Auf den Spuren der Pilgerer

Sie schlägt schon zu – die sogenannte Wanderdemenz, die mit zunehmender Abwesenheit von der normalen Welt, immer weiter um sich schlägt und einen so Sachen wie Datum, Wochentage, etc. vergessen lässt. Ich war dann doch erstaunt, dass tatsächlich schon Mittwoch ist…

Gestern abend hatte ich noch einige Zeit in die heutige Streckenführung gesteckt, denn nochmal durch sämtliches Unkraut der Bergwelt wollte ich nicht krauchen. So entschied ich mich für eine kleine Straße, die den Berg hinaufführt – und schaute tatsächlich auch drauf, wie viele einsame Höfe die Straße streift, um nicht wieder von Hunden gejagt zu werden. Es kristallisierte sich eine Stelle heraus, wo die Möglichkeit bestand – und genau dort passierte auch. Schon von weitem hörte ich Gebelle, nicht nur eine Quelle, sondern direkt mehrere. Meine Hoffnung, mit Abstand vorbei zu laufen, war auch schnell hinfällig und schwups stand einer der Flohsäcke auf der Straße, maximaler Fokus auf mich und klare Ansage, dass das sein Revier ist. Ich blieb stehen, rief ein lautes „Fuck“ in die französische Bergwelt und evaluierte meine Optionen. Da vor dem Haus nebenan ein Auto stand, hoffe ich, dass jemand da war. Also stimmte ich mit den Hunden ins Gejaule ein und während diese bellten, rief ich einfach nur „Hello“… und kurze Zeit später kam jemand heraus, vertrieb die Hunde und ich konnte passieren.

Steil ging es hinauf – über 800 Höhenmeter aus dem Tal, der erste längere Anstieg der Tour. Doch auch an Tag 4 signalisierten Beine und Körper vollste Einsatzbereitschaft und so schraubte ich mich Meter für Meter nach oben. Verkehr gab es hier quasi keinen, zwei E-Biker überholten mich, auch sie wirkten angestrengt angesichts der Steigung, aber wer mit Akku fährt, verdient kein Mitleid von mir.  Immer wieder konnte man ein paar schöne Ausblicke auf die Umgebubg werfen – man merkt schon, dass die Hügel hier höher werden. Und auch wenn es nicht spektakulär klingt, aber zum ersten Mal ging es heute höher als 1.000 Meter über dem Meeresspiegel. Der Alto Lindus bildet die Grenze zwischen Frankreich und Spanien, ich passierte diese knapp unterhalb des Gipfels auf 1.179m Höhe.

Nun ging es weiter nach Spanien, nächstes Ziel die Pilgerstätte Roncesvalles. Noch einmal ein paar Kilometer einsam durch den Wald, bis ich eine größere Passstraße erreichte und hier auf den bekannten Jakobsweg wechselte. Aber die erste halbe Stunde lief ich auch hier komplett alleine – scheinbar hat mein angenehmer Wanderduft schon kilometerweit angeschlagen und alle vertrieben.

Mit einem kleinen Lächeln stellte ich fest, dass ich meinem eigenen Tourenplaner heute quasi davongerannt bin. Bis nach Roncesvalles schätzte er 5 Stunden Laufzeit ein – ich war nach 3,5 Stunden bereits da. Der Weg führt einmal durch das große Kloster, vorbei an der Pilgerherberge, wo auch schon diverse Wanderer draußen Platz genommen hatten. Man hört auch direkt, dass es hier internationaler wird. Da ich zeitlich sehr früh dran war, gönnte ich mir im nahen Restaurant ein Stück Kuchen und eine Cola. Eigentlich wollte ich noch eine zweite Cola, bekam aber ungefragt schon die Rechnung hingelegt – anscheinend hatte der Kellner meine feine Note entdeckt 😀.

Naja – nicht so wild, bis in die nächste Stadt, wo meine Unterkunft ist, sollten es nur noch knapp 45 Minuten sein. Also Sachen gepackt und wieder ab auf den Jakobsweg. Hier traf ich dann tatsächlich mal auf einige Pilger, erkennbar an der weißen Muschel am Rucksack. Kurzer Plausch, man schaute verwundert auf meinen schweren Rucksack, wo ich nur meinte, dass ich fürs Gebirge eben Zelt und warme Klamotten brauche. So ging es dann fix nach Burguete.

Gleich geht es noch einkaufen und dann essen – während hier gerade das Wetter umschlägt. Ab der Nacht ist Regen angesagt und innerhalb kürzester Zeit ist von strahlend blau nur noch grau geworden. Nun werden wohl die kommenden beiden Tage die Regenklamotten ihren Auftritt haben. In der kleinen Unterkunft durfte ich sogar meine Sachen zum Waschen abgeben – ein super Service und auch dringend notwendig.

18 Kilometer, 850hm hoch, 400hm runter, 5 Stunden gesamt (mit einer Stunde Pause).

Ein Kommentar zu “Auf den Spuren der Pilgerer

  1. Hallo Ronny ,wenn ich deine Berichte so verfolge und dich nicht kennen würde ,würde ich sagen : manoman der junge Mann lebt gefährlich ! Da ich dich ja aber gut kenne sage ich : pass gut auf dich auf ,dass dich weder die Sonne verglühen lässt,noch dass dich der Nebel verschlingt ,oder die Hunde dir nach deinen Stirnbändern trachten …
    Es ist mega spannend . Ich freu mich auf den nächsten Blogg ,weiterhin gute Reise 🤗

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Anonymous Antwort abbrechen