. Von dort ging es dann aber los, erstmal gut eine Stunde bis nach Adelboden. Den Weg kannte ich ja auch schon, aber die paar Kilometer waren durchaus gut zum Warmlaufen.

Danach ging es hoch zum nächsten Pass der Route, den Hahnenmosspass. Und es sei gleich gesagt, dass dieser bisher der wahrscheinlich hässlichste der ganzen Tour war. Der Aufstieg unspektakulär, wobei die letzten Kilometer dann nur noch asphaltiert waren und mir aller 30 Sekunden Biker und Roller mit wahnwitzigen Tempo entgegenkamen. Dazu habe ich inzwischen die Bremsenstiche Nummer 17 und 18, die Viecher sind hier völlig verrückt, ich sehe inzwischen aus wie ein Streuselkuchen. Im Aufstieg konnte ich aber auch schon sehen, dass der Himmel sich deutlich verändert hatte – Wolken zogen links und rechts auf, türmten sich in die Höhe und wurden dunkler. Eigentlich war heute nur für das Voralpengebiet Gewitter angesagt, aber das sah so aus, als ob es hier auch demnächst losgehen konnte. Umso eiliger hatte ich es dann auch, um über den Pass zu kommen, damit ich dann im Fall der Fälle eine Backup-Option habe.

Oben am Pass habe ich dann mal wieder über 800 Höhenmeter Aufstieg hinter mir, hole mir fix was zu trinken, als es zu tröpfeln beginnt. Ich kürze meine wohlverdiente Pause ein und begebe mich in den Abstieg, denn die erste Bushaltestelle (Backup-Plan) ist gut 40 Minuten entfernt. Als ich dort bin, ist der Bus grad weg, das Wetter aber noch halbwegs stabil. Es wird zwar etwas dunkler direkt vor mir, aber noch sieht es nicht nach Gewitter aus. Ich schaue kurz auf die Karte und denke mir, dass ich noch etwas absteigen kann bis zur nächsten Haltestelle.

Und wie aufs Kommando beginnt der Himmel sich zu öffnen, als ich da ankomme. Ich kann mich glücklicherweise zuerst unter ein Dach stellen, dann eskaliert aber alles. Gewitter, Blitze, Hagel, sinnflutartiger Regen. Innerhalb von Minuten hat das Wetter komplett umgeschlagen. Zusammen mit zwei Pärchen verkriechen wir uns in einen Hofladen, wo man auf Vertrauensbasis Käse kaufen kann, während draußen die Welt untergeht. Wir sehen Blitze direkt vor uns, es ist eine absolut bizarre Stimmung. Nach gut 20 Minuten ist der ganz große Spuk vorbei.

Es sieht absolut faszinierend aus, wie die Gewitterzelle sich nun über den Berg arbeitet, rundherum donnert es noch, aber über uns wird es wieder klarer. Und wie bestellt kam nun auch der Bus. Das war auch ganz clever, diesen zu nehmen, denn kurz darauf ging es weiter mit Regen und Donner.

Nun genieße ich den Abend hier in Lenk in der wohl besten Unterkunft bisher, was Preis-Leistung angeht. Gutes Zimmer mit großen Balkon für 84 Franken mit Frühstück. Morgen wirds spannend. Eigentlich steht eine der „Königsetappen“ an, was Länge und Höhenmeter angeht. Nur – es soll bereits ab Mittag immer wieder gewittern. Schauen wir mal, was man da draus machen kann.

Hier ist auch überall eine Seilbahn…

Nach einer ziemlich üblen Nacht am Thurnersee – sehr warmes Zimmer und eine komplett durchgelegene Matratze, wo man aufpassen musste, dass man nicht aus dem Bett fällt, so ein krasses Gefälle hatte die – ging es gestern mit den Öffis kurzerhand nach Kandersteg. Mal wieder ein kleiner, aber sehr touristischer Ort in grandioser Lage. Es ist Sonntag, das Wetter ist sensationell, gefühlt ist die halbe Schweiz hier. Aber nicht nur die, sofort fällt auf, das hier irgendwas anders ist. Zahllose junge Menschen mit Halsbändern sind hier unterwegs, tragen Shirts mit „Scout“ und bewegen sich in großen Gruppen. Kurz gegoogelt – hier ist ein riesiges Pfadfinderzentrum, welches auch international genutzt wird.

Da ich ja Zeit hab und noch was machen will, entscheide ich mich, zum Oeschinensee hochzulaufen. Da wäre ich auch lang gekommen, wenn ich die Via Alpina gelaufen wäre, also kann ich wenigstens ein paar Kilometer auf dem Weg machen. Schnell wird aber klar – alle haben das gleiche Ziel, nur ändert sich die Art und Weise der Fortbewegung schnell. 90% der Leute strömen zur Seilbahn, der Rest begibt sich auf die gut 1- bis 1,5-stündige Wanderung hoch zum See. Und da muss man auch sagen, wirklich schwierig ist das nicht, gut 400 Höhenmeter auf guten Wegen sollten die meisten noch schaffen. Zwischendurch überhole ich hunderte Pfadfinder, die das Konzept nicht ganz verstanden hatten, dass andere auch überholen wollen und man daher auch Platz machen sollte. Immer wieder offenbaren sich auch ein paar schöne Rückblicke ins Tal.

Bei der Ankunft am See werde ich dann schnell aus meiner Wanderidylle heraus gerissen. Tausende Menschen sind hier oben, klar – die Seilbahn spukt hier minütlich die Leute aus, die dann paar Meter laufen und sich ans Wasser legen. Ich bin ein wenig im Zwiespalt. Zum einen ist es einfach einer der schönsten Orte der ganzen Alpen, dieser See strahlt blau vor den schneebedeckten Gipfeln und offenbart die pure Idylle. Andererseits ist es laut, überall sind Menschen, die Instagram-Opfer posieren einen halben Meter neben mir, um mit dem perfekten Bild ein paar billige Likes abzustauben. Ich haue mich irgendwo in den Schatten und lasse die Touris eben Touris sein.

Runter geht’s dann natürlich wieder zu Fuß, das Gedränge an der Seilbahn muss ich unbedingt vermeiden. Geschwind bin ich wieder in Kandersteg, wo die Pfadfinder noch den örtlichen Supermarkt lahmlegen und für eine komplette Kompanie essen kaufen.

Nun ist bereits Montag und damit die letzte Wanderwoche angebrochen. Hier hatte ich mir nun etwas besonderes überlegt, denn die Hauptroute geht nun eigentlich nur noch von einem Tal zum nächsten, aber ein bißchen Bergfeeling wollte ich noch erhaschen. So gönne ich mir noch einen Ruhetag auf fast 2000 Meter Höhe, muss hierzu aber anders laufen. Theoretisch wäre es auch möglich gewesen, über einen sehr verwegenen Pass direkt von Kandersteg zum Ziel zu kommen. Angesichts der bisherigen Probleme mit den hohen Pässen (Altschneefelder) nehme ich Variante B – mit dem Bus nach Adelboden und dann den Steig hoch zur Engstligenalp.

Von Adelboden kann ich den beeindruckenden Engstligenfall schon sehen, der sich von der Hochebene, auf die ich will, Richtung Tal stürzt. Mein erstes Ziel ist also der Fuß des Wasserfalls, den ich nach gut 1,5 Stunden erreiche. Und hier ist natürlich wieder was? Richtig, eine Seilbahn. Die Schweizer haben echt an jeden Berg hier eine hingebaut. Der Parkplatz ist voll, auch heute herrscht wieder schönstes Wetter.

Für mich ist aber klar – hier gehe ich zu Fuß hoch. Gut 500 Höhenmeter sind es und der Steig ist eine absolute Freude. Sehr steil schlängelt er sich durch die Felswand neben dem Wasserfall hoch. Immer gut zu laufen, fordert er aber auch seinen Tribut – nach 2,5 Wochen bin ich dann doch nicht mehr so flink wie zu Beginn (auch wenn ich die ausgeschriebene Zeit am Wegweiser um 20min unterbiete). Zwischendurch kann man einen wundervollen Blick auf den Wasserfall werfen, dann geht es auf die letzten steilen Meter hoch zur Alpfläche.

Oben angekommen erwartet einen eine grandiose Alpenlandschaft. Die Engstligenalp liegt in einem Talkessel, der vom über 3.200 hohen Wildstrubel überragt wird. Mein Zimmer hat einen direkten Blick dahin, es ist traumhaft. Noch traumhafter ist, dass ich die Hotelleute gegen ein paar Franken überreden kann, meine Sachen zu waschen. So kann ich dann ab Mittwoch die letzten Etappen nach Montreux mit frischen Sachen in Angriff nehmen. Irgendwie ist es schon unheimlich, dass es nur noch 4 Etappen sind. Aber vorher gibt es hier morgen noch einen Ruhetag. Lang schlafen, Aussicht genießen und Kräfte sammeln für den letzten Abschnitt.