Die Älteren unter euch werden sich sicherlich erinnern – 1969 kam mit „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ ein Bond-Film in die Kinos, der in der Schweiz gedreht wurde. Bond-typisch gibt es wilde Verfolgsszenen, hier eben in hochalpiner Kulisse. Und genau diese Kulisse war eben auch mein Wandergebiet der vergangenen beiden Tage.
Nachdem ich in Lauterbrunnen im Tal angekommen war, hieß es nun wieder berghoch. Und nicht nur irgendwas berghoch, sondern die extremen Steilwände von Lauterbrunnen, die die höchsten Wasserfälle der Schweiz beherbergen. So war der Staubbachfall quasi direkt neben meinem Hostel.
Steil ging es von Lauterbrunnen hinauf, im Gegensatz zum Vortag, der wandertechnisch eher langweilig war, gab es hier einen wunderschönen, aber richtig knackig steilen Waldweg, der an zahlreichen Wasserfällen und Bächen vorbeiführte. Von unten kann man nicht mal im Ansatz erahnen, wie schön der Weg durch die Steilwand führt.
Irgendwann kam ich dann auch wieder zum Staubbachfall, nur diesmal am oberen Ende. Hier ging es nun aber leider nicht weiter, da der Weg wegen Holzschlag gesperrt war. Sehr schade, denn die Umleitung war nicht das Gelbe vom Ei. Noch steiler den Hang hinauf und dann wird man auf einem Schotterweg ausgespuckt, der einen schweißtreibend über die Almen führte. Immerhin war hier nun wieder der Blick zu den Bergriesen frei, einfach ein magisches Bild, dass man nicht oft genug sehen kann.
In einem Gasthaus legte ich ein Päuschen ein, zwischen E-Bikern und Ausflüglern wirkte ich mal wieder wie ein absoluter Fremdkörper. Cola und Eiskaffee kosten dann aber auch schon mal gut 20 Euro…
Das letzte Stück nach Mürren war dann komplett einfach, quasi immer neben der Bahnstrecke (gut 90% aller Touris nutzen diese, um den autofreien Ort zu erreichen). Und in Mürren war dann wieder die touristische Hölle los. Klar, ein absoluter Traumort, quasi wie auf einem Balkon schaut man hier auf die Berge, die direkt gegenüber sich in den Himmel erheben. Im Supermarkt treffe ich dann mal wieder zufällig das Schweizer Pärchen, mit welchen ich vor genau 2 Wochen gestartet bin.
Nun stand leider eine schwere Entscheidung an – aufgrund einer Wegsperrung und für mich zuviel Restschnee muss ich die beiden kommenden Hochgebirgsetappen ausfallen lassen. Gern hätte diese gelaufen, die Beine wären bereit gewesen, aber das Risiko ist mir einfach zu hoch. Einmal losgelaufen, hätte ich das kaum noch abbrechen können.
So entschied ich mich, den Weg außen rum mit Bus und Bahn auf mich zu nehmen. Aber nicht, ohne heute nochmal eine Panoramatour zu starten, denn ich bin ja nun mal zum Wandern hier.
Über einen Höhenweg ging es wieder vis-a-vis zu den beeindruckenden Gipfel gegenüber, minütlich bot sich eine andere Perspektive, ein anderer Blick. Am Ende ist es einfach auch so eine schöne Belohnung, dies so sehen zu können.
Den steilen Abstieg vom Vortag wollte ich nicht nochmal wiederholen, stattdessen ging es dann in vier Minuten bergab mit der Seilbahn und dann zum Zwischenstopp am Thurnersee.
Auch hier ist es wunderschön, ich lasse den Abend gediegen am See ausklingen. Doch ganz los lassen mich die Berge der letzten Tage auch nicht, denn entfernt sieht man tatsächlich den Gipfel des Eigers über den See hervor blinzeln.
Zwei Wochen bin ich nun schon unterwegs. Auch wenn ich nicht jeden Meter des Weges gelaufen sind, in Summe sind es dann doch schon über 160km und dabei mehr als 10.000 Höhenmeter im Aufstieg. Und allein dieser Tag hat quasi für alles entschädigt. Für alle Anstrengung, für die Nebeltage. Gefühlt war es eigentlich der perfekte Bergtag. Die Riesen der Berner Alpen direkt zum Greifen nahe, bei perfektem wolkenlosen Wetter.
Am Tag zuvor war die riesige Nordwand des Eigers noch in Wolken gehüllt, am Morgen erstrahlt dieser Felsriese aber schon in seiner gesamten Pracht. Ich packe geschwind meine Sachen und starte gegen 9 in das heutige Abenteuer. Zuerst muss ich noch aus Grindelwald heraus, was bedeutet, dass ich erstmal ein wenig absteigen muss, um die Talsenke zu erreichen. Aber dann geht es hoch, der lange Anstieg zur Kleinen Scheidegg steht auf dem Programm.
Und naja… die Stimmung wurde dann doch erstmal ein wenig getrübt, da die ersten 1,5 Stunden ausschließlich auf sehr steilen Asphaltwegen aufwärts führen. Das ließ sich einfach richtig bescheiden laufen, die Schritte werden nicht gedämpft. Um ehrlich zu sein, ich habe diesen Abschnitt gehasst. Aber gut, nützt nix, irgendwann erreichte ich dann die breiten Schotterwege, die jetzt auch nicht das allerschönste Wandergefühl vermittelten, aber sich besser laufen ließen. Im Rückblick konnte man nun wundervoll das Wetterhorn erkennen, während man quasi direkt unter der Eiger-Nordwand hindurchwanderte. Es ist ein wenig schade, dass man diesen Eindruck kaum in Bildern wiedergeben kann, wie mächtig diese riesige Mauer wirklich ist. Aber die Schweizer tun ja alles dafür, um diesen Eindruck für jeden zu erschließen, denn hier fahren diverse Seilbahnen und Züge hoch.
So unspektakulär wie der Weg war, umso beeindruckender wurden dann immer mehr die Eindrücke. Mit jedem Meter, den ich hochlief, rückten weitere schneebedeckte Gipfel in Sicht. Vor mir zeigten sich die Jungfrau und das unfassbar schöne Silberhorn mit seiner weißen Bergkuppe. Neben dem Eiger ließ sich dann auch noch der Mönch in seiner gesamten Pracht sehen.
Und so ging es dann auf die letzten Meter hoch zum Pass, den man schon aus weiter Entfernung sehen konnte. 1.250 Höhenmeter bergauf hatte ich dann schon wieder zurückgelegt, es ist ein absoluter Segen, dass Beine und Körper nach 2 Wochen noch so herausragend funktionieren. Oben an der Kleinen Scheidegg wurde ich dann aber aus meiner kleiner Wanderwelt herausgerissen – denn hier ging es zu wie an einem zentralen Hauptbahnhof. Unzählige Touris, Lautsprecheransagen über die Züge und Seilbahnen, diverse Selfiesticks, die sich aus der Masse heraushoben. So schön wie das hier oben, ich musste da schnell weg, da es teils schon echt unangenehm wurde.
Ein paar Schritte weiter hatte man dann mehr Ruhe, da sich 90% der Leute da oben sowieso nicht bewegen. Und hier konnte man dann diese Pracht dann auch richtig genießen. Das Triumvirat aus Eiger, Mönch und Jungfrau thront vor einem, man erkennt die unzähligen Gletscher, es ist einfach atemberaubend. Viel mehr kann man nicht schreiben, dass muss man einfach sehen. Zwischen Mönch und Jungfrau konnte man sogar die Bahnstation auf dem Gletscher sehen – hier kann man bis auf 3500m hochfahren, Kostenpunkt irgendwas um die 200 Euro. Aber das schreckt auch niemanden ab, die Züge waren alle brechend voll.
Nach einem kurzen Stop ging es dann wieder runter, komplett bis Lauterbrunnen, mein Zielort, wollte ich aber nicht laufen. So ging es bis Wengen, wo ich dann mit einer völlig überfüllten Bahn ins Tal runter bin.
Lauterbrunnen ist nun der nächste Touri-Hotspot, links und rechts beschränken riesige, quasi senkrecht abfallende, Steilwände das enge Tal. Ich kämpfe mich durch die Menschenmassen, beobachte dabei, wie eine asiatische Touristin fast vom Auto überfahren wird, weil sie wegen einem Foto auf die Straße gerannt ist. Kopfschüttelnd geht’s in mein genial gelegenes Hostel. Hier tummeln sich unzählige Basejumper, die mit Wingsuits und Fallschirmen von den Felsen springen, völlig verrückte Typen. Am Abend genieße ich noch den wunderbaren Blick vom Balkon.
Zuerst das positive – ich habe die Nacht im Horrorhaus überlebt! Beim Blick nach draußen legt sich die Euphorie kurzzeitig, denn es regnet mal wieder, der Himmel ist grau. Nichtsdestotrotz packe ich mein Zeug so schnell wie möglich zusammen und verlasse diesen unsäglichen Ort. Frühstück schenke ich mir, gegenüber gibt’s eine Bäckerei und ich hole mir zwei Croissants, muss erstmal reichen.
Und dann ging es hinaus aus Meiringen und in den ewig langen Anstieg. Vorbei an der Skulptur von Sherlock Holmes führte der Weg direkt schön steil zu einem Wasserfall hinaus. Wie immer fielen mir die ersten Meter schwer – allein im Wald, der Körper noch nicht bereit sich zu quälen und das Knie meckerte auch direkt rum, was dieser Blödsinn denn schon wieder soll. Nun ja, es wurde Zeit für die erste Ibu der Tour, in der Hoffnung, dass sich dies dadurch etwas beruhigt. Und es sei gesagt – es hat den ganzen Tag sehr gut geholfen.
Der Weg hoch zum Reichenbachfall war dann doch recht schnell geschafft, durchaus beeindruckend stürzen hier die Wassermassen Richtung Tal und sorgen für ein ohrenbetäubendes Getöse. Der Ort hat zudem einen hohen literarischen Wert – denn hier stürzte der Meisterdetektiv Sherlock Holmes zusammen mit seinem Gegenspieler Professor Moriarty in den (vermeintlichen) Tod.
Der erste Teil des Aufstieges war steil, aber wechselte dann in ein sanftes Gelände über, so dass man den Weg durchaus genießen konnte. Und inzwischen kam sogar die Sonne raus! Hoch oben hielten sich die Wolken noch ein wenig, aber ließen immer mehr Blicke in Richtung der Gipfel frei. Denn es sollte auch eine besondere Etappe werden, mit dem Übertritt in die Berner Alpen kamen nun die Bergriesen in greifbare Nähe.
Sieht auf den Bilder recht einsam aus, war es aber nicht ganz. Denn über die (für den normalen Verkehr gesperrte) Passstraße der Großen Scheidegg fahren viele Radler und zudem gibt es einen gut getakteten Busverkehr, der viele Leute dazu animiert, kleine Teilstücke zu laufen. Nur die wenigsten sind so bekloppt wie ich und latschen den gesamten Pass hoch.
Zwischenzeitlich merkte ich dann, dass mir aufgrund des kargen Frühstücks die Kraft flöten ging, nach fast 1000 Höhenmeter Aufstieg durchaus berechtigt. Also gab es eine sehr gute Stärkung mit Nudeln an eine der diversen Gasthöfe am Rande, so dass ich den finalen Anstieg in Angriff nehmen konnte. Und jetzt wurde es richtig wild. Die Sonne stand inzwischen weit über den Bergen, die letzten Wolken lösten sich auf und der Blick nach oben war inzwischen ungetrübt. Vor mir erhob sich das fast 3.700m hohe Wetterhorn, wie ein Wächter auf der linken Seite, mit seinen Gletschern im Gipfelbereich.
Die Blicke wurden minütlich immer besser, bis ich zu einer Art Arena kam – vor mir die rauschenden Bäche, die von den Berghängen herunterschossen und über mir diese riesige Felswand. Es war absolut beeindruckend.
Und dann begannen auch schon die letzten Meter des Anstieges. Inzwischen war ich – mit Pausen – schon 6 Stunden unterwegs, quasi nur bergauf. Der letzte Hang wurde nochmal steiler, neben mir kämpften sich die Radfahrer ebenfalls die letzten Kehren hoch. Ein anerkennendes Nicken mit einem Radler folgte, wir beide wussten, dass wir es gleich geschafft haben.
Und es ist kaum zu beschreiben, was für ein Gefühl dies ist, wenn man über 1.500 Höhenmeter am Stück hoch läuft und dann auf den letzten Metern weiß, dass man es geschafft hat. Eine Welle von Glücksgefühlen strömt durch den Körper, wie man es kaum intensiver erleben kann. Vor allem, wenn man noch so belohnt wird, wie an diesem Tag. Denn mit der Ankunft auf der Großen Scheidegg offenbart sich nun der Blick auf eine der größten Attraktionen der Alpen – die Eiger-Nordwand. Und Bilder können die Mächtigkeit dieser kaum wiedergeben, man erstarrt förmlich. Der Moment hätte nicht perfekter sein können, die Emotionen nach der Willensleistung kommen einfach hoch. Welch eine Belohnung nach fast 2 Wochen Bergwandern mit Höhen und Tiefen.
Es ist die perfekte Szenerie für den Abschluss dieses Wandertages – den langen Abstieg nach Grindelwald erspare ich mir, entlasten damit die Knie und belaste mal weiter die Kreditkarte (27 Franken für einmal ins Tal, völlig irre). Und unten in der Kleinstadt erwartet mich dann ein kleiner Kulturschock. Denn der Ort ist nicht nur voller Touristen, zu 80% sind diese aus Asien, was wirklich unglaublich interessant ist. Klar, Grindelwald ist wahrscheinlich eine der Orte, die das Alpenbild am meisten zelebrieren. Direkt vor dem Eiger gelegen gibt es hier alles mögliche für Touristen, tausende Ausflugsmöglichkeiten. Gefühlt spricht auch jeder Englisch.
In Grindelwald gönne ich mir dann noch einen Ruhetag, so war es geplant. Und dieser bringt noch einen Moment der puren Freude mit sich – ich kann nach 2 Wochen endlich meine Sachen mal richtig waschen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie dringend notwendig das gewesen ist. Im Endeffekt blieb eigentlich nur die Wahl zwischen Waschmaschine und anzünden, ich wäre mit beiden zufrieden gewesen, aber so passt es doch ganz gut. Ansonsten gab es noch ein sehr nettes Treffen mit einem Schweizer Bekannten und ein Nachmittagsspaziergang mit völlig überteuerten Essen, Bier und Eis. Life is good.
Morgen geht’s dann direkt an der Eiger-Nordwand entlang in Richtung Lauterbrunnen. Auch eine absolute Highlight-Etappe, auf die ich mich schon sehr freue!
Aktuell ist es auch wirklich wie verhext – da hat man am Abend kurzzeitig noch wunderbare Sicht von der Engstlenalp auf die gegenüberliegenden Gletscher, so dreht sich in der Nacht das Wetter wieder komplett. Es regnet am Morgen, die Wolken hängen tief, die erhoffte Fernsicht ist dahin. Und damit auch einer der Höhepunkte der Tour – denn der Tag sollte über einen wundervollen Panoramaweg über den Grat gehen, mit schönsten Blicken auf die Bergwelt und vorausschauend auch in Richtung Eiger, Mönch und Jungfrau. Doch hier kann man froh sein, wenn man die Bäume in 100 Meter Entfernung sieht.
Ich entscheide schweren Herzens, dass ich dann mal wieder flexibel sein muss, denn ohne Sicht bringt der Weg halt auch gar nix, eher dürfte es da durchaus anspruchsvoller werden, wenn der Weg kaum einsehbar ist. Der Bus könnte mich sofort binnen einer Stunde ins Tal bringen, aber da wüsste ich auch nicht, was ich machen sollte. Also Alternativprogramm. Hier oben gibt es ja immerhin auch einige Wanderwege.
So verschlug es mich zu einer Art Seenrunde – von der Alp hinauf zum Tannsee und dann weiter zum Melchsee. Letzterer ist übrigens fürchterlich zugebaut mit Spa-Hotels und Seilbahnen. Während ich locker flockig die Seen passierte, änderte sich das Wetter auch schlagartig. Zuerst Regen, dann wurde es kurz hell und es schien für ein paar Minuten die Sonne. Also Sonnencreme raus – nur um dann 5 Minuten später wieder in der Nebelsuppe zu stecken.
Nach gut vier Stunden war ich dann zurück auf der Engstlenalp, inzwischen war der Nebel noch dichter geworden. Ich begab mich dann nochmal in die Gastwirtschaft und wartete, bis ich dann 17 Uhr den Bus ins Tal nehmen konnte.
Und die Fahrt hatte es in sich – ich war froh, dass ich den ganzen Tag quasi noch nichts gegessen hatte, denn mir wurde richtig schlecht. Ganz schmale Straße, ohne Ende steil, zwischendurch noch Notbremsung, weil ein paar Murmeltiere auf die Straße rannten.
Nachdem ich halb torkelnd den Bus verlassen konnte, war ich nun in Meiringen – der „Sherlock Holmes“-Stadt. Mehr dazu dann im nächsten Blog. Das Preisniveau hier ist schon recht hoch, meine Unterkunft am unteren Ende. Und was ich dann bekam, spottete jeder Beschreibung. Ein ganz schmuddeliges Hinterhaus, total abgewohnter Eindruck. Mein Zimmer war eine Abstellkammer, in der man ein paar Möbel notdürftig rein geräumt hatte, inklusive Klappbett. Es war eine absolute Frechheit… für 25 Euro okay, aber umgerechnet 80 Euro dafür zu verlangen, verschlug mir die Sprache. Hatte kurz überlegt, ob ich einfach wieder abhaue, aber das nächste freie Zimmer kostete über 300 Euro. Naja, dafür gab’s ne große Calzone zum Abendbrot als Stärkung für den kommenden Tag.
Die letzten Tage waren insgesamt nicht so leicht – die Kombination aus dem schneeverhangenen Pass und ein zwickendes Knie hatten zu einigen Umplanungen geführt, die mich doch gut aus dem Rhythmus gebracht hatten. Gestern wollte ich meinen Zielort Engelberg eigentlich dann durchs Tal erreichen. Naja, der Gedanke war da, aber nach 2 Stunden in der schattenlose Hitze und über Asphalt, da war die Lust dann schnell vorbei. So ging es den Rest via Zug ins mondäne Engelberg.
Da ich noch etwas Zeit bis zum Check-In in meiner Unterkunft hatte, pflasterte ich mich auf eine schattige Wiese, direkt vor dem 5-Sterne-Kempinski-Hotel. Die High-Society ist hier auf jeden Fall anwesend. Engelberg ist ein Bergort par-excellence, mit entsprechenden Geldbeutel kann man hier alles machen. Jeder Hang ist mit Seilbahnen zugeklatscht, über die Straßen lassen sich Rentner mit einer Kutsche ziehen. Hier hat selbst der Dönermann Angestellte mit makellosen weißen Hemd und Krawatte (Dönerpreis = ca. 13 €), während ich mir zum Abendbrot ein Baguette im Supermarkt hole und es selbst mit Käse belege. Leben am Limit. Netterweise treffe ich hier zufällig das Schweizer Pärchen, mit welchem ich am zweiten Tag unterwegs war.
Als ich heute morgen aufbreche, schweben die Fragezeichen über meinem Kopf. Macht das Knie heute wieder richtig mit? Wie fühlt es sich an, nach der Pause wieder richtig loszulegen? Nun – die ersten Meter sind echt schlimm. Das Knie meckert, der innere Schweinehund irgendwie noch mehr. Beide sehnen sich nach der gewissen Bequemlichkeit der letzten Tage zurück. Ich bin noch nicht mal am Ortsausgang von Engelberg…
Aber heute muss es sein. So geht es in den ersten Anstieg. Also eigentlich ist es ein großer und langer mit über 1.200 Höhenmetern am Stück, aber durch zwei kurze ebene Abschnitte ergibt sich quasi eine Dreiteilung. Im Wald stampfe ich die ersten Höhenmeter bergauf, ganz allein, irgendwie will hier niemand hoch. Über steile Treppen erreiche ich schließlich das erste Almgelände, gut 300 Höhenmeter sind geschafft. Inzwischen hat mein Körper wieder umgeschaltet – gefühlt habe ich die Schmerzen im Knie herausgelaufen und der innere Schweinehund ist in seine Hütte zurückgekehrt. Nun übernimmt wieder der Wanderflow, das pure Vergnügen an der körperlichen Qual.
Der zweite aufsteigende Abschnitt ist nun aber eine ganz andere Kategorie. Ich sehe schon, wie die Seilbahn hier fast senkrecht hinaufgeht, der Steilhang sieht aus der Ferne extrem aus.
Gut 500 Höhenmeter sind hierfür nun veranschlagt. Ich nehme die Beine in die Hand und begebe mich in die endlosen Serpentinen, die der Hang für mich bereithält. Es lässt sich aber gut laufen, keine Ahnung wie die Schweizer das geschafft haben, aber ich komme gut vorwärts. Bei einer kleinen Pause treffe ich einen Schweizer, der die Via Alpina andersrum läuft und mir von großen Schneemengen hinter Lauterbrunnen erzählt. Davon hab ich auch schon gehört und werde da leider auch einiges umplanen müssen.
Zurück im Anstieg beginne ich nun durchgehend die Seilbahn zu kreuzen. Mein Blick wandert zu den Kabinen und wie einfach und leicht, sie den Hang hinaufgleiten, während ich ein paar Meter darunter um jeden Schritt kämpfe. Eine Familie mit kleinen Kindern winkt mir zu, gern erwidere ich dies und stürze mich in die letzten Meter.
Der Tag hätte ziemlich einfach werden können, da überall hier Lifte und Bahnen fahren, aber als ich meinen zweiten Checkpoint erreiche, weiß ich, dass ich alles richtig mache. Ich bin zwar gut erschöpft, aber noch funktioniert alles und die Stimmung ist gut. Ich bin sogar etwas unter der angegeben Laufzeit unterwegs, immer ein sehr gutes Zeichen.
Nun erreiche ich den Trübsee, eigentlich ein durchaus schönes Gewässer hier oben, aber man merkt sofort, dass die Bahn hier minütlich Turnschuhtouristen ausspuckt. Hüpfburgen, Instagram-Fotoflächen, es ist ein Graus. Natürlich werde ich hier auch sehr skeptisch beäugt – entschuldigt bitte liebe lavendelparfümierten Edeltouris, dass ich eure heile Bergwelt hier etwas aufmische mit meinen schweißgetränkten Klamotten, meinen dreckigen Latschen und dass ich inzwischen überall Schrammen, Stiche und Kratzer habe. Schnell flüchte ich in den nächsten Anstieg und hier bin ich wieder alleine.
Im Banne des Gletschers des Titlis (der leider auch mit allen möglichen Seilbahnen zugekleistert ist) geht es nun nochmal über 400 Höhenmeter hinauf zum Jochpass. Unten treffe ich auf zwei Wanderer, die mir bestätigen, dass der gesamte Weg schneefrei ist. So will ich das hören! Konstant geht es nun wieder hoch, ich merke inzwischen jede Faser des Körpers, bin aber immer noch glücklich, dass alles funktioniert, auch wenn die Schritte etwas langsamer werden. Für die letzte halbe Stunde Aufstieg lege ich mir meine Wunderwaffe auf die Ohren – aus den Kopfhörern erklingt der Soundtrack vom letzten Superman-Film von Hans Zimmer. „Man of Steel“ ist nach über 1.000 Höhenmetern am Stück auf jeden Fall angebracht, in meinem Fall aber vielleicht eher nur „Mann mit Stahlwaden“, der Rest braucht vielleicht noch bissel ergänzendes Training.
Oben am Pass auf über 2.200 Meter Höhe bin ich sehr zufrieden, auch wenn es hier schon sehr trostlos ist. Riesiges Restaurant, mehrere Seilbahnstationen, aber nix los. Zwei Typen glotzen mich an, ich glotze zurück. Naja, auch hier galt nun wieder – je eher weg, desto besser. Auf der anderen Seite erwartet mich nun die Engstlenalp, mein heutiges Tagesziel.
Dafür musste nun aber wieder abgestiegen werden – und ich war vom Weg nicht wirklich begeistert. Vor allem im Vergleich zum verwaisten Mountainbike-Trail, der sich wunderschön und perfekt präpariert herunterschlängelte. Naja, hilft nix, dafür war die Aussicht zum Engstlensee fantastisch. Und auf einmal sah ich vor mir auf dem Weg was pelziges – ein Murmeltier hatte es sich hier gemütlich gemacht und ließ sich auch nicht stören.
Rundherum zog es nun merklich zu, der Titlis inzwischen gar nicht mehr zu erkennen und von einer dicken Wolkendecke erfasst. Es war nun gegen 15 Uhr und ab hier wurden nun auch Gewitter wahrscheinlicher. Also dann mal schneller absteigen – hey, da ist das nächste Murmeltier, ich muss wieder fünf Minuten Portraitfotos machen!
Natürlich bin ich dann noch in einen Regenguss gekommen, aber gestört hat es mich auch nicht, die Klamotten und ich waren vom Aufstieg sowieso noch komplett nass. Also genoss ich die wahnsinnig tolle Atmosphäre hier oben.
Das Berghotel Engstlenalp ist schon eine abgefahrene Unterkunft – eine Herberge aus viktorianischen Zeiten, welches diesen Charme bis heute lebt. Und dementsprechend auch sehr tolle Zimmer anbietet.
Einzig das Essen der Halbpension war dann doch bissel komisch. Kartoffelgratin mit Ratatouille und Gemüse. Also hab ich zu meinem geschmorten Gemüse nochmal ungeschmortes Gemüse dazu bekommen. Mein innerer Chefkoch kämpft immer noch mit der Sinnhaftigkeit dieser Komposition.
In Summe aber ein toller Tag – geiler Aufstieg und nun zurück im Wanderflow. Wenn nicht morgen Regen angesagt wäre und der eigentliche Weg wegen Winterschäden sowieso gesperrt ist. Naja, schauen wir mal, was wir draus machen können.
Der gestrige Ruhetag machte seinen Namen wirklich alle Rede. Spätes Aufstehen, der letzte beim Frühstück und dann wieder ins Bett legen. Beine ausruhen, viel lesen, dazwischen das Badezimmer in eine provisorische Wäschekammer verwandeln und alle Klamotten einmal mit einer Tube Handwaschmittel durchspülen. Der Erfolgsfaktor davon war semigut – der gröbste Geruch ist definitiv raus, die frische Blumenwiese ist es aber auch nicht unbedingt. Immerhin war dann heute morgen alles trocken, so dass ich den Rucksack wieder füllen konnte.
Der Plan für die kommenden beiden Tage sah nun die Überquerung des Surenenpass vor. Hierfür sollte es heute bis ungefähr an den Fuß des Passes gehen und morgen dann drüber und runter nach Engelberg.
Für den heutigen Aufstieg kürzte ich mir ein Stück ab, da es zum einen brütend heiß hier ist, zum anderen ist mein rechtes Knie noch nicht wieder bei 100% und zwickt etwas rum. Weiter oben erblickte ich nun die Bergwelt, rundherum die Gipfel, sieht schon gut aus hier.
Nun ab auf den Höhenweg in Richtung Alp Grat. Etwas beschwerlich ging es bergauf, nach soviel Ruhe muss man sich ans Laufen auch erstmal wieder gewöhnen. Und dann passiert es – auf einer Anhöhe sehe ich das erste Mal fast den kompletten Weg zum Pass. Und der ist weiß. Und davor auch sehr viel. Das ist Mist.
Wie bekannt sein dürfte, sind Altschneefelder auf den Bergen meine größte Nemesis. Insbesondere wenn es nicht nur 5 Meter sind, sondern der Schnee noch größere Flächen bedeckt, über Steilstücke führt, etc. Schickt mich einen Steilhang hoch, gern auch auf allen Vieren über Felsen, aber nicht darüber. Ich erinnere mich an meinen Ausflug ins Stubaital zu Pfingsten, als ich nach einem langen Aufstieg nicht mehr umgedreht bin und über ein wirklich gefährliches Schneefeld drüber bin. Das will ich eigentlich nicht nochmal machen. Und so gehe ich fix die Optionen durch: wenn ich heute weitergehe, ist der Rückweg morgen so ewig lang, dass ich kaum noch nach Engelberg kommen. Also siegt die Vernunft – ich lasse den Schnee in Frieden und streiche den Surenenpass von meiner Liste.
Was bedeutet – jetzt wieder bergab und fix umbuchen. In der Gondel treffe ich zwei Wanderer, die über den Pass drüber sind und berichten mir, dass es wirklich schwierig ist und es viel Schnee gibt. Also im Grunde auch das, was ich schon aus der Ferne gesehen hab.
Mit dem Bus geht es dann weiter an den Vierwaldstätter See, wo ganz in der Nähe meine heutige Unterkunft liegt. Von hier kann ich dann morgen in Richtung Engelberg starten, zwar nicht über den Berg aber dennoch eine schöne und längere Tour.
Manchmal geht es hier echt schnell – da sitzt man am vergangenen Abend noch alleine beim Essen, ist man 24 Stunden später von einer großen Gruppe einheimischer Wanderer umgeben, die alle ebenso die komplette Via Alpina absolvieren oder Teilstücke davon. Das Schwizerdütch, was untereinander gesprochen wird, ist teilweise so extrem, dass ich nicht mal die Hälfte verstehe. Aber ist auch nicht so schlimm, die Gesellschaft ist einfach nett.
Von Braunwald ging es am gestrigen Dienstag bei Sonnenschein los, nur um mitzubekommen, wie innerhalb von 5 Minuten die Nebelschwaden in die Berge zogen und die Sicht mal wieder komplett einschränkte.
Recht schnell lief ich auf eine Frau auf, großer Rucksack, wahrscheinlich auch auf längerer Tour. Da man hier auch nicht jeden sofort anspricht und seine Lebensgeschichte ungefragt teilt, entstand eine ganz lustige Konstellation. Da wir das exakt gleiche Tempo hatten, liefen wir über eine Stunde direkt hintereinander, hielten uns gegenseitig die Weidegatter auf und balancierten über rutschige Wurzeln. Bis dann nach einer kurzen, aber knackigen Steigung die Stille durchbrochen wurde und wir uns kurz vorstellten. Sonja läuft ebenso die Via Alpina, hat heute das gleiche Ziel wie ich und schwups fungierten wir nun als kleine Wandergruppe.
So ging es bei sehr schwülen Wetter am Berghang entlang, bis wir zur Straße des Klausenpass kamen. Diese sollte dann auch unseren weiteren Weg definieren, denn die heutige Hauptschwierigkeit lag eben bei der Überquerung des Passes. Zuerst steuerten wir aber noch das kleine Dorf Urnerboden an.
Nach drei Stunden Dauermarsch erreichten wir nun den einzigen lebhaften Fleck auf der Route und mit dem hiesigen Gasthaus auch einen beliebten Wandertreff. Denn hier war u.a. auch mein mexikanischer Freund Elliott (der mich heute morgen schon wieder rennen überholte, aber dann schon gegen Mittag sein Etappenziel erreichte), als auch noch zwei Wanderbekanntschaften von Sonja, welche sie aus den Vortagen kannte. So gab es nun eine größere Pause, bevor es dann hoch zum Pass ging.
Um ehrlich zu sein, hatte ich hier sogar mit dem Gedanken gespielt, für den letzten Rest des Weges den Bus zu nehmen. Nach der harten Etappe des Vortages begannen nun doch die ersten Körperteile mehr weh zu tun, aber da der Bus nur ganz unregelmäßig fährt und ich keine 2,5 Stunden warten wollte, bin ich dann doch – zum Glück – weiter. Wobei ich im Gegenzug zu den anderen etwas eher los bin, da diese noch auf vier weitere Wanderfreunde gewartet haben, die die gleiche Strecke unter die Füße genommen hatten.
So ging es dann hoch zum Klausenpass – 600 Höhenmeter sind jetzt nicht die Welt, aber man merkt eben, dass man nicht mehr ganz die Power des ersten Tages hat. Während die Straße in unzähligen Serpentinen sich den Hang hochschlängelt, hat man für die Wanderer eine viel bessere Variante gefunden – einfach steil gerade hoch.
In der Mitte des Anstieges gönne ich mir eines dieses furchtbar schmeckenden Powergels, um die sich schnell leerenden Kraftreserven wieder auszugleichen. Und was soll man sagen – das hat echt geholfen. Kontinuierlich Meter um Meter hinauf, vorbei an stoichen Kühen, ein Schneefeld wurde noch waghalsig umklettert. Auf dem Pass komme ich dann zusammen mit zwei der großen Schweizer Wandergruppe an.
Von hier ging es dann nochmal gut 20 Minuten bergab zum Hotel Klausenpass. Hier sehe ich die zweite Kreuzotter der Tour, leider so schnell weg, dass ich sie nicht mehr knipsen konnte.
Ich begebe mich ins Lager, welches das beste Lager ist, was ich bisher gesehen habe. Riesengroß, dazu nicht mal zur Hälfte gefüllt, frisches Bettzeug, mehrere Duschen, es ist wirklich top. Hier sind schon zwei Deutsche, eine Frau mit Tochter, die die letzten Tage draußen gezeltet haben, aber von Kühen verfolgt wurden und jetzt mal eine Nacht in Ruhe schlafen wollen. Hinzu kommen noch zwei der Schweizer Gruppe. Als ich zum Abendessen gehe, gibt es schon einen „Via Alpina“-Gruppentisch, an dem ich direkt mit platziert werde – wie oben eingeleitet wird es ein launiges Essen, bis dann 21 Uhr die Müdigkeit einsetzt und der Körper Ruhe will.
Im Normalfall hat man von hier oben auch eine wunderschöne Aussicht – nur nicht eben am Abend und am heutigen Morgen. Der Nebel hüllt den Pass komplett ein.
Und so fällt die Wahl des heutigen Tages auch nicht schwer. Statt 20 Kilometer mit mal wieder extrem viel Abstieg spare ich mir das Gelatsche durch den Nebel, auch in Hinblick darauf, das leicht angeschlagene Knie für das zu schonen, was noch vor mir liegt. Hier fährt ja auch ein Bus runter und ich bin mit meiner Entscheidung, den Bus nur fürs Runter- statt fürs Hochfahren zu nehmen, auch zufrieden. Knapp 19 Franken später bin ich dann in Altdorf, schlendere gemütlich durchs Tal und gönne mir zum Mittag einen schicken Burger, da es heute auch kein Abendessen gibt.
Morgen kann ich dann richtig entspannen, denn der erste komplette Ruhetag steht an. Schlafen, Lesen, Wäsche waschen – das steht auf der Agenda, bevor es dann am Freitag wieder hoch in die Berge geht.
Gestern abend ging es recht früh ins Bett, besser gesagt ins Lager. Hatte ich zuerst die Hoffnung, dass sich die anderen Gäste auf die anderen Zimmer verteilen, wurde ich leider doch enttäuscht, aber das gehört auf den Hütten auch dazu und zum Glück waren nur vier Plätze im 10er-Lager belegt. Mit im Lager war Elliot, Mexikaner, seit zwei Jahren in der Schweiz und Trail-Runner. Heißt also, der rennt die gesamte Strecke… was er auch macht – halb 12 ins Lager zu kommen und mit seiner Taschenlampe direkt in mein Gesicht strahlen. In dem Moment hätte ich ihn gern über alle Berge geschickt…
Der Morgen ist grandios, die Sonne strahlt und das Bergpanorama erwacht nun richtig. Hach, wie dieses Gefühl immer wieder so überwältigend ist, wenn man nach dem Aufstehen in die Berge schaut. Auf dem heutigen Plan steht wieder einmal eine große Etappe – zwei Besonderheiten stechen heraus. Zum einen gibt es heute ein kleines Treffen auf dem Berg, zum anderen geht es einen der knackigsten Abstiege herunter, die ich bisher unter die Sohlen nehmen musste.
Doch zuerst geht es erstmal bergauf, erstes Zwischenziel ist ein Pass auf der Höhe des Ärbser Stocks auf gut 2170 Metern. Also direkt nach der Hütte in den Aufstieg, nach anfänglichen Unmutsbekundungen meiner Waden (sorry ihr zwei, da müssen wir jetzt die kommenden drei Wochen durch), geht es doch ganz gut bergauf und so bin ich nach gut einer Stunde oben und genieße die Sicht auf die Schweizer Berge.
Vor mir liegt nun die Wichlenmatt – eine unglaublich schöne kleine Fläche, umringt von mehreren fast 3000 Meter hohen Bergen. Eine Besonderheit gibt’s hier noch – den dies ist im Sommer das Reich einer Arbeitskollegin von mir. Melli hütet hier oben Kühe und da es der Zufall so wollte, dass die Via Alpina genau bei ihr vorbeiführt, verabreden wir uns schon vorab auf einen Kaffee auf der Alp.
Melli kommt hochgelaufen, als ich an ihrer Hütte bin, da die Kühe aktuell noch nicht oben sind. Der Schnee hielt sich hier oben sehr lang, so dass noch nicht genug Gras vorhanden ist. Aber in ein paar Tagen sollen sie dann hochkommen. Ich bekomme dann auch direkt mal einen Eindruck von den Gegebenheiten und mit „Heidi-Urlaub“ hat das ganze hier wenig zu tun. Arbeiten von 5 bis abends um 8, die Hütte hat alles Lebensmotwendige, Luxus gibt es aber gar nicht, geduscht wird im Wasserfall. Immerhin gibt es davon zwei zur Auswahl, da kann man sogar immer mal wechseln. Nach gut einer Stunde muss ich dann aufbrechen und gestärkt mit einem Kaffee geht es für mich nun weiter. Welch ein schönes Gefühl, ein bekanntes Gesicht hier oben zu treffen!
Auf zum Richetlipass heißt es nun, zuerst über die saftigen grünen Wiesen und dann hoch zum Übergang ins nächste Tal. Aus der Ferne sieht das alles noch sehr weiß aus, aber glücklicherweise kann man die Schneefelder fast komplett umgehen, was nix anderes bedeutet, dass man auf allen Vieren einen Grashang hochkraxelt. Aber immer noch besser als das Schneefeld. So stehe ich dann 11:40 Uhr auf dem Pass und erfreue mich am dargebotenen, wahnsinnig schönen Panomara.
Auf dem letzten Bild kann man den Abstiegsweg schon sehen – und da wusste ich schon, dass er richtig knackig wird. Auf den ersten 3 Kilometer des Abstiegs ging es 900 Höhenmeter herunter, durchschnittlich also 30%, in manchen Stellen noch steiler. Aber eins muss man den Schweizern lassen – dafür war der Weg ziemlich gut. Er war halt nur steil, stellenweise so sehr, dass man ohne Stöcke nicht normal stehen konnte, weil man sonst einfach umgekippt wäre. Da ist absolute Konzentration gefordert. So ging es langsam, aber kontinuierlich Meter um Meter herunter.
Nach gut 1:45h war es dann geschafft und ich erreichte das Tal. Hier fand ich dann direkt bei einem kleinen Hofbetrieb ein Schild, dass auf kühle Getränke hinwies und schwups gönnte ich mir eine Pause im Schatten mit einer kühlen Cola in der Hand. Das ist hier echt besonders – man findet immer wieder die Almen und Höfe, die Käse, etc. verkaufen, aber eben auch Getränke und das war perfekt platziert am Ende dieses steilen Hangs.
Falls man nun dachte, damit wäre es geschafft – falsch gedacht. Denn hier war ich immer noch auf einer Höhe von über 1.350 Metern, während Linthal – der nächste Ort – auf 700 Metern liegt. Was bedeutet, dass nun nochmal einiges abgestiegen werden musste. In Summe waren es heute fast 1.800 Höhenmeter im Abstieg und die durchgehend warmen Temperaturen forderten langsam ihren Tribut, der Tank war langsam leer. Zum Schluss ging es nochmal steil durch den Wald bergab, inzwischen galt nur noch runterkommen als Ziel.
In Linthal ging es noch fix zum Supermarkt, wo ich mich mit mehreren kühlen Getränken eindeckte für den Rest des Tages. Und nun stand eigentlich noch ein Aufstieg von gut 600 Höhenmetern hinauf nach Braunwald. Naja… es sei denn, man nimmt die Standseilbahn, die hier ziemlich wahnsinnig den Hang hochfährt. Grundsätzlich war mir bei der Planung schon klar, dass die Option sehr lukrativ sein könnte und schwups katapultierte mich das Ding nun nach Braunwald. Der Tag war lang, die Tour ist hart, da kann man sich auch mal das Leben leichter machen. Jetzt stehen noch zwei Etappen an, die hoffentlich nicht ganz so kräftezehrend werden, bevor ich dann am Donnerstag den ersten Ruhetag genießen darf!
Als ich in der Nacht kurz munter bin, schaue ich aus dem Fenster und erblicke einen wunderschönen Sternenhimmel. Da hier kaum Luftverschmutzung herrscht, leuchten tausende Punkte um die Wette und erhellen den Nachthimmel. Was das auch bedeutet – das Wetter ist besser geworden und statt grau heißt es nun klare Sicht!
Am Morgen hole ich erstmal fix mein Zeug aus dem Konferenzraum des Hotels… und da hatte direkt schon mal jemand alle Fenster aufgerissen, um den Dunst rauszubekommen. Tja Leute, ich hatte euch gewarnt, dass ich nach fast 8 Stunden kein wandelnder Duftbaum mehr bin. Mir solls nun egal sein, alles ist trocken, auch die Schuhe.
Der ursprüngliche Etappenplan für die Tour sieht nun den direkten Übergang ins nächste Tal vor, eine absolute Marathonetappe über zwei Pässe. Hier hatte ich mich vorab schon entschieden, dass ganze aufzusplitten und heute nur den Berg hochzulaufen. Demzufolge wird es zeitlich entspannter und ich starte erst nach 10. Das Hotel nahm es aber auch sehr genau und klopfte um 10:01 Uhr an mein Zimmer, dass ich doch bitte auschecken soll. Ja, liebe Leute, ich hab Urlaub, stresst mich nicht.
So geht es nun erstmal in den Anstieg, steil den Berghang hinauf. Am Anfang führt der Weg über einen schönen Waldpfad hinauf, wechselt aber recht schnell auf unangenehme Beläge. Breite Schotterwege, stellenweise Asphaltstraßen, die Wegführung ist nicht toll. Und je weiter hoch es geht, desto steiler wird es. Am Ende noch über Treppen, während rumherum immer wieder Bremsen Attacken auf mich fliegen.
Als ich den ersten Anstieg mit über 500 Höhenmetern hinter mir habe, wechselt nun das Ambiente. War ich vorher im kompletten Anstieg ganz alleine, ist hier nun Party-Touristenzone. Denn es führt auch eine Seilbahn aus dem Ort hinauf und es ist auch einiges los. Klar, es ist Sonntag, das Wetter wieder sonnig, da geht der Normalo-Tourist halt auch wieder raus – denke ich mir, während meine Gedanken kurz zum gestrigen Nebel zurückkehren. Hier lässt man sich eben bei guten Wetter hochkutschieren.
Ich verlasse recht schnell die Touri-Kernzone, gönne mir auf einer kleinen Hütte eine Limo für 6 Franken und gehe dann auf den Höhenweg.
Dieser ist auch wieder sehr touristisch angelegt, bietet aber fantastische Blicke auf die Berge. Hier marschiere gut 1:45 Stunden über zumeist breite Wege, am Hang ist es auch insgesamt gut warm.
Die letzten Meter laufe ich nur noch vor mich her, inzwischen merke ich nach drei Tagen auch die Anstrengung und die Beine das erste Mal richtig. An der Hütte angekommen gönne ich mir erstmal ein kühles Getränk und ein Stück Kuchen, im Anschluss haue ich mich noch einige Zeit ins Lager, um etwas zu ruhen. Die Aussicht ist grandios – der Blick geht zum Hausstock, der prägende 3000er hier in dieser Gegend.
Die Obererbshütte ist nicht groß, bietet 26 Personen Platz und zum Glück sind nur acht Leute da, ansonsten wäre das alles schon extrem eng. Morgen wirds dann wieder anspruchsvoller – mit dem Ärbser Stock und dem Richetlipass stehen zwei Pässe über 2000 Meter an, bevor es sehr steil über Stunden herunter gehen wird. Da müssen die Beine wieder funktionieren.
Sobald man nach dem Foo-Pass im Internet sucht, sieht man traumhafte Bilder, wie schön die Aussicht da oben ist (macht das gern mal und vergleicht es dann mit meinen Bildern). Richtung Westen schaut man auf die kommenden Gipfel der Via Alpina, ein absoluter Panorama-Spot. Nun – heute leider nicht. Also so gar nicht. Nicht mal so, dass man bis zum nächsten Berg sehen kann, nein – nach 20 Metern wird jeder Blick vom Nebel verschluckt und die Augen nehmen nur das immerwährende Grau wahr, welches mich den ganzen Tag begleitet.
Der gestrige Abend auf der Alp Siez wird von Dauerregen begleitet. Für die sechs Via-Alpina-Wanderer gibt es ein gutes und für Schweizer Verhältnisse sogar ganz günstiges Abendessen, die Nacht im Lager ist auch okay, auch wenn die Matratzen recht dünn sind und mein Hüftknochen innig mit dem Holzboden kuschelt. Währenddessen toben nachts Gewitterstürme durch das Tal, stellenweise ist es so hell vom Blitz, dass man aus dem Tiefschlaf erwacht. Immerhin dies beruhigt sich dann wieder, so dass der Start am Morgen dann zwar im Grau, aber immerhin recht trocken ausfällt.
Heute geht es auf die erste „große“ Etappe der Via Alpina. Groß in dem Sinne, dass ordentlich Höhenmeter anstehen, um ins nächste Tal zu gelangen, außerdem geht es das erste Mal über einen Pass mit über 2000 Metern Höhe – dem Foo-Pass (2223m).
Die ersten Kilometer geht es noch durchs Weisstannental, ich entscheide mich hier für die spannendere Variante und laufe nicht die Straße entlang, sondern näher am Hang und mache dort schon die ersten Höhenmeter. Spannend wird es auch dadurch, dass ich mich kurzzeitig mal verlaufe, einem Kuhpfad folge und dann gezwungen bin, die Kuhwiese mit einer spektakulären Kletteraktion über den Elektrozaun zu verlassen. Die Natur hier ist grün, das Wasser kommt von überall herunter, so dass die Schuhe schnell nass sind.
Nach gut einer Stunde komme ich zu einem Wegschild, dass mir die Dauer bis zu meinem Zielort Elm anzeigt – 6:45 Stunden. Also wird es definitiv noch ein langer Tag. Im Talschluss erspähe ich nun den weiteren Weg den Berg hinauf. Also würde ich, wenn nicht gut 100 Meter über den Tal die Nebelwand vorhanden wäre. Der Wirt von der Alp Siez meinte, dass es gegen 10 wohl aufklaren soll, leider sollte sich dies nicht bestätigen.
So ging es nun in den Hauptanstieg zum Pass hinauf und man sollte nicht enttäuscht werden. Die ersten 300 Höhenmeter zogen sich direkt steil den Hang hinauf über eine Art Geröll-Schutt-Weg, der mitunter nicht einfach zu laufen war. Inzwischen war ich dann auch im Nebel angekommen und die Stimmung war absolut gespenstisch. Kaum Sicht, um einen herum ein konstant lautes Rauschen von den ganzen Wasserfällen, der schmale Weg vor einem, der oberhalb vom rauschenden Bach führt, dessen reißende Wassermassen gen Tal stürzen.
Dazu fehlten auch einfach die Fokuspunkte im Aufstieg. Wer in den Bergen unterwegs ist, weiß, dass es einfach auch motivierend ist, vor einem einen Hügel zu sehen und zu wissen, da muss man noch hoch. Ganz zu schweigen von der Aussicht allgemein, die man genießen kann. Aber wenn man das nicht hat, auch niemand, der vor einem läuft, ist das mental sehr anspruchsvoll. Auf der Karte hatte ich mir bereits die Alp Foo auf 1880 Metern als erste Pausenstation ausgesucht. Der Weg zieht sich dann doch, bevor er sehr steil zur Alp hochführt, zum Schluss über Stufen mit einem Stahlseil als Sicherung. Zur Belohnung gibt es auf der Alp eine Getränkestation zur Selbstbedienung – sehr gute Erfindung, ich gönne mit erstmal eine Cola, um die Zuckerspeicher für die letzte Stunde Aufstieg wieder zu füllen.
Hier treffe ich ein Schweizer Pärchen, welches in der vergangenen Nacht ebenfalls auf der Alp Siez übernachtet hat. Da ich mich nach drei Stunden einsamen Kampf gegen den Berg über Gesellschaft freue, schließe ich mich ihnen an und wir gehen zusammen in Richtung Pass. Und hier merke ich schon, wie angenehm sowas sein kann, wenn man durch vorweglaufende Personen mitgezogen wird. Gemeinsam erklimmen wir drei nun die letzten Meter und stehen gegen halb 1 nach vier Stunden auf dem Foo-Pass. Und sehen – wie in der Einleitung bereits beschrieben – gar nix.
Inzwischen habe ich auch die dritte Jacke an, so richtig weiß man nicht, was man anziehen soll. Ohne Jacke zu warm, mit Jacke schwitzt man ohne Ende, ganz oben zieht es wie Sau, so dass die andere Jacke noch her muss… es ist ein Trauerspiel (und ich hoffe, bis morgen ist alles halbwegs wieder trocken, inklusive Schuhe).
Oben verabschiede ich mich erstmal von den beiden, da ich sofort in den Abstieg wollte, um mich nicht zu verkühlen. Nach 1.300 Höhenmeter bergauf nun das gleiche wieder runter – ein Fest! Die ersten 45 Minuten ist es auch richtig steil, vorsichtiges Gehen am Berghang ist gefragt, während um mich herum geisterhafte Kuhglocken läuten – ich höre sie, aber eine Kuh bekomme ich dank des Nebels nie zu Gesicht. Das erste Ziel für den langen Anstieg ist die Besenbeiz-Alp, da ab hier der Weg angenehmer wird.
Während ich mich der Hütte nähere, sehe ich bekannte Gesichter – die deutschen Frauen von der Alp Siez sitzen drinnen und gönnen sich Kaffee und Kuchen. Spontan geselle ich mich dazu und gönne mir auch ein Käffchen. Annelies und Fritz sind absolut goldige Gastgeber, die jeden in ihre private Stube winken, der hier vorbeikommt. Wir unterhalten uns noch ein Weilchen, dann muss ich aber weiter – der Abstieg ist noch lang. Trotz des bescheidenen Wetters, die Herzlichkeit an diesem Ort wird mich noch lange begleiten.
Nun wird es recht unspektakulär. Der Abstieg zieht sich tief ins Tal hinein, unterwegs hole ich das Schweizer Pärchen wieder ein, die mich während der Kaffeepause überholt hatten (flotte Sohle heute von mir) und wir gehen den restlichen Weg zusammen.
Irgendwann erreichen wir dann wieder die Nebelgrenze und können endlich mal weiter als 20 Meter schauen – ein erhabenes Gefühl nach so vielen Stunden. Und dann, nach etwas mehr als 7:30h, erreichen wir das kleine Dorf Elm.
Ich quartiere mich im kleinen Hotel ein, bekomme ein recht kleines Zimmer und muss mich dann noch drum kümmern, dass meine wohlriechenden Klamotten irgendwo unterkommen, nur nicht im Zimmer, weil das ansonsten unbewohnbar wird. Am Ende darf ich diese im Konferenzraum aufhängen. Ich frage nochmal nach, auch mit dem Hinweis, dass die Sachen nach fast 8 Stunden nicht zwingend nach Rosen duften, aber es scheint nicht zu stören. Nun gut, viel Spaß beim nächsten Seminar wünsche ich. Ansonsten feiere ich noch einen kleinen Rekord, denn knapp 2.900 Höhenmeter im Auf- und Abstieg habe ich an einem Tag noch nie gemacht. Und dafür fühle ich mich jetzt doch ziemlich gut. Morgen wird es etwas entspannter, da nur Aufstieg zur Hütte.