Pfingst-Trainingslager im Stubaital

Die Wandersaison 2024 ist nun offiziell eröffnet und nach der winterbedingten Abwesenheit wird nun in den folgenden Wochen und Monaten hier wieder etwas Leben einziehen. Denn auch in diesem Jahr werden wieder die Schuhe geschnürt und die Berge erobert, die die Welt bedeuten.

Nachdem mein Ausflug im vergangenen Jahr in den Pyrenäen doch früher endete als geplant, musste einige Zeit vergehen, bis das Bergfieber sich so langsam wieder ausbreiten konnte. Stattdessen hieß es eher erstmal Strandurlaub auf Sardinien. Zu Beginn des Jahres 2024 aber ging es langsam wieder aufwärts – erste Pläne wurden für das Jahr geschmiedet und langsam, aber kontinuierlich wurde wieder etwas Kondition gebolzt. Da es dieses Jahr nicht die ganz, ganz große Tour geben wird (also keine 8 Wochen, aber ihr als Leser werdet trotzdem nicht enttäuscht sein), brauchte die Motivation doch etwas länger, aber inzwischen sind die Trainingsumfänge wieder auf ein gutes Maß angestiegen. Um dies nun mal richtig zu testen, bot es sich an, über Pfingsten mal wieder einen Kurzurlaub einzustreuen – das Wetter gut, der Schnee auf dem Rückgang und die erste Tour vor Augen. Nun denn, also auf ins Abenteuer.

Das Stubaital hatte ich in den vergangenen zwei Jahren jeweils schon im Winter besucht und ein paar Wanderungen gemacht. Da es links und rechts jeweils schöne Wege zum Höhenmeter machen gibt, war es fix als Ziel auserkoren und so ging es am vergangenen Freitag fix nach Neustift, wo ich mein Hotel für das Pfingstwochenende bezog. Reichlich dekadent im Hotel Bergkönig – wobei dies eigentlich nicht so geplant war, da ich mich ins günstigere Schwesterhotel eingebucht hatte, aber direkt ein Upgrade bekam. Nun gut, beschwert man sich ja auch nicht. Der Blick vom Balkon war schon verheißungsvoll.

Für den Samstag hatte ich mir direkt das „Filetstück“ herausgesucht. Das Pinnistal ist ein kleines Nebental vom Stubaital und zweigt ganz in der Nähe von Neustift ab. Hier war ich bereits schon mal im Winter, fand es wunderbar, aber da konnte man natürlich nicht so weit wandern, da recht schnell der Schnee hüfthoch wurde. Geplant war eine Art Rundweg – einmal komplett durch das Tal und dann den Berg hoch, wobei ich dann über einen Höhenweg an der Bergstation der Seilbahn ankommen würde, mit der ich theoretisch wieder ins Tal gelangen könnte und mir gut 1.000 Höhenmeter Abstieg spare. Es ist „Trainingslager“, da muss man sich ja nicht sinnlos quälen und praktischerweise war die Seilbahn genau an diesem Tag wieder aus der Frühlingspause erwacht.

So ging es dann morgens kurz nach 9 direkt nach draußen, zuerst noch ein kleines Stückchen durch das Tal mit schönem Blick nach Norden in Richtung der Innsbrucker Berge. Nach gut 25 Minuten bog der Weg dann ab und ich verließ das Stubaital in Richtung Südosten. Aber hier ging es nun bergauf – und ab in das wunderschöne Pinnistal. Die Bilder sprechen da auch nur die halbe Wahrheit, dieses Tal zählt mit zu den schönsten, die ich bisher besuchen durfte. Drei größere bewirtschaftete Almen befinden sich entlang des Weges, der trotz einiger Steigungen aber leicht zu laufen ist. Vor einem werfen sich sehr schnell die schneebedeckten Berge Tirols in Schale und fesseln den Blick.

Nacheinander erreiche die Issenangeralm und die Pinnisalm, welche gerade aus dem Winterschlaft erwacht sind und die ersten Gäste des Sommerjahres erwarten. Auf der Pinnisalm frage ich kurz, ob der Höhenweg schon offen hat und bekomme die ehrliche Antwort – sie wissen es noch nicht und können es nicht garantieren. Na dann schauen wir mal. Mit jedem weiteren Schritt in dieses Tal werden die Blicke schöner, die Berge famoser. Dazu ist es unfassbar ruhig – ich bin fast komplett alleine, bis auf zwei, drei andere Wanderer und einem Radfahrer treffe ich hier niemanden. Es ist ein absolutes Naturparadies.

Der Weg ist jetzt nie richtig steil und so komme ich sehr schnell durch das Tal. Die angegeben Wegezeiten zu den Almen unterbiete ich locker, auch die ganz neuen Wanderschuhe machen einen sehr guten Eindruck (also gleiches Modell wie immer, nur eben neu gekauft, da die alten die Pyrenäen nicht so gut verkraftet haben). Auf dem Weg zum Talschluss rückt nun der fast 3.300 Meter hohe Habicht ins Blickfeld und bestimmt die Szenerie. Ein unfassbar schöner Berg, seine schneebedeckten Bergflanken reichen hier fast 1.500 Meter hoch über das Tal.

Hier beginnt nun der spannende Teil – denn nun ist es vorbei mit dem breiten Schotterweg und der schmale Bergpfad beginnt. An dieser Stelle habe ich bereits knapp 800 Höhenmeter bergauf hinter mir, nun wird es aber steiler, dafür die Aussicht nochmal schöner. Erste kleinere Schneereste sind nun am Wegesrand zu erkennen, stellen aber aktuell noch keine Probleme dar. Umso beeindruckender der Blick zurück ins Tal.

Der Weg ist ein Traum, wird dann oben noch richtig steil und mit über 1.000 Höhenmeter in den Beinen merkt man doch eine erste Anstrengung. Aber die Beine und Konditionen spielen gut mit und genau dafür ist der Test ja da. Erste kleinere Krampferscheinungen in den Waden (das alte Leid…) bekämpfte ich geschwind mit Magnesium und erreiche deutlich unterhalb der geplanten Zeit einen wunderschönen Aussichtspunkt, der die höchste Stelle des heutigen Tages darstellen sollte. Hier finden sich nun auch schon die ersten Schilder zur Seilbahn und die ersten Touristen kommen mir entgegen, die quasi den anderen Weg genommen haben – mit der Bahn hoch und dann runter laufen. Was aus meiner Sicht völliger Mumpitz ist (bergab wandern ist tausendmal anstrengender), aber muss jeder selbst wissen :). Da aber Gegenverkehr herrscht, ist das schon mal ein gutes Zeichen, dass der Weg begehbar ist.

Es gibt zwar hier und da noch ein paar Schneefelder, aber die kann man ganz gut umgehen und so mache ich mich beschwingt auf den Weiterweg, da ich nun denke, dass die Hauptschwierigkeiten des Tages vorbei sind. Tja, fünf Minuten später stehe ich am Weg, blicke auf das wohl ekligste Schneefeld, dass ich je gesehen habe und stelle mir die Frage, was ich nun machen soll. Im Normalfall kann man über Altschneefelder ganz gut drüber laufen, aber dieses ist besonders fies. Es zieht sich steil über eine Schuttrinne und fällt unterhalb des Weges noch mehrere hundert Meter runter. Dazu ist kaum eine Spur drin – also wo man einigermaßen sicher reinsteigen kann und etwas halt hat. Man merkt eben, dass der Wandersommer erst begonnen hat und hier vielleicht ein paar Leute bisher drüber sind. Ich schaue auf meine Uhr, ich bin 4 Stunden unterwegs – zurück also ungefähr die gleiche Zeit. Während vor mir die Seilbahn 45 Minuten entfernt ist. Also gehe ich drüber – und muss am Ende sagen, dass es die falsche Entscheidung war. Denn auch wenn nix passiert ist und ich heil drüber gekommen bin, das war fahrlässig. Ein minimaler Fehler, ein kleiner Rutscher und man hat keine Chance, so steil wie das da abgefallen ist.

Extrem steil, kaum Trittspuren und der Rand schon unterhöhlt

Im weiteren Verlauf komme ich noch an ein paar weiteren Schneefeldern vorbei, die aber alle bei weitem nicht so dramatisch sind. Einmal lande ich auch kurz im Schnee, als ich einem Engländer hinter mir meine Wanderstöcke anbieten wollte, da dieser sehr unsicher wirkte und ich ausgerechnet dabei selber kurz den Halt verliere und mit dem Hosenboden zwei Meter den Hang runterrutsche. Da es aber auf Wiesengelände war (und keine Schuttrinne wie oben) ist das alles harmlos und ich komme selbst aus dem Lachen nicht mehr heraus, wobei der Engländer etwas verschreckt aussah.

Am Ende genieße ich noch die Blicke hier oben in die Bergwelt, im Norden kann man bis Innsbruck sehen und gehe dann gemütlich zur Seilbahn herunter, die mich dann letzten Endes wieder an meinen Startpunkt bringt. Zufrieden beende ich den ersten Wandertag.

Am Tag darauf, dem Pfingstsonntag, lasse ich es etwas ruhiger angehen, da die meisten anderen Routen, die ich mir vorher herausgesucht hatte, auch in der Höhe sind und die Lust auf ähnliche Schneefelder eher klein gewesen ist. Es lohnt sich einfach nicht, hier irgendwelche Risiken einzugehen.

So laufe ich spontan eine Runde über kleine Forstwege am Rand des Tals, zuerst in Richtung Süden mit Blick zum Stubaier Gletscher und dann auf der anderen Seite des Tals wieder zurück nach Neustift. Gemütliche 4 Stunden um die Mittagszeit mit ein paar Höhenmetern runden das kleine Trainingswochenende ab.

Und nun dauert es nicht mehr lang, bis die erste Hüttentour des Jahres ansteht. In nicht einmal zwei Wochen geht es ins Salzkammergut. Eine sehr anspruchsvolle Route durch das Tote Gebirge, Dachsteingebirge und abschließend an den Rand des Tennengebirge. Die Hütten machen jetzt alle die Tage auf und ich hoffe mal, dass die Tour soweit machbar ist und der Altschnee beherrschbar bleibt. Bis in Kürze!

Adios & Au revoir Pyrenäen!

Nun sind keine Berge mehr um mich herum. Keine hohen Gipfel, keine steilen Wanderwege. Stattdessen – Meer. Und sehr viele andere Touristen.

Die Entscheidung, die Tour unter- und dann abzubrechen, fiel am Ende nicht so schwer. Zu krass wurde das Wetter, da war das letzte Wochenende, wo ich am Berg umgedreht bin, gar nix dagegen. Von Tag zu Tag wurde es immer heißer und da war klar, dass es überhaupt keinen Sinn macht, hier weiterzugehen. So schwer es auch erstmal fällt, nach 3 Wochen durchackern, aber es war die vernünftige, die richtige Entscheidung. Die letzten Tage liefen dementsprechend ruhig ab: Von Bareges bin ich per Bus nach Cauterets, eine kleine Stadt umringt von hohen Bergen und durchaus auch ein schönes Touriziel im Sommer. Nur leider waren in diesen Tagen selbst auf 1000m Höhe Temperaturen, die jegliche Aktivität extrem anstrengend machte. Einmal bin ich eine längere Tour entlang der bewaldeten Hänge gelaufen, aber selbst das war schon eine extreme Belastung für den Körper.

Klar, irgendwie hätte ich die Woche auch abwarten können und dann weitermachen. Aber wenn man einmal eine längere Pause einlegt, bekommt man den Schalter nur ganz schwer wieder umgelegt. Zudem wäre mein Zeitplan dann nicht mehr umsetzbar gewesen. Also habe ich mich von der Tour verabschiedet. Zu meinen lieben Gastgebern in Bareges habe ich mich schon verabschiedet mit den Worten, dass ich irgendwann hier wieder ansetzen werde und den Rest noch laufe.

Nachdem die Hitze in den letzten Tagen selbst beim Nichtstun einfach anstrengend war, hat es nun heute den Wetterwechsel gegeben. Es ist grau, als ich morgens wach werde. Etwas Regen fällt auf die ausgetrockneten Dächer von Cauterets. Bis auf kleine Schauer während der Gewitter hatte es seit Wochen nicht mehr geregnet. Ich sitze im Bus nach Lourdes, dem bekannten Wallfahrtsort, am Fuß der Pyrenäen. Auf beiden Seiten ziehen die Felswände an mir vorbei, während wir Meter um Meter herunter fahren. In einigen Serpentinen sind noch Anfeuerungssprüche von Fans an die Fahrer der Tour de France auf die Straße gemalt – vor gut zwei Monaten endete in Cauterets eine Tagesetappe. In Lourdes verabschiede ich mich dann von den Pyrenäen – ab in den Zug nach Bayonne Richtung Meer. Dort nochmal in den Bus und zack, bin ich am Nachmittag in Biarritz, wo mich der Atlantische Ozean (wieder) erwartet.

Ich merke – ich bin nicht ganz so gekleidet, wie manch andere hier. Mit ramponierten Sportklamotten, dreckigen und halb kaputten Wanderschuhen, seit vier Wochen unrasiertem Gesicht und mit dicken Gepäck flaniere ich über die Strandpromenande und sehe mich an Gucci-Läden vorbeilaufen. Der Touri-Schreck ist zurück! Aber es ist echt schön hier. Die Strände von Biarritz liegen zwischen diversen Felsformationen, die wundervoll anzusehen sind. Wobei so ganz die Berge nicht weg sind, denn in südlicher Richtung ist mein Startort vor vier Wochen, Hendaye, zu erkennen und dahinter sieht man auch die ersten Hügel des Baskenlandes. Genau die Berge, die ich damals als erstes auf meinem Weg Richtung Osten bezwungen habe. Und nun stehe ich einige Wochen später hier am Meer und sehe sie wieder. Ein klein wenig Wehmut macht sich doch breit.

Mein Hotel ist gut 100 Meter vom Meer entfernt, eher zweckmäßig, aber für das Wochenende wird es auf jeden Fall ausreichen. Nach Check-In ging es noch ein wenig den Strand entlang, die kommenden zwei Tage schaue ich mir alles mal noch genauer an. Wahrscheinlich im Dauerregen, aber das ist mir inzwischen auch egal. Hauptsache keine Hitze mehr.

Hitze-Knockout & Riesenspinnen

Zwei Wochen Sonne und Hitze… der letzte Niederschlag datiert nun schon lange her und ausgenommen vom Nebeltag von vor über einer Woche wandere ich seitdem durch den Glutofen Pyrenäen.

Auch kurz nach 9 Uhr strahlt der gelbe Feuerball schon am Himmel und deutet an, dass der nächste erbarmungslose Hitzetag wartet. Ich verabschiede mich von meiner superschönen Unterkunft in Bareges, Mary und Brendan sind vor vier Jahren aus Südafrika hier hergezogen und haben ein kleines Bed & Breakfast eröffnet. Das Frühstück auch das beste, was ich in den drei Wochen bisher hier bekommen hab. Der Weg geht von Beginn an kontinuierlich nach oben – gut 1.400 Höhenmeter gilt es am Stück hinaufzuwandern. Das wird eine Qual…

Die erste Stunde laufe ich auf einem Weg parallel wieder zur Passstraße des Col du Tourmalet, bei einem großen Parkplatz passiere ich diese dann und wechsle nun in reines Berggelände. Zum Samstag ist hier viel los, neben mir befinden sich diverse andere Wanderer mit auf dem Pfad. Inzwischen bin ich schon gut geschafft, denn der Weg ist quasi schattenfrei…

Die Hitze zerrt an den Kräften. Ich mache mehrere kleine Pausen hintereinander, wohlwissend das dies aufgrund des Zeitplans eher suboptimal ist, aber ich nutze jede kleine Möglichkeit, den Schatten aufzusuchen. Aber dennoch versuche ich weiterzugehen und den inneren Schweinehund zu überwinden. Inzwischen habe ich schon über 600 Höhenmeter bergauf absolviert, die Beine und der Körper sind zwar nicht erfreut, aber irgendwie kann ich das ganze noch ignorieren. An einer Weggabelung sehe ich das Schild für meine Etappe… und bis zum höchsten Punkt des Weges sind noch drei Stunden angesetzt. Die Sonne knallt mir weiter ins Gesicht. Ich weiß, dass mir die Energie fehlt, sowas wie vor ein paar Tagen zu wiederholen, als ich den Anstieg quasi hochgerannt bin. Also weiter hochquälen.

Und dann kommt das, was ich nicht ignorieren kann – Kopfschmerzen setzen ein. Ich bin platt. Die Hitze fordert ihren Tribut. Ich suche mir unter einem großen Stein ein schattiges Plätzchen, lege mich hin und überdenke die Optionen. Weiterzugehen ist unvernünftig. Im Spaß hatte ich am Morgen schon zu Mary gesagt, dass ich vielleicht umdrehen werde und wieder zurückkomme. Und so wird es auch. Ich wäre wahrscheinlich noch mindestens 6 Stunden unterwegs gewesen, in praller Sonne… man muss nix heraufbeschwören, wenn einem der Körper entsprechende Signale gibt. Dafür ist es am Ende immer noch Urlaub. Also kehre ich um.

Ich mache ganz entspannt, gönne mir immer wieder ein paar Päuschen, mache ein paar der Bilder der schönen Berglandschaft. Zu Beginn des Abstieges fühle ich mich dann auch nicht ganz so gut, zum Glück legt es sich aber schnell wieder. Es ist dann eben auch ein Unterschied, ob ich mit 130-140 Puls bei der Sonne den Berg hochstiefele oder entspannt runter laufe.

Nachmittags bin ich dann wieder in Bareges, wo mich die beiden wieder herzlich empfangen. Ich bleibe direkt noch für zwei Nächte und gönne mir einen kompletten Ruhetag. Am Ende bin ich trotzdem fast 15km unterwegs gewesen. Abends folgt dann noch ein großer Schock, denn anscheinend verfolgt mich meine Phobie vor großen Spinnen auch hier noch… mitten im Bad begrüßt mich wieder so ein riesiges Vieh. Das Ende lasse ich offen, aber ich konnte beruhigt schlafen 😉.

Nun ist ausruhen angesagt und Pläne machen für die kommenden Tage. Die Stimme in meinen Kopf, die mir immer wieder zuruft „Geh an den Strand!“ wird durchaus lauter, aber ein bissel Austoben werde ich mich hier in den Bergen definitiv noch.

Akku leer am Tourmalet

Juli 2003: Jan Ullrich ist in Bestform und attackiert an den steilen Rampen des Col du Tourmalet den Dauersieger Lance Armstrong und fährt mehrere Kilometer allein an der Spitze der Tour de France vor ihm. Nun, 20 Jahre später klettere ich parallel zur berühmten Passstraße den Berg hinauf. Allerdings fühle ich mich eher wie jemand, dessen E-Bike keinen Akku mehr hat und kaum einen Meter ohne Qual hinauf schafft.

Kurzer Rückblick auf gestern: Gavarnie ist noch überlaufener, als ich es vermutet hätte. Beim Weg zum Wasserfall sind mit mir tausende Menschen unterwegs. Als es dann berghoch geht, sind manche vorm Kollaps, es ist halt kein Shoppingbummel auf der Champs-Elysee. Viele lassen ihre Kinder durch Esel herumtragen, was auch dazu führt, dass der Weg teilweise gnadenlos zugeschissen ist. Ohne Rucksack renne ich gefühlt federleichg durch die Menschenmassen nach oben und überhole hunderte, bis ich an einen Aussichtspunkt komme. Hier hätte man noch weiter gehen können, aber aus der Ferne sieht man schon, wie viele sich da hochquälen. Nein, das ist nix für mich. Und schwups geht’s wieder nach unten, so war es ein eher kleiner Ausflug und ich bin froh, als ich wieder meine Ruhe habe.

Heute morgen ging es dann eine halbe Stunde mit dem Bus weiter runter nach Luz Saint-Sauveur (oder so…). Der Bus gut gefüllt mit anderen Wanderern mit schweren Gepäck, die meisten wohl am Ende einer Tour. War es in Gavarnie schon gut warm, wurde es nun weiter unten in Luz richtig heiß. Mehr als 30 Grad, die Sonne brennt von oben richtig. Ich kaufe mir noch einen Fünferpack Snickers (wovon ich vier direkt heute unterwegs esse, mein einziges Doping im Vergleich zu Ullrich & Armstrong) und verlasse Luz wieder in die Berge.

Und nun wird es richtig heftig. Mein schlaues Büchlein hat mich schon gewarnt (sehr steil), in Natura kann ich das nur bestätigen und mit der brütenden Hitze wird es zur richtigen Qual. Nach 20 Minuten sitze ich das erste Mal und überlege, ob ich wieder absteigen soll. Ich kann mich irgendwie motivieren, weiterzugehen, sitze aber 15 Minuten später an der nächten Abzweigung, die ins Tal führt und bin wieder kurz davor, den heutigen Tag (und damit eventuell auch die Tour?) zu beenden. Doch irgendwie geht es immer weiter. Ich stemme mich nach oben, setze den schweren Rucksack auf und marschiere weiter. Meter um Meter geht es im steilen Wald hinauf, zwischendurch bin ich schon so irre, dass ich mich lautstark selbst anfeuere, dass ich den Anstieg bezwingen kann. Gehört hat es eh niemand, da ich quasi den ganzen Tag komplett alleine unterwegs war. Der Anstieg ist eine Qual, mein mentaler und körperlicher Akku quasi leer. Aber ich gebe nicht auf.

Ich bin durchaus stolz auf mich, denn mit gutem Tempo komme ich tatsächlich auf der Hochebene an und kann erstmal ein wenig durchatmen. Es sind zwar immer noch über 10km zu laufen, aber die Hauptschwierigkeit des Tages ist damit geschafft. Nachdem es dann immer noch etwas hoch und runter geht, flacht der schmale Weg ab und verläuft fast eben am Berghang entlang. Schwer ist das alles nicht mehr und so geht es nun recht geschwind in Richtung Bareges. Im Osten erkennt man schon den Pic du Midi de Bigorre, einem fast 3000 Meter hohen Gipfel, den man mit Observatorium, Funkmasten und Seilbahn extrem zugepflastert hat. Dieser liegt quasi oberhalb vom anfangs erwähnten Col du Tourmalet, einen der bekanntesten Pässe der Radsportwelt, der fast jährlich von der Tour de France überquert wird.

So geht es für mich noch weiter nach Bareges, einem kleinen Ort ungefähr auf der Hälfte des Tourmalet-Passes, am Ende noch durch eine schöne Waldlandschaft, wobei ich froh bin, endlich anzukommen. Und manchmal meint es das Schicksal auch gut mit einem – denn pünktlich mit meinem Ankommen finde ich eine E-Mail im Postfach, dass meine geplante Hütte für morgen noch ein Bett frei hat. Somit steht der 8-Stunden-Tour über 23 Kilometer durch die Bergwelt nix mehr im Wege 😀.

14 km, 900 Höhenmeter hinauf, 400 runter, ca. 5h

Im Eiltempo zum französischen „Zirkus“

Nach der neunstündigen Etappe gestern ist es nun tatsächlich das erste Mal richtig geschehen – ich merke meine Beine, mein Rücken, meine Schultern am neuen Morgen. Der Tag hat definitiv Spuren hinterlassen, allerdings nicht nur am Körper, sondern auch an der Ausrüstung. Denn meine Schuhe bekommen oberhalb der Sohle kleine Risse. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das normaler Verschleiß nach gut 300 Kilometern ist oder ob die mir demnächst mal vom Fuß fallen… Scheinbar mag mich mein Equipment aktuell nicht so gern, denn auch Quietschi (mein Rucksack) war heute wieder aktiv.

Der Plan für heute war relativ einfach, vom Start weg gut 1000 Höhenmeter hoch auf den Pass nach Frankreich und von dort wieder 1000 Höhenmeter runter bis nach Gavarnie. Auf der einen Seite glücklich, dass es nicht so lang ist, aber dafür halt etwas steiler. Und so ging es kurz vor halb zehn vom Refugio Bujaruelo los und ohne Umschweife oder Warmlaufen in den Steig.

Der Wegweiser veranschlagte drei Stunden bis zum Pass, dem Port de Bujaruelo. Nun denn, dachte ich mir, schauen wir mal, ob es vielleicht auch bissel schneller geht. Und zack war ich im Anstieg drin und die Beine trugen mich geschwind nach oben. Schnell gewann ich an Höhe, das erste Steilstück mit 600 Höhenmetern hatte ich in etwas mehr als einer Stunde absolviert. Schritt für Schritt arbeitete ich mich nach oben und konnte dann auch das Tal bestaunen, aus dem ich gerade aufgestiegen war. Vor mir offenbarte sich nun eine Hochebene, an dessen Ende bereits der Pass zu erkennen.

Hier galt es nochmal gut 350 Höhenmeter zu überwinden, am Ende eine Schuttrinne hinauf, wiederrum musste über ein paar Felsbrocken aufgestiegen werden (aber kein Vergleich zu gestern) und nach exakt zwei Stunden stand ich oben am Pass und damit an der Grenze – eine Stunde schneller als geplant. Es ist erstaunlich zu sehen und zu fühlen, wie der Körper selbst nach dieser langen Zeit noch so funktioniert und sich sogar steigern kann. Angesichts auch des Gepäcks, das ich ja weiterhin mit mir mitschleppe, kann ich das nur genießen. Wobei es sicherlich auch hilft, dass ich aktuell wohl so einiges an Gewicht in den Pyrenäen bisher gelassen hab.

Oben am Pass gönne ich mir nur eine kurze Pause, da es extrem zieht und in nassgeschwitzten Sachen macht das weniger Spaß. Zudem hängt mir heute das Wetter etwas im Nacken, da ab Nachmittag eventuell Gewitter auftreten könnten. Der Himmel hat sich auch definitiv zu den Vortagen geändert, auch wenn die Sonne weiterhin von oben einheizt (ich bin jetzt bei der dritten Tube Sonnencreme…). Und war es gestern schon touristisch am Ende, wird sich dies nun noch mehr steigern, denn ich betrete nun die Bergwelt von Gavarnie und die ist in Frankreich extrem bekannt.

Der lange Abstieg ist größtenteils sehr gut zu gehen. Zwar gibt es immer wieder steilere Abschnitte und sehr schmale Pfade, bei denen ein Abrutschen ungünstig wäre, aber da gab es in den letzten Wochen deutlich schlimmeres. Allerdings etabliert sich nun ein neuer Erzfeind hier – das Pyrenäengras. Denn im Gegensatz zu lieblichen Grasflächen, die man sonst kennt und wo man sich auch gern draufsetzen kann, ähnelt das hiesige Gras mehr einen Kaktus. Man kann sich nicht drauf setzen, es sei denn man hat eine Vorliebe dazu, dass einen hundert spitze Nadeln in den Hintern gerammt werden. Ich hatte ja schon zu Beginn der Tour darüber philosophiert, dass die hiesige Flora nur aus Stacheln besteht, das Gras setzt diese Tradition grandios fort. Insgesamt bin ich nun gemächlich unterwegs, mache immer wieder kleine Pausen und da das Wetter ruhig bleibt, kann ich das ganze auch genießen.

Im Abstieg offenbaren sich nun langsam die großartigen Ausblicke, die die Gegend um Gavarnie so berühmt machen. Rechts von mir gehen die Felswände teilweise über 1.000 Meter hoch, Wasserfälle stürzen ins Tal. Es ist beeindruckend. Doch das größte Naturschauspiel kommt nur langsam ins Blickfeld – der Cirque (deutsch: Zirkus) de Gavarnie. Dieser Felskessel beherbergt einen der höchsten Wasserfälle Europas und der Anblick verschlägt einen die Sprache. Rundherum stehen gigantische Felsmauern und selbst von weitem erkennt man diesen riesigen Wasserfall, wie er ins Tal stürzt. Kein Wunder, dass sich hier halb Frankreich versammelt.

Heute sehe ich dies nur aus der Ferne. Aber ich habe schon beschlossen, hier einen weiteren Tag zu verbringen und dies näher zu begutachten. Das muss einfach sein, wenn man schon mal hier ist. Dafür lasse ich die nächste Etappe auf dem französischen Weg dann ausfallen (und 26km über 9 Stunden klingen halt auch nicht gut) und genieße dieses Naturschauspiel umso mehr. Ich schlendere noch ein wenig durch Gavarnie, beobachte die unzähligen Touristen, kaufe mir was kühles zu trinken und begebe mich dann in meine Unterkunft.

Gute 15km mit 1000hm hoch und wieder runter, Gehzeit ca. 5h.

Der aus der Wanderhölle kam

„No hablas espanol“ gebe ich dem Touri nahe meiner Zielhütte zu verstehen, dass ich seiner Landessprache nicht mächtig bin und seine Frage bei mir ins Leere läuft. Er will einen neuen Anlauf nehmen und nach einem Weg fragen, doch seine Frau daneben schaut auf meine verdreckten Beine und guckt dann in mein erschöpftes Gesicht, dass nur eines sagt – den einzigen Weg, den dieser Verrückte kennt, ist der Weg aus der Wanderhölle. Schnell zieht sie ihrem Mann weg, bevor ich sie dorthin schicken kann, woher ich entflohen bin.

Neun Stunden, 23 Kilometer, über 1.500 Höhenmeter Abstieg, krauchend durch Tunnel, kletternd über Felsvorsprünge, balancierend auf Wasserrohren, ewige Zeit durch grobes Blockwerk kämpfend – alleine diesen Tag am Ende noch in allen Details zusammenzufassen, wird zur Arbeit. Aber als ich am Ende in der Dusche stehe und der Dreck und Schweiß von meinem Körper weicht, bin ich stolz. Und lache am Ende noch im eiskalten Wasser hysterisch wie so ein Comic-Superschurke, der die Welt erobern will. Naja, so schlimm wird es bei mir wohl nicht werden, ich gebe mich mit Bier und Nudeln zufrieden.

Dreiviertel Neun stehe ich abmarschbereit vorm Refugio Bachimana. Und nun sollte es erstmal auf den „neuen“ Weg gehen, freundlicherweise hatte diesen jemand vor kurzem auch erst mit einem roten Punkt markiert, so dass die Orientierung gesichert sein konnte. War auch gut so, ich hätte mich sonst direkt verlaufen. Mit mir startet noch eine Gruppe in den Steig, die mir anfangs eine gute Orientierungshilfe ist, nach kurzer Zeit überhole ich sie aber. Es geht direkt mit ein wenig Kraxelei los, einfach ist das hier nicht. Der Weg ist schmal, wenig ausgetreten und definitiv nix für Anfänger. Und hierbei überrasche ich auch zwei Gämse, die ruhig am Pfad grasten, die hatten wohl auch nicht damit gerechnet, dass hier jemand lang kommt.

Der Weg zieht nun weiter am Hang entlang, spektakulär die Blicke in die Tiefe und die umliegenden Berge. Ein falscher Schritt kann hier schnell einen Sturz über mehrere hundert Meter bedeuten, so dass ich hochkonzentriert bleiben muss. So richtig lustig wird es aber erst, als das Wasserrohr ins Spiel kommt, was hier oben lang verläuft (ich vermute, dass der Weg ursprünglich für die Montage und Instandhaltung des Rohrs angelegt wurde). Es gibt Stellen, da muss man über das Rohr balancieren, während rechts der Hang gnadenlos steil abfällt. Zwei Tunnel sind zu durchqueren, einer so klein, dass ich mit Rucksack nicht durchkomme und diesen in gebückter Haltung durchtragen muss. Der zweite ist länger und währenddessen gilt es, unter dem Rohr durchzukriechen. Das Abenteuerlevel ist hier schon ganz hoch. Nach 1:40h erreiche ich das Ende des Pfads und wechsle nun auf den richtigen Wanderweg. Ich schnaufe durch, denn mental war das ganze sehr anstrengend, wohlwissend, dass jeder Fehler, jeder falsche Schritt bitter bestraft werden könnte.

Das Schild hier verschafft nicht unbedingt beste Laune – es sind noch mindestens 6 Stunden angesetzt. Nun geht es hoch zu den Brazato-Seen, der Anstieg ist einigermaßen steil, aber gut zu laufen. Der erste See strahlt gnadenlos blau in der Berglandschaft, die Sonne glitzert auf der Oberfläche. Es ist fantastisch. Doch am höchsten Punkt bin ich noch lange nicht, eine erste Steilstufe wartet mit einer kleinen Kletterpassage auf mich. Die beiden nächsten Seen sind zu sehen und nun wird es richtig felsig. Laufen oder Wandern ist das nicht mehr, es gilt im Schuttfeld einen Weg zu suchen und teilweise mit den Händen am Hang entlang zu kraxeln. Bergauf geht das aber meistens noch und nach etwas mehr als drei Stunden stehe ich quasi Punkt 12 oben auf 2.560m Höhe und bestaune die umwerfende Landschaft.

Vor mir schieben sich mehrere Dreitausender ins Blickfeld und weisen auch den Weg in den Abstieg. Das erste Stück ist steil, geht aber noch ganz gut zu laufen… und dann wurde es richtig übel. Riesige Schutthalden galt es nun zu überwinden, tausende Steine, Felsen, der Weg ging einfach mittendurch. Und das geht nur sehr langsam, da man jeden Schritt abwägen muss. Ist der Stein wackelig? Kann ich von dort weitergehen? Es dauert ewig, zerrt an allen Kräften und ist extrem demotivierend. Dazu verlieren sich die Wegmarkierungen mehrmals… so dass man teilweise wieder zurück muss, um nicht in eine Sackgasse zu laufen. Ich brauche ewig… Es ist ein wenig wie früher bei Takeshis Castle, als die japanischen Gameshow-Teilnehmer über das Wasser mit den Steinen hüpfen müssen und ich hoffe, dass unter mir keiner wegbricht, so dass ich „baden gehen“ muss. Nach etwa 5,5 Stunden erreiche ich mit der Querung des Flußes Rio Ava einen wichtigen Punkt, denn hier wechsele ich nun in offenes Gelände und hoffe, dass ich hier nun gut laufen kann.

Tja… der Weg wird etwas einfacher, bleibt aber weiter anspruchsvoll. Die Sonne knallt von oben. Und es gibt ein weiteres Problem – Mein Rucksack. Nicht funktional, aber das scheiß Ding quietscht wie Sau am Rücken. Ich hab keine Ahnung, woran es liegt, finde aber auch nix, wie es aufhört. Bei jedem Schritt gibt es Geräusche. Und es nervt mich unfassbar. Ich drohe damit, ihn zu verbrennen und mein Zeug per Hand zu schleppen, als Antwort kommt nur ein Quietschen. Frustriert packe ich mir die Kopfhörer in die Ohren und übertöne mit Indie Rock die nervigen Geräusche. An einem Schild sehe ich die Info, dass es immer noch 2,5 Stunden. Ich mache nix gut… dennoch genieße ich diese extrem schöne Umgebung immer wieder, dass soll nicht in Vergessenheit geraten 😀

Das Ende ist recht schnell zusammengefasst. Ich nehme die Beine in die Hand, überquere diverse Bergrücken (was bedeutet, dass es immer wieder kurz hoch und runter geht, was auch ordentlich Kraft kostet) und erreiche schließlich eine Forststraße. Noch nie war ich so glücklich, auf einem breiten Weg zu laufen und nicht mehr jeden Schritt austarieren zu müssen. Inzwischen ist der Monte Perdido vor mir zu erkennen, einer der touristischen Highlights der Pyrenäen.

Nun nimmt auch die Zahl der Touristen zu, u.a. der Herr mit der Frage nach dem Weg. Nach etwas über 9 Stunden erreiche ich schließlich das Refugio Bujaluero – und hier wimmelt es von Menschen. Man kann mit dem Auto ranfahren und viele nutzen dies am Feiertag zu einem Ausflug. Am Abend treffe ich noch auf ein ungarisches Pärchen, welches ich mittendrin am Berg überholt habe und wir quatschen noch ein wenig. Morgen geht’s dann wieder nach Frankreich.

Highway in die Berge

So richtig merkt man erst, was man an einem Ruhetag so hat, wenn dieser vorbei ist. Ich kann nicht in Abrede stellen, dass es heute morgen den Gedanken gab, einfach weiter liegen zu bleiben. Aber er war dann doch recht schnell verfolgen und die Vorfreude war wieder da. In Summe war der Tag vor allem mental so wichtig, um sich zu sammeln, die vergangenen zwei Wochen einzuordnen und sich nun wieder neu zu motivieren.

Viel Zeit ging gestern für die Planung drauf. Denn ich brauchte irgendwie eine Verbindung zurück in die Berge und eine Idee, wie ich grundsätzlich gedenke, weiterzulaufen. Es gibt halt einfach auch viele Optionen, die Auswahl ist nicht leicht. Grundsätzlich hatte ich überlegt, mich mit der Belgierin Tini wieder zu treffen, sie war mir aber doch ein Stück zu weit weg jetzt. So hieß es nun Aufstieg zum Refugi Bachimana und dann weiter auf den Fernwanderwegen durch die Pyrenäen. Hierzu brauchte ich noch eine Fahrtgelegenheit zu meinem Startpunkt, Busse existieren da nicht, für Taxi wären 70€ fällig gewesen… also fuhr mich einer der netten Mitarbeiter aus dem Hotel für einen kleinen Obulus nach Banos de Panticosa.

Dieser kleine Ort, umgeben von malerischer Bergkulisse, ist ein ziemlicher Tourimagnet. Mehrere hochklassige Hotels, von außen aber schon ziemlich mitgenommen, ein Thermalbad, hunderte Parkplätze. Alleine wandert man hier nicht, auch nicht unter der Woche. Schnell und steil verlässt man den Ort, der Weg ist nicht ohne, mitunter müssen immer mal die Hände zur Hilfe genommen werden, es gibt einige Seilversicherungen. Mitunter sehe ich Eltern, die ihre Kinder in Turnschuhen hier hochjagen und denke mir meinen Teil… Landschaftlich ist der Aufstieg ein Traum. Sei es der Blick zurück ins Tal, die rauschenden Wasserfälle am Weg oder die Sicht in die Berge. Kein Wunder, dass dies hier eher einem Highway gleicht und man keine Minute hier allein hochlaufen kann.

Mit mir waren zwei Fitnessfreaks in den Anstieg gegangen, breite Schultern, nur Muskeln, aber für die Körper eher dünne Beinchen. Schnell überholen sie mich… bis sie nach 45 Minuten erschöpft umdrehen. „Never skip the leg day“ rufe ich ihnen gedanklich zu und setze meinen Aufstieg fort 😀. 2 Stunden sind bis zur Hütte angesetzt, die ich problemlos trotz längerer Pause einhalte. Die Beine arbeiten weiter problemlos. Obwohl es noch recht früh am Nachmittag ist, kann ich schon einchecken. 6-Betten-Zimmer, eigenes Bad pro Raum – das hab ich schon schlechter erlebt. Ich werfe mein Zeug ab und gehe ohne  Rucksack noch eine Weile durch diese fantastische Bergwelt hier oben.

Die Hütte liegt direkt oberhalb eines kleines Sees (Embalse de Bachimana Bajo), etwas oberhalb befindet sich noch der deutlich beeindruckendere Embalse de Bachimana Alto. Worte können das kaum beschreiben.

Heute war es quasi nur ein kleiner Vorgeschmack auf die kommenden Tage. Einer der Hüttenwirte gab mir ein paar Tipps für den morgigen Tag, da ich eine Abkürzung nehmen will, die aber gut zu laufen ist. Das Hüttenfeeling kommt hier oben schon ganz anders rüber (bis auf den einen Gast, der mit Vokuhila und riesigem Ohrring ausschaut, als würde er direkt aus einem Werner-Beinhart-Comic entstammen), es ist ein wundervoller Ort hier oben.

Wenn Körper und Kopf auch mal Nein sagen

Gestern klang das alles noch nach einem perfekten Plan. Gemeinsam mit Tini die kommenden drei Tage durch die schwierigsten Etappen der Pyrenäen gehen, zelten und dadurch das unwegsame Gelände hier im spanischen Norden zusammen bezwingen.

Bei bereits drückender Sonne begannen wir am Vormittag den Aufstieg und verließen das wundervolle und charmante Sallent de Gallego, einfach eine komplett andere Erfahrung als solche Wintersportorte wie Candanchu, die nur aus Hotels bestehen. Es gibt kleine Gassen, sympathische Restaurants, es herrscht ein gewisses Chaos, welches aber hier gefühlt total normal ist. Vor uns sehen wir die großen Berge – da soll es hin gehen. Zuerst zum Refugio Respomuso und dann noch ein gutes Stück weiter – in Summe über 1.200 Höhenmeter.

Tini hatte nun gestern einen kompletten Ruhetag, sie meinte auch, dass sie ihn dringend benötigt hätte. Für mich hätte dieser heute angestanden, ich dachte aber, dass der Transfertag gestern ausreichend gewesen wäre – obwohl ich da auch den ganzen Tag unterwegs war. Nun, es sei vorweggenommen, er hat mir nicht gereicht. Denn nach 14 Tagen mit nur einem einzigen Ruhetag und inzwischen an die 250km signalisierte mir recht früh alles, dass das keine gute Idee sei.

Die Beine schwerer wie gewohnt, der Körper müht sich unter dem schweren Rucksack (der aufgrund von Essen für 2 Tage noch mehr Gewicht hat…). Schwer geht es nach oben. An den Touriströmen hier erkennen wir auch, dass Wochenende sein muss. Und schön ist es ja definitiv auch. Wir machen kleine Pausen, unterhalten uns, sie merkt, dass ich Probleme habe. Im Kopf gehen auch die Gedanken um – selbst wenn das heute noch klappt, aber die nächsten beiden Tagen werden absolute Hochgebirgsetappen, schwer und kaum mit einer Exit-Option.

Nach gut 2,5 Stunden sitzen wir in einem kleinen Waldstück. Und wir trennen uns, da ich in die Stadt zurückkehren werde, während sie in die Berge entschwindet. Es ist nicht schlimm, lieber einmal mehr umgedreht, als kraftlos auf 3000 Metern zu hängen. Das krasse Kaloriendefizit der letzten Tage hat auch seine Spuren hinterlassen. Nach insgesamt 4,5 Stunden bin ich wieder in der Stadt, checke wieder im Gasthaus ein, wo ich heute morgen los bin und bleibe noch für zwei Nächte hier. Morgen gönne ich mir den heißersehnten kompletten Ruhetag, nur schlafen und essen. Es ist genau das, was ich nun brauche. Im Anschluss werde ich dann Montag wieder auf den Trek gehen und in Richtung Nationalpark Monte Perdido unterwegs sein. Genaue Route wird dann morgen evaluiert. Es ist schön, nichts zu tun.

Planänderung auf Spanisch

Es ist dieser wirre Kampf, der sich am Morgen abspielt. Schuhe und Socken sind nicht feucht, der Kopf noch von gestern belastet. Dagegen geben die Beine grünes Licht für weiteren Auslauf. Was nun? Heute hätte eine gut achtstündige Etappe auf dem Speiseplan gestanden. Und ich merke morgens – ich bin mental nicht bereit dafür.

Also entscheide ich mich für einen kleinen Transfer. Mit Bus geht es nach Jaca und von dort weiter nach Sallent de Gallego, wo die Etappe sonst auch geendet hätte. Nur eben deutlich einfacher. Zwischendurch nutze ich beim Aufenthalt in Jaca die Zeit und besichtige die alte Zitadelle. Soweit ganz nett, kann man sich mal anschauen.

Nach der Fahrt ins schöne Sallent de Gallego treffe ich mich mit Tini, der Belgierin von vor einigen Tagen. Sie hatte heute einen Ruhetag eingelegt und will nun morgen wieder ins Gebirge rein und dort zelten. Und da treffen wir die Entscheidung, dass wir die kommenden Tage gemeinsam angehen werden. Für mich ist das dann auch mit die beste Option, da ich so auf den nun folgenden alpinen Abschnitten Begleitung habe und nicht allein in völligen Nirgendwo campieren muss. Ich bin gespannt, was die kommenden Tage bringen.

Dreckstag im Nebel

Wer heute einen euphorischen Eintrag erwartet, dem sei gleich gesagt – das wird es nicht. Es wird geflucht, geschimpft und jegliche Sinnhaftigkeit eines solchen Abenteuers in Frage gestellt. Es war, gelinde gesagt, einfach ein Dreckstag.

Der Morgen begann schon mal grandios, da meine Sachen von gestern nicht vollständig getrocknet waren. Also ab in einen hermetisch abgeriegelten Packsack, in der Hoffnung, dass ich in Kürze mal an einer Waschmaschine vorbeilaufe. Grundsätzlich hatte ich mir über den heutigen Tag eher weniger Sorgen gemacht. Gut 15 Kilometer und 1.100 Höhenmeter hoch sind viel, aber irgendwie noch im Rahmen. Wobei sich hier auch meine Wahrnehmung weiter verschiebt, das ich solche Tage inzwischen als „normal“ wahrnehme. Doch die Strecke sollte heute auch nicht das Thema sein – denn dafür sorgte die extreme Luftfeuchtigkeit. Es war die absolute Hölle.

Schon beim ersten Schritt aus der Tür merkte man es, die Wolkendecke hing tief und über dem südfranzösischen Taleinschnitt bildete sich eine Klimazone, die zum Wandern komplett ungeeignet war. Nach dem Start in Ustod folgte ich für weite Strecken einen der zahlreichen Jakobswege, dieser führt von Toulouse nach Jaca. Hatte den Vorteil, dass er durchaus gut markiert war und man recht problemlos folgen konnte (dachte ich und verlief mich nach 15 Minuten das erste Mal).

Aber schon hier war ich klatschnass. Dieses Wetter war so beschissen, man kann es nicht anders sagen. Nach gut einer Stunde gab es eine kleine Pause auf der Bank und ich fragte mich schon, was der ganze Kack eigentlich soll. Shirt und Hose waren so nass, dass sie nach wenigen Minuten bereits riesige Abdrücke auf der Bank hinterließen. Von meinem Stirnband tropfte es pausenlos herunter. Handtücher zum Abwischen? Waren sowieso noch nass vom Vortag und hier innerhalb kürzester Zeit voll. Es gab keine Möglichkeit, sich auch nur irgendwie zu akklimatisieren.

So ging es dann weiter, nach 2 Stunden kam ich aus den Wald heraus, wechselte kurz auf die Straße und dann wieder in den Wald herein, wo der lange Anstieg des Tages begann. Meine Hoffnung, dass es irgendwie besser wurde, schlug umgehend fehl. Nichts wurde besser, sondern nur noch schlimmer. Meine Kleidung konnte inzwischen gar keine Feuchtigkeit mehr aufnehmen, auf meinen Hosen bildeten sich Wasserperlen auf der Oberfläche. Alles fühlte sich an, als ob ich mit den Sachen zwei Stunden im Pool gelegen hätte. Und das ohne einen Tropfen Regen! Der lange Anstieg förderte natürlich auch noch die Schweißbildung, wobei ich irgendwann auch nicht mehr wusste, ob ich überhaupt noch Wasser im Körper habe. Sobald ich was trank, schoss das Wasser umgehend aus allen Poren wieder raus. Der Wanderweg? Ging größtenteils im Wald lang, ab und zu mal über steile Hänge, wo man sehen konnte, das der Nebel schön im Berg hing. Um ehrlich zu sein, interessierte mich das auch recht wenig, ich konnte in der Schrecklichkeit des Tages sowieso nix Gutes erkennen.

Als ich dann aus dem Wald richtig herauskam auf 1.400 Meter Höhe wurde es noch übler. Denn jetzt kamen noch die Insekten und unzählige Brennnesseln hinzu, die den schmalen Pfad begrenzten. Für die Fliegen war ich ein perfekter Rinder-Ersatz, genauso geruchsintensiv, auch wenn die ein oder andere wahrscheinlich auf meinem Arm ertrank, so wie das Wasser dort drauf stand. Als ich dann noch einen Schmerz am Ellenbogen bemerkte und die scheiß Bremse noch wegfliegen sah, war es um mich geschehen – ein lautes „Fuck you“ fleuschte aus meiner Kehle und erhallte am nebelverhängenen Berghang. Inzwischen war ich nicht mehr weit vom Pass entfernt, überquerte dann die Grenze und blickte wiederum ins Nichts.

Auch auf spanischer Seite war die Sicht kaum vorhanden, warum sollte sie auch? Immerhin war es von hier aus nun nur noch ein Katzensprung bis zum Wintersportort Candanchu. Die imposanten Hotels wirken hier im Sommer verlassen und unpassend, mir war es heute egal. Warme Dusche, Bett, das reicht erstmal. Leider haben die hier in diesem riesigen Hotel keine Waschmaschine… was bedeutet, dass ich meine völlig räudigen Sachen von heute noch per Hand im Waschbecken schrubben musste und nun hoffe, dass diese bis morgen trocken werden (wahrscheinlich nicht). Eine improvisierte Wäscheleine hängt nun quer durchs Zimmer… Im übrigen hat es auch meine Socken und Schuhe völlig durchnässt. Alleine von der Luftfeuchtigkeit. Das hatte ich auch noch nie und zeigte mir nochmal, was für ein wirklicher Dreckstag das heute gewesen ist.

Auch wenn es nur gut 5 Stunden waren, aber ich habe selten einen Tag gehabt, der moralisch so hart zu überstehen war. Jede Minute unterwegs war eine Qual, dabei haben die Beine aber weiterhin gut funktioniert. Achso – direkt nach meiner Ankuft kam die Sonne heraus und machte es hier zu einem herrlichen Spätnachmittag. Und morgen wahrscheinlich wieder Nebel…