Ich schaue auf meine Uhr, der Abstieg ist erst zur Hälfte geschafft. Inzwischen geht es nicht mehr durch den Wald, sondern über schattenlose Wiesen steil bergab. Der Pfad ist schmal, der Farn an beiden Seiten drängt sich dicht an mich heran. Immer wieder laufe ich durch Hitzelöcher, wo die Luft steht und richtig kocht. Der Wasservorrat wird langsam eng. Man könnte durchaus auf die Frage kommen, warum macht man das eigentlich?

Am Abend vorher sitze ich in dem kleinen Gasthaus in Lescun und lerne ein paar Leute kennen. Pablo aus Madrid läuft einige Tage von Hütte zu Hütte und danach noch einige Zeit auf dem Jakobsweg. Ein Engländer namens Tom sticht sofort heraus. Seine Geschichte bringt mich zum Lachen. Eigentlich wollte er mit einem Freund die Pyrenäen-Durchquerung laufen, dieser ist aber abgesprungen und so macht er es spontan alleine. Quasi null vorbereitet verirrt er sich am zweiten Tag, wo er von zwei Belgiern, Tim und Arnaud, aufgegabelt wird, mit denen er nun bis Lescun zusammen gewandert ist. Es sind lustige Gespräche am Tisch, Tom merkt aber, dass das Vorhaben aktuell zu groß für ihn ist und reist wieder zurück nach London. Am Morgen weckt Pablos Klingelton, der an ein Notfallsignal erinnert, um 6:30 Uhr das halbe Haus… dabei hätte man gut und gerne noch länger schlafen können…
Ich plane den heutigen Tag und entscheide mich, den französischen Weg (GR10) zu folgen und dann noch nach Süden abzukippen, um dann morgen wieder zurück nach Spanien auf den GR11 zu kommen. Zwecks Übernachtung rufe ich bei einer Unterkunft an, meine Frage auf französisch, ob derjenige am anderen Ende auch englisch spricht, wird mit einem kalten „Non“ abgelehnt. Also versuche ich mit meinen drei Worten, die ich beherrsche, mir ein Zimmer zu buchen. Es sei vorweggenommen – es hatte tatsächlich geklappt, auch wenn ich nur gestottert hatte, sobald mir eine Frage gestellt wurde.


Auf ging es in den Wald, erstmal schön hoch und bereits kurz nach 9 Uhr war es gut warm. Die ersten 1,5 Stunden zogen so dahin, dann hieß es bereitmachen für den Anstieg des Tages – den Col de Barrancq auf 1600m Höhe galt es zu überwinden. Die Tourenplaner waren hier wieder sehr kreativ, man schickt die Wanderer halt eben einfach gerade die Kuhweide hoch. Um mich herum tausende Insekten, ich schlage ständig nach den Bremsen, erwische vielleicht drei, merke aber diverse Stiche an den Gliedmaßen. Es ist heiß, steil und dank des Kuhmist riecht es auch vorzüglich.



Glücklicherweise biegt der Weg im oberen Teil in den Wald ab, was die Umgebung schöner macht, auch wenn es steil bleibt. Es ist aber wieder so gut zu merken, wie der Körper hier funktioniert. Mein Puls geht selbst in den steilen Stücken nie über 140, ich kann konstant mein Tempo für längere Zeit laufen und brauche kaum Pausen, höchstens zum Trinken. So stehe ich nach gut 3 Stunden oben am Pass und pflanze mich erstmal auf einen Stein, um eine kurze Rast einzulegen.

Nun steht die wahre Herausforderung für mich an – nach gestern nun der nächste extrem lange Abstieg, 1000 Höhenmeter am Stück bis nach Borce. Die Vorfreude ist riesig… Ich schnappe meine Stöcke, gut 2,5 Stunden geht es nun durchgehend steil bergab. Mit mir ist eine französische Familie auf dem Weg, die einen Esel dabei haben, der das Gepäck und ab und zu mal eins der drei Kinder trägt. Ich hätte mich ja auch gern draufgesetzt. Ab und zu schaue ich auf die Uhr, um die aktuelle Höhe abzulesen und zu rechnen, wie weit es noch ist. Die Zahlen erfreuen mich nicht. Schlimmer wird das ganze dann, als es aus dem Wald herausgeht und der Weg über offenes Terrain führt – denn hier schlägt die Hitze jetzt mal so richtig zu und es ist einfach noch richtig weit. Die Gedanken von oben kommen in den Sinn… Doch es hilft ja nix, es geht weiter runter und schließlich erreiche nach gut 6 Stunden Borce.


Normalerweise würde die Etappe hier enden, aber das wäre ja langweilig… also geht es noch 5 Kilometer weiter. Ich kann mein Wasser auffüllen, unterhalte mich noch mit einem Franzosen, den ich am Berg getroffen habe (und der den Abstieg einfach rannte…) und stürze mich dann auf die Straße. Die ist durchaus gut befahren, es nervt, aber ich treibe meine Beine immer weiter an. Dieser Tempomarsch am Ende hat den Charme, dass ich diesen morgen nicht gehen muss… Schlussendlich komme ich im kleine Urdos an und beziehe kaputt, aber zufrieden mein Zimmer.

21,5 km, 1050m hoch, 1200hm runter, 7:15h unterwegs
