Irrer Abstieg vom ersten Zweitausender

Kurz nach 6 Uhr morgens ist gefühlt der ganze Schlafsaal auf den Beinen, während ich mich noch in meinem Schlafsack aale und rundherum alle verfluche. So ein schallisoliertes Einzelzimmer wäre jetzt schön. Stattdessen geht die Tür aller 30 Sekunden auf, diverse Leute fuchteln mit Taschenlampen rum, von den Nachbarzimmern hört man die Gespräche. Es ist kurz nach 6 und für mich noch Schlafenszeit. Ich bleibe liegen. Sollen die doch flüchten. Gegen 7 schäle ich mich dann langsam raus und stelle fest, dass wirklich alle anderen schon weg sind (der Saal hat ungefähr 25 Betten…), selbst die mit dem Koffer. Ich habe keinen Plan, was hier vor sich geht.

Alleine das gestrige Abendessen ist schon wild. Auch in den Alpen ist das mitunter lustig, aber hier kreisen die Weinflaschen, als wäre Karneval. Die Lautstärke im gut 60 Mann fassenden Raum ist ähnlich. Ich sitze an einer Art „Außenseitertisch“, wo man die Leute platziert, die nicht in 10er-Gruppen anreisen. Der Typ mir gegenüber verschlingt sein Essen, als hätte er seit einer Woche nix gegessen. Kauen wird überbewertet. Er hat die Hälfte schon weg, da hab ich noch nicht mal die Gabel angefasst. Das Frühstück ist wieder spartanisch, aber ich lerne noch eine Familie aus Thüringen kennen, mit denen ich mich super unterhalte und die in der Gegend eine Hüttentour machen.

Gegen 9 verlasse ich dann auch die Hütte (die ersten sind da wahrscheinlich schon auf dem Berg oben) und stürze mich in Richtung des ersten großen Übergangs auf über 2000 Meter. Der Weg verläuft anfangs noch viel durch den Wald, bis man urplötzlich in eine wunderschöne Bergszenerie eintaucht. Zu beiden Seiten erheben sich imposante Felswände und der Weg schlängelt sich über einen kleinen und schönen Weg nach oben. Ich muss zu Beginn das Bergauf-Tempo im steilen Terrain erst wieder finden, aber es dauert nicht lang und ich stapfe konstant hinauf. Zudem wird mir heute das erste Mal wirklich richtig bewusst, dass ich grundsätzlich am Vormittag die Sonne immer mitten im Gesicht, wenn ich ostwärts laufe. Ist logisch, wird mir aber auch erst nach 1,5 Wochen klar.

Nach gut 2:20h komme ich am Col de Petrageme an. Nachdem ich im Anstieg fast gänzlich allein war, tummeln sich hier oben schon gut 20 Personen. Der Anstieg wird von französischer Seite gut frequentiert und daher ist die Einsamkeit auch erstmal vorbei. Aber welch wundervoller Moment dies ist – zum ersten Mal stehe ich im Rahmen dieser Tour auf über 2000 Meter und bestaune diesen immensen Ausblick hier oben. So richtig kenne ich die Berge natürlich nicht, ist schon was anderes als in den Alpen. Aber der Rundblick ist fantastisch. Links neben mir erheben sich imposante Felstürme, die Wände fallen mehrere hundert Meter steil ab. Oben herum kreisen Adler, es ist eine unglaubliche Szenerie.

Was hoch geht, muss irgendwie auch wieder runter und jetzt wird es richtig heftig. Auf der Karte erkenne ich schon, dass die ersten 500 Höhenmeter runter bei etwa 30% Gefälle zu überstehen sind. Aber das ist nur der Durchschnitt, die ersten 100 Höhenmeter haben wohl um die 40%. Wie steil es ist? Man kann sich quasi nicht normal hinstellen, da man sofort nach unten abkippt. Ich bin mir sicher, dass ich bis dato noch nie so einen steilen Abstieg hatte, wo nicht über den Fels geklettert wurde. Hier geht es einen auch noch rutschigen, mit Steinen übersehenen Weg nach unten. Ich halte aller 5 Meter an, beglückwünsche mich, dass ich nicht auf die Fresse geflogen bin und probiere die nächsten Meter hochkonzentriert. Es ist ein echter Kampf. Von unten kommen mir immer wieder tiefschnaufende Franzosen entgegen, als Aufstieg ist das definitiv auch kein Zuckerschlecken. Meter um Meter taste ich mich vorsichtig nach unten, ohne Wanderstöcke hätte ich hier keine Chance und würde wohl weinend an der Ecke sitzen.

Von oben sieht man eine kleine Hütte, ab da wird es einfacher. Also weiter volle Konzentration, denn jeder Schritt muss sitzen. Da hilft es übrigens nicht, wenn ständig links und rechts kleine Eidechsen herumhuschen, die sich in der Sonne fläzen und erst im letzten Moment flüchten. Schließlich komme ich nach gut 1:20h (für nicht mal 2km…) Hochleistung an der Schäferhütte an und lasse mich in den Schatten fallen. Das war völlig irre. Inzwischen sind 4 Stunden rum und es stehen noch 10km auf dem Programm – das wird ein Spaß. Also Wasser auffüllen und weiter runter.

Der Weg wird besser, geht in den Wald, so dass nach Stunden mal wieder etwas Schatten auf meine Gliedmaßen fällt. Die Umgebung ist wundervoll, überall heben sich die beeindruckenden Felswände über den Wald heraus. Es ist eine einzigartige Landschaft hier in Frankreich, so ganz anders als noch vor wenigen Stunden in Spanien.

Zum Abschluss geht es noch 5 Kilometer über eine Straße… ein bescheidener Abschluss, aber hilft ja nix. Die Umgebung ist wunderschön, die Füße qualmen aber gut. Es ist inzwischen schon eine kleine Quälerei. Doch nach etwas über 7 Stunden wandere ich in dieses kleine und so bezaubernde Dörfchen Lescun, das alle Anstrengung (fast) vergessen ist. Das kleine Gasthaus ist sehr einladend, statt 25-Mann-Saal nun ein kleines Zimmer zu dritt, das passt.

19,5 km, 830hm hoch, 1300hm runter, 7 Stunden

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