Hitzeschlacht am Col de Barrancq

Ich schaue auf meine Uhr, der Abstieg ist erst zur Hälfte geschafft. Inzwischen geht es nicht mehr durch den Wald, sondern über schattenlose Wiesen steil bergab. Der Pfad ist schmal, der Farn an beiden Seiten drängt sich dicht an mich heran. Immer wieder laufe ich durch Hitzelöcher, wo die Luft steht und richtig kocht. Der Wasservorrat wird langsam eng. Man könnte durchaus auf die Frage kommen, warum macht man das eigentlich?

Am Abend vorher sitze ich in dem kleinen Gasthaus in Lescun und lerne ein paar Leute kennen. Pablo aus Madrid läuft einige Tage von Hütte zu Hütte und danach noch einige Zeit auf dem Jakobsweg. Ein Engländer namens Tom sticht sofort heraus. Seine Geschichte bringt mich zum Lachen. Eigentlich wollte er mit einem Freund die Pyrenäen-Durchquerung laufen, dieser ist aber abgesprungen und so macht er es spontan alleine. Quasi null vorbereitet verirrt er sich am zweiten Tag, wo er von zwei Belgiern, Tim und Arnaud, aufgegabelt wird, mit denen er nun bis Lescun zusammen gewandert ist. Es sind lustige Gespräche am Tisch, Tom merkt aber, dass das Vorhaben aktuell zu groß für ihn ist und reist wieder zurück nach London. Am Morgen weckt Pablos Klingelton, der an ein Notfallsignal erinnert, um 6:30 Uhr das halbe Haus… dabei hätte man gut und gerne noch länger schlafen können…

Ich plane den heutigen Tag und entscheide mich, den französischen Weg (GR10) zu folgen und dann noch nach Süden abzukippen, um dann morgen wieder zurück nach Spanien auf den GR11 zu kommen. Zwecks Übernachtung rufe ich bei einer Unterkunft an, meine Frage auf französisch, ob derjenige am anderen Ende auch englisch spricht, wird mit einem kalten „Non“ abgelehnt. Also versuche ich mit meinen drei Worten, die ich beherrsche, mir ein Zimmer zu buchen. Es sei vorweggenommen – es hatte tatsächlich geklappt, auch wenn ich nur gestottert hatte, sobald mir eine Frage gestellt wurde.

Auf ging es in den Wald, erstmal schön hoch und bereits kurz nach 9 Uhr war es gut warm. Die ersten 1,5 Stunden zogen so dahin, dann hieß es bereitmachen für den Anstieg des Tages – den Col de Barrancq auf 1600m Höhe galt es zu überwinden. Die Tourenplaner waren hier wieder sehr kreativ, man schickt die Wanderer halt eben einfach gerade die Kuhweide hoch. Um mich herum tausende Insekten, ich schlage ständig nach den Bremsen, erwische vielleicht drei, merke aber diverse Stiche an den Gliedmaßen. Es ist heiß, steil und dank des Kuhmist riecht es auch vorzüglich.

Glücklicherweise biegt der Weg im oberen Teil in den Wald ab, was die Umgebung schöner macht, auch wenn es steil bleibt. Es ist aber wieder so gut zu merken, wie der Körper hier funktioniert. Mein Puls geht selbst in den steilen Stücken nie über 140, ich kann konstant mein Tempo für längere Zeit laufen und brauche kaum Pausen, höchstens zum Trinken. So stehe ich nach gut 3 Stunden oben am Pass und pflanze mich erstmal auf einen Stein, um eine kurze Rast einzulegen.

Nun steht die wahre Herausforderung für mich an – nach gestern nun der nächste extrem lange Abstieg, 1000 Höhenmeter am Stück bis nach Borce. Die Vorfreude ist riesig… Ich schnappe meine Stöcke, gut 2,5 Stunden geht es nun durchgehend steil bergab. Mit mir ist eine französische Familie auf dem Weg, die einen Esel dabei haben, der das Gepäck und ab und zu mal eins der drei Kinder trägt. Ich hätte mich ja auch gern draufgesetzt. Ab und zu schaue ich auf die Uhr, um die aktuelle Höhe abzulesen und zu rechnen, wie weit es noch ist. Die Zahlen erfreuen mich nicht. Schlimmer wird das ganze dann, als es aus dem Wald herausgeht und der Weg über offenes Terrain führt – denn hier schlägt die Hitze jetzt mal so richtig zu und es ist einfach noch richtig weit. Die Gedanken von oben kommen in den Sinn… Doch es hilft ja nix, es geht weiter runter und schließlich erreiche nach gut 6 Stunden Borce.

Normalerweise würde die Etappe hier enden, aber das wäre ja langweilig… also geht es noch 5 Kilometer weiter. Ich kann mein Wasser auffüllen, unterhalte mich noch mit einem Franzosen, den ich am Berg getroffen habe (und der den Abstieg einfach rannte…) und stürze mich dann auf die Straße. Die ist durchaus gut befahren, es nervt, aber ich treibe meine Beine immer weiter an. Dieser Tempomarsch am Ende hat den Charme, dass ich diesen morgen nicht gehen muss… Schlussendlich komme ich im kleine Urdos an und beziehe kaputt, aber zufrieden mein Zimmer.

21,5 km, 1050m hoch, 1200hm runter, 7:15h unterwegs

Irrer Abstieg vom ersten Zweitausender

Kurz nach 6 Uhr morgens ist gefühlt der ganze Schlafsaal auf den Beinen, während ich mich noch in meinem Schlafsack aale und rundherum alle verfluche. So ein schallisoliertes Einzelzimmer wäre jetzt schön. Stattdessen geht die Tür aller 30 Sekunden auf, diverse Leute fuchteln mit Taschenlampen rum, von den Nachbarzimmern hört man die Gespräche. Es ist kurz nach 6 und für mich noch Schlafenszeit. Ich bleibe liegen. Sollen die doch flüchten. Gegen 7 schäle ich mich dann langsam raus und stelle fest, dass wirklich alle anderen schon weg sind (der Saal hat ungefähr 25 Betten…), selbst die mit dem Koffer. Ich habe keinen Plan, was hier vor sich geht.

Alleine das gestrige Abendessen ist schon wild. Auch in den Alpen ist das mitunter lustig, aber hier kreisen die Weinflaschen, als wäre Karneval. Die Lautstärke im gut 60 Mann fassenden Raum ist ähnlich. Ich sitze an einer Art „Außenseitertisch“, wo man die Leute platziert, die nicht in 10er-Gruppen anreisen. Der Typ mir gegenüber verschlingt sein Essen, als hätte er seit einer Woche nix gegessen. Kauen wird überbewertet. Er hat die Hälfte schon weg, da hab ich noch nicht mal die Gabel angefasst. Das Frühstück ist wieder spartanisch, aber ich lerne noch eine Familie aus Thüringen kennen, mit denen ich mich super unterhalte und die in der Gegend eine Hüttentour machen.

Gegen 9 verlasse ich dann auch die Hütte (die ersten sind da wahrscheinlich schon auf dem Berg oben) und stürze mich in Richtung des ersten großen Übergangs auf über 2000 Meter. Der Weg verläuft anfangs noch viel durch den Wald, bis man urplötzlich in eine wunderschöne Bergszenerie eintaucht. Zu beiden Seiten erheben sich imposante Felswände und der Weg schlängelt sich über einen kleinen und schönen Weg nach oben. Ich muss zu Beginn das Bergauf-Tempo im steilen Terrain erst wieder finden, aber es dauert nicht lang und ich stapfe konstant hinauf. Zudem wird mir heute das erste Mal wirklich richtig bewusst, dass ich grundsätzlich am Vormittag die Sonne immer mitten im Gesicht, wenn ich ostwärts laufe. Ist logisch, wird mir aber auch erst nach 1,5 Wochen klar.

Nach gut 2:20h komme ich am Col de Petrageme an. Nachdem ich im Anstieg fast gänzlich allein war, tummeln sich hier oben schon gut 20 Personen. Der Anstieg wird von französischer Seite gut frequentiert und daher ist die Einsamkeit auch erstmal vorbei. Aber welch wundervoller Moment dies ist – zum ersten Mal stehe ich im Rahmen dieser Tour auf über 2000 Meter und bestaune diesen immensen Ausblick hier oben. So richtig kenne ich die Berge natürlich nicht, ist schon was anderes als in den Alpen. Aber der Rundblick ist fantastisch. Links neben mir erheben sich imposante Felstürme, die Wände fallen mehrere hundert Meter steil ab. Oben herum kreisen Adler, es ist eine unglaubliche Szenerie.

Was hoch geht, muss irgendwie auch wieder runter und jetzt wird es richtig heftig. Auf der Karte erkenne ich schon, dass die ersten 500 Höhenmeter runter bei etwa 30% Gefälle zu überstehen sind. Aber das ist nur der Durchschnitt, die ersten 100 Höhenmeter haben wohl um die 40%. Wie steil es ist? Man kann sich quasi nicht normal hinstellen, da man sofort nach unten abkippt. Ich bin mir sicher, dass ich bis dato noch nie so einen steilen Abstieg hatte, wo nicht über den Fels geklettert wurde. Hier geht es einen auch noch rutschigen, mit Steinen übersehenen Weg nach unten. Ich halte aller 5 Meter an, beglückwünsche mich, dass ich nicht auf die Fresse geflogen bin und probiere die nächsten Meter hochkonzentriert. Es ist ein echter Kampf. Von unten kommen mir immer wieder tiefschnaufende Franzosen entgegen, als Aufstieg ist das definitiv auch kein Zuckerschlecken. Meter um Meter taste ich mich vorsichtig nach unten, ohne Wanderstöcke hätte ich hier keine Chance und würde wohl weinend an der Ecke sitzen.

Von oben sieht man eine kleine Hütte, ab da wird es einfacher. Also weiter volle Konzentration, denn jeder Schritt muss sitzen. Da hilft es übrigens nicht, wenn ständig links und rechts kleine Eidechsen herumhuschen, die sich in der Sonne fläzen und erst im letzten Moment flüchten. Schließlich komme ich nach gut 1:20h (für nicht mal 2km…) Hochleistung an der Schäferhütte an und lasse mich in den Schatten fallen. Das war völlig irre. Inzwischen sind 4 Stunden rum und es stehen noch 10km auf dem Programm – das wird ein Spaß. Also Wasser auffüllen und weiter runter.

Der Weg wird besser, geht in den Wald, so dass nach Stunden mal wieder etwas Schatten auf meine Gliedmaßen fällt. Die Umgebung ist wundervoll, überall heben sich die beeindruckenden Felswände über den Wald heraus. Es ist eine einzigartige Landschaft hier in Frankreich, so ganz anders als noch vor wenigen Stunden in Spanien.

Zum Abschluss geht es noch 5 Kilometer über eine Straße… ein bescheidener Abschluss, aber hilft ja nix. Die Umgebung ist wunderschön, die Füße qualmen aber gut. Es ist inzwischen schon eine kleine Quälerei. Doch nach etwas über 7 Stunden wandere ich in dieses kleine und so bezaubernde Dörfchen Lescun, das alle Anstrengung (fast) vergessen ist. Das kleine Gasthaus ist sehr einladend, statt 25-Mann-Saal nun ein kleines Zimmer zu dritt, das passt.

19,5 km, 830hm hoch, 1300hm runter, 7 Stunden

Mit dem Koffer zur Berghütte

Adieu Warm-Up! Nach gut 150 Kilometer Warmlaufen erreiche ich nun endlich die hohen Gefilden der Pyrenäen. Damit ist der erste Meilenstein erreicht. Bereits gestern waren diese direkt vor der Nase erkennbar, ab heute betrete ich nun endlich die Welt des Hochgebirges. Damit gleichzeitig einher geht der Übertrieb vom „Bundesstaat“ Navarro nach Aragonien. Der Hostel-Aufenthalt in Isaba ist gut, das Essen schmeckt, allerdings ist dies der erste Ort, wo das Wasser absolut ungenießbar ist. Naja, dafür gibt es ja hier einen Supermarkt. Dadurch, dass die heutige Etappe eher kurz ist, verlasse ich erst gegen halb 11 das Hostel und lasse Isaba hinter mir.

Irgendwie ist es fast schon etwas ungewohnt, nun wieder alleine zu laufen, vor allem, da der Beginn wiederum über eine eher langweilige Forststraße führt. Einige Tagestouristen, die verblüfft auf meinen Rucksack starren, lasse ich hinter mir. Als es durch eine Art Pforte zwischen zwei riesigen Felsen geht, wird der Weg deutlich schöner.

Nun beginnt einer der schönsten Abschnitte. Über einen kleinen, dunklen Waldpfad geht es hinauf, rechts bahnt sich ein kleiner Bach den Weg Richtung Tal. Es wirkt wie im Märchen. Und als sich auch noch ein bezaubernder Wasserfall mit einer Art natürlichem Pool offenbart, bin ich und hin weg. Leider ist hier etwas viel Publikum, ansonsten wäre der Weg ins kühle Nass sehr attraktiv gewesen.

Aber die Freude währt manchmal nicht so lange, denn kurze Zeit später ist der Weg nur noch verwirrend. Wegmarkierungen, die ins Nichts führen und zack hab ich mich zum ersten Mal kurz verlaufen. Querfeldein finde ich wieder die Spur, aber natürlich nicht, ohne vorher nochmal ganz tief in den Matsch zu latschen. Der folgende Anstieg ist ein kleiner Vorgeschmack auf die kommenden Tage, steil schraubt sich der Weg nun wieder im Wald hoch, um am Ende auf einer Kreuzung mit einer Passstraße zu landen. Überall parken Autos, eine Frau sitzt im selbst mitgebrachten Stuhl direkt daneben und schaut in die Berge. Kann man auch machen.

Das eigentliche Ende der Etappe wäre am Campingplatz Zuriza, so ist es auch noch überall ausgeschildert. Leider ist dieser seit diesem Jahr geschlossen, so dass die Wanderer auf der spanischen Route durchaus gut planen müssen, da sie dort mehr als 2 Tage komplett ohne Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeit sind. Ich treffe ein paar Spanier, die völlig überrascht sind und nun alternativ planen müssen. Dies war auch der Grund, warum ich den GR11 hier verlassen und nach Norden Richtung Frankreich umschwenke. Als ich gedankenverloren am Geister-Campingplatz vorbeigehe, höre ich rechts von mir einen Ruf. Da sitzt Tini, die Belgierin von gestern, am Fluß und macht gerade ein Päuschen. Es ist schön, sie wiederzusehen, ich geselle mich dazu. Wir verabreden uns schon für den Donnerstag, wenn ich wieder nach Spanien auf den GR11 laufe und wahrscheinlich das gleiche Etappenziel wie sie habe.

Zum Abschluss geht es nochmal gut 5km über eine kleine Straße bergauf zum Refugio Linza. Mit dem Hochgebirge steht nun auch die erste Berghütte auf dem Programm. Der Weg ist nicht spannend, bietet aber ein paar schöne Eindrücke auf die umliegende Bergwelt. Als ich oben ankomme, trifft mich aber etwas der Schlag. Unfassbar viele Autos stehen hier auf einem riesigen Parkplatz, von der Hütte aus gehen zahlreiche Wanderwege ab. Zahlreiche Menschen sind um die Hütte versammelt. Richtig viel Bergidylle hat das ganze noch nicht.

Ich checke ein, ist nicht viel anders als in den Alpen. Es heißt, heute wird es komplett voll, ich begutachte einen der großen Schlafsäle und freue mich schon wieder auf den Moment, wenn ich irgendwo alleine übernachten kann. Immerhin liege ich mit einer Seite an der Wand, dafür aber direkt an der Tür, so dass ich wahrscheinlich jedes Mal wach werde, wenn jemand raus- oder reingeht. Kurz nach mir betreten riesige Gruppen das Haus. Teils mit großen Sporttaschen, großen Kissen, eine sogar mit Koffer (wtf?). Na das kann ja lustig werden. Der Sinn dahinter erschließt sich mir nicht so ganz, hier fahren wirklich Massen mit dem Auto vor die Tür der Hütte, um dann dort drin zu nächtigen. Hüttenfeeling kann man hier komplett vergessen, es wirkt mehr wie ein Ferienlager. Abendessen gibt es hier auch erst ab halb 8. Mit den Zeiten komme ich irgendwie noch gar nicht klar. Ich schnappe mir mein nasses Zeug von heute, hänge es in die Sonne und genieße den späten Nachmittag am Bach.

17,5 km, 660hm hoch, 120hm runter, mit großer Pause 5:15h

Mit belgischer Begleitung Richtung Hochgebirge

Ach ja, so ein Ruhetag ist schon was feines. Schlafen, essen, Wäsche waschen, schlafen, essen und schließlich wieder schlafen. Viel mehr gab es gestern nicht, hatte sich dann einfach nicht gelohnt für einen neuen Eintrag 😀. Heute morgen ging es gut erholt wieder auf Tour und das kleine, feine Ochagavia ließ ich dann hinter mir.

Direkt ging es einen kleinen Waldweg bergauf, nach der Ruhe brauchen die Beine meistens ein klein wenig, bis sie wieder richtig einsatzfähig sind, aber hier waren sie dann direkt gefordert. So ging es einen schönen Weg entlang, bis ich schließlich eine breite Forststraße erreichte, der für die kommenden Stunden mein Zuhause sein sollte. Nicht besonders spannend, aber dafür lief ich nach gut einer Stunde auf jemanden auf – ebenso dick bepackt, dachte ich mir gleich, das kann nur ein anderer Weitwanderer sein.

Tini aus Belgien läuft den spanischen Weg durch die Pyrenäen und hofft auch, dass sie irgendwann Mitte / Ende September am Mittelmeer ankommt. Kurzes Hola und dann formierte sich für den heutigen Tag eine sehr nette Wanderbegleitung, die einem sehr entgegen kam, denn der Weg war insbesondere über die Mittagsstunden ziemlich unbeeindruckend. Viel im Wald stampften wir vor uns hin, erzählten auf Englisch miteinander und so verflogen die Stunden sehr schnell. Immerhin wurde es dann später interessanter – denn der Blick Richtung Osten offenbart, dass wir nun an der Schwelle zum Hochgebirge angekommen sind. Zahlreiche Berge über 2000 Meter recken ihre schroffen Wände uns entgegen und die Vorfreude nach über einer Woche im „Vorgebirge“ steigt enorm an.

Es ist wie eine Art Test – erst wenn man bereit ist, über 150km vom Atlantischen Ozean nach Osten über Felder, Wälder und unzählige Hügel zu latschen, hat man es auch verdient, über die kommenden Wochen in die richtigen Pyrenäen einzutauchen. Und das haben wir nun quasi geschafft. Über einen Bergkamm gingen wir nun weiter und konnten immer wieder die umliegende Bergwelt bestaunen.

Zum Abschluss des Tages folgte dann noch ein kräftezehrender, teils sehr steiler Abstieg. Landschaftlich größtenteils sehr schön durch einen Märchenwald, zwischendurch eine kleine wunderschöne Kapelle und dann waren wir nach 6 Stunden im heutigen Ziel Isaba.

An einer Bar gönnten wir uns noch eine Cola und verabschiedeten uns. Ich bin ins Hostel, sie mit ihrem Zelt irgendwo in die Botanik. Da ich morgen den spanischen Weg verlasse und mich nun wieder Richtung Frankreich orientiere, trennen sich kurzzeitig unsere Wege, aber vielleicht sieht man sich doch in den kommenden Woche nochmal. Morgen geht es für mich auf die erste Hütte, das Refugio Linza, sehr wahrscheinlich ohne Empfang. Man liest sich in 2 Tagen.

21 km, 770hm hoch, 720hm runter, mit Pause gut 6 Stunden

Erst war’s schön, dann extrem und dann kam die Straße

„You are crazy if you do this!“ Die Worte von Anabel sind eindeutig. Die wundervolle Besitzerin der Wanderherberge in Hiriberri will uns nicht gehen lassen und schlägt vor, dass wir mit dem Taxi nach Ochagavia fahren sollen und die heutige Etappe überspringen. Tja, eine Taxifahrt stand für uns eigentlich nicht auf dem Programm. Während die Regentropfen auf die Fenster einschlagen, schauen wir uns an – Theresa (die deutsche Mitwanderin von gestern) und ich sind uns einig, dass wir es zusammen versuchen werden.

Nachdem ich gestern abend noch mit 5 Spaniern in die Dorfbar gegangen bin und was gegessen hab, stand nun ein wundervoll gedeckter Frühstückstisch gegen 7 Uhr morgens parat. Soviel Liebe und Engagement wie Anabel hier reinsteckt, ist unfassbar. In diesem kleinen Dorf ist sie die gute Seele und kümmert sich um ihre Wanderer wie eine Mutter. Als wir uns verabschieden, ist es fast ein wenig traurig, dieses Gasthaus zu verlassen. Glücklicherweise war der Start kurz vor 9 dann trockener und wir begaben uns direkt auf den Anstieg aus dem kleinen Dorf heraus. Dank sehr guten Markierungen war die Orientierung kein Problem und hier konnte man noch einen guten Blick auf die Umgebung werfen.

Inzwischen ist es Tag 6, Freitag – vor einer Woche begann dieser Trip und heute fühlt es sich schon an, als würde man eigentlich nichts anderes machen außer zu wandern. Man hat seine Routinen, erkennt den Inhalt der diversen Packsäcken alleine schon an den Farben der Säcke. Und weiterhin spielen die Beine sehr gut mit. Der Anstieg ist stellenweise steil, aber wir kommen gut voran, auch wenn es zunehmend feuchter wird und die Steine unter uns rutschiger werden.

Mit dem Eintritt in den Wald nähern wir uns langsam der Wolkengrenze und ab jetzt wird es spannend. Insgeheim bilden wir eine kleine Vierergemeinschaft, da noch ein spanisches Pärchen mit uns unterwegs ist, die den gleichen Weg anstreben. So geht es weiter nach oben, um uns herum wird der Dunst dichter. Am Martxate auf 1400m blicken wir über den Bergkamm in ein graues Nichts.

Zwischenzeitlich regnet es immer mal etwas, aber glücklicherweise nie richtig stark. Nass sind wir trotzdem, da die Feuchtigkeit im Nebel hängen bleibt. Dazu facht der Wind nun an und es wird kalt. Gefühlt untere einstellige Grade dürfte es hier oben haben. Die Winterkleidung wird ausgepackt – dicke Jacke, Stirnband, Halstuch und Handschuhe. Es ist August und nicht mal 1.500m hoch. Das stand so nicht in der Broschüre. Und nun kommt der extreme Teil – nach dem Waldabschnitt gelangen wir nun auf die Hochfläche „Mirador de Tapla“. Was auf den Bildern von anderen ganz schön ausschaut, entpuppt sich für uns als absolutes Wetterextrem – den hier werden wir durchweg von orkanartigen Böen bearbeitet, die teilweise so stark sind, dass sie mich ins Wanken bringen. Und die Sicht hier oben beträgt vielleicht 20-30 Meter. Immerhin gibt es hier einen guten, klar erkennbaren Weg, so dass wir wissen, wo wir hin müssen. Aber diese Stunde dort oben – den Elementen komplett ausgesetzt – zerrt extrem an den Kräften.

Wir sind extrem froh, als wir endlich die Kreuzung erreichen, wo eine Passstraße aus dem Tal langführt. Der normale Weg würde jetzt noch höher auf einige Berggipfel gehen, das Gelände auch schwieriger werden, vor allem bei diesen krassen Bedingungen. Wir sehen, wie vor uns die beiden Spanier tatsächlich da hoch gehen, sind uns aber einig, dass dies nicht unser Weg ist. Das war jetzt schon extrem und gewinnen kann man dort oben auch nix. (@Theresa, falls du das liest: Ich habe die beiden in Ochagavia noch getroffen, die hatten schnell ihre Entscheidung bereut und mussten auch einiges heikles durchstehen.)

So wählen wir den Weg über die Straße (den uns Anabel dann auch ausdrücklich empfohlen hatte, nachdem sie wusste, dass wir gehen werden). Langsam geht es für uns abwärts, eigentlich wollten wir noch eine Abkürzung nehmen, um dann wieder auf den eigentlichen Wanderweg zurückzukehren, dieser war aber mit einem Tor versperrt und somit verblieb nur die Option Straße. Und naja… 15km eine Passstraße bergab zu latschen, ist dann auch kein Highlight. Die Straße ist nicht viel befahren, wir kommen schnell aus dem Nebel heraus und erleben mit, wie sekündlich das Wetter wechselt. Ein erster Sonnenstrahl wird von 5 Minuten Regen abgelöst. Nach knapp 4 Stunden machen wir unsere erste kleine Pause… nicht so richtig ahnend, dass wir nochmal 2 Stunden weiter über den Asphalt laufen müssen.

Mitunter minutenlang schweigend stapfen wir vor uns hin, jeder mit den Gedanken an die nächsten Tage und an das Erlebte heute. Warme Dusche, Mittagsschlaf, manchmal können die kleinen Dinge die Welt bedeuten. Und dann treffen wir nach über 6 Stunden Quasi-Dauermarsch endlich in Ochagavia ein und verabschieden uns. Für mich geht es ins Hotel, Theresa ist sich noch nicht sicher, ob sie eventuell weitergeht, ihr Zeitplan ist straffer wie meiner. Ich drücke die Daumen, dass du es bis ans Mittelmeer schaffst und glaube fest daran! Und für mich stehen nun die schönen Dinge an – nasse Klamotten aus und Beine hochlegen. Nach 6 Tagen und über 130 Kilometern merkt man natürlich eine gewisse Erschöpfung, aber dafür bin ich ja hier. Zwei Tage noch bis zum ersten Ruhetag und ab morgen soll das Wetter auch wieder besser werden.

25 Kilometer, 660m hoch, 850m runter, Dauer 6:15h

Bei schönem Wetter kann jeder…

Seit gut 30 Minuten gehen wir den Abstieg herunter, die Steine sind spiegelglatt. Und dann passiert es – die Füße rutschen, das Gleichgewicht verabschiedet sich und ich lege mich lang. Ein kurzer Schmerz durchzuckt meinen rechten Ellenbogen, der direkt auf die Steine geknallt ist. Doch ein kleiner Belastungstest weist auf keine größeren Beschwerden hin – Glück gehabt! Es sind diese kleinen Momente, in denen alles vorbei sein kann. Doch heute ist es nicht soweit. Ich sammele mich kurz und dann geht es weiter.

Regen, nichts als Regen. Seit ich mich vom doch etwas spärlichen Frühstückstisch erhoben habe, schüttet Petrus die Gießkanne über Nordspanien aus. Ich hatte zu Beginn noch etwas Hoffnung, dass es nicht so schlimm wird, doch nach 3 Minuten gibt es die erste Pause und der Wechsel zur Regenjacke. Während 99% aller Wanderer von Burguete aus nach Westen auf dem Jakobsweg weiterziehen, geht es für mich nach Osten – immer in Richtung Mittelmeer, auch wenn es noch so unfassbar weit entfernt ist, dass ich keinen Gedanken daran verschwende. Aber so gelange ich wieder in die Einsamkeit. Glücklicherweise verläuft der Weg zu Beginn viel im Wald, so dass der nun einsetzende Monsunregen nur halb so stark auf mich herunterprasselt.

Immerhin ist die Wegfindung easy. Gut ausgeschildert geht es über aufgeweichte Wege wieder berghoch. Dabei überraschte die spanische Variante der Viehzäune. Hier ist grundsätzlich alles mit Stacheldraht abgesperrt und um auf die andere Seite des Zauns zu gelangen, muss man den halben Stacheldrahtzaun abmontieren und diesen danach wieder aufstellen. Nach gut 1:15h einsamen Kampf durch den Regen und kurzer Trinkpause kam eine Dame in meiner Richtung den Weg entlang. Ebenso gut ausgerüstet, also definitiv kein Tagestouri (wobei bei dem Wetter sowieso keiner unterwegs war). Kurzer Gesprächseinstieg auf englisch, schnell die Frage, wo man herkommt und der Wechsel ins Deutsch – sie läuft den spanischen Weg, also den GR11, den ich jetzt auch ein paar Tage folge. Also formierten wir uns im Regen als kleine Zweckgemeinschaft. Auch für sie ist das Ziel das Mittelmeer, die vorherige Nacht hatte sie noch außerhalb der Stadt gezeltet. Und so schritten wir weiter durch das hiesige Hochland, kurzerhand kam uns noch ein Deutscher entgegen – fünf Tage quasi niemand gesehen und jetzt deutsche Vollversammlung auf 1.200 Meter Höhe.

Der Weg wechselte zwischen Wald und Feldern, bei schönem Wetter sicherlich auch mit guten Ausblicken. So war es dann eher – schnell weiter und ankommen. Zwischendurch gibt es noch ein paar Streicheleinheiten für ein Pferd, welches am Weg campiert und ganz sanft auf uns zukommt. Im Wanderführer wurde bei der heutigen Etappe ein Schlüsselpunkt beschrieben, der Abstieg ins kleine Dorf Orbara, welcher insbesondere bei Nässe sehr glatt sein soll. Und was soll ich sagen – er war richtig glatt. Zuerst erwischte es meine Mitwanderin, dann, wie oben berichtet, mich. Aber der Wandergott war uns hold und ohne weitere Vorfälle ging es weiter. Im kleinen Dorf gab es eine kurze Pause, bissel saubermachen und dann auf die letzten Kilometer.

Kurze Zeit später trennten sich unsere Wege, da sie ihr Zelt noch trocknen wollte und noch nicht sicher war, wie sie weiterläuft. So ging es die letzten Meter nochmal bergauf, zwischenzeitlich musste ich kurz die Schuhe ausziehen, weil meine Füße gefühlt im Wasser schwammen. Natürlich war alles klatschnass, aber bei den Schuhen und Socken muss man besonders aufpassen, da sich so auch schnell Blasen bilden können. Weiter ging es dann auf die letzten Meter ins kleine Dorf Hiriberri. Immerhin wurde das Wetter zum Ende hin etwas besser, vereinzelt ließ sich sogar die Sonne noch blicken und verschaffte diesem trüben Tag etwas mehr Licht.

Anabel betreibt in Hiriberri das letzte Gasthaus, ansonsten gibt es noch eine Bar und ansonsten eigentlich nix. Aber der Empfang hier ist einfach unfassbar – man wird sofort freundlich begrüßt, ein Bier gereicht und der Regentag ist sofort vergessen. Hier teile ich mir ein Zimmer mit einem Spanier, der seit über 40 Tagen unterwegs ist und quasi meinen geplanten Weg von der anderen Seite läuft. Er spricht so begeistert davon, dass ich es kaum erwarten kann, wieder weiter zu ziehen. Dazu ist noch eine weitere Gruppe Spanier da und schließlich trifft auch meine heutige Mitwanderin noch ein. Es ist schön, hier das erste Mal in einer kleinen „Wander-Community“ zu sein mit anderen Menschen, die die gleiche Leidenschaft teilen. Morgen soll es wieder den ganzen Tag regnen, dazu soll die Sicht auf dem Bergkamm, den man überschreitet, eher mäßig sein. Also neue Herausforderungen 😀

18 Kilometer, jeweils 700 Höhenmeter hoch und runter, Dauer ca. 5 Stunden

Auf den Spuren der Pilgerer

Sie schlägt schon zu – die sogenannte Wanderdemenz, die mit zunehmender Abwesenheit von der normalen Welt, immer weiter um sich schlägt und einen so Sachen wie Datum, Wochentage, etc. vergessen lässt. Ich war dann doch erstaunt, dass tatsächlich schon Mittwoch ist…

Gestern abend hatte ich noch einige Zeit in die heutige Streckenführung gesteckt, denn nochmal durch sämtliches Unkraut der Bergwelt wollte ich nicht krauchen. So entschied ich mich für eine kleine Straße, die den Berg hinaufführt – und schaute tatsächlich auch drauf, wie viele einsame Höfe die Straße streift, um nicht wieder von Hunden gejagt zu werden. Es kristallisierte sich eine Stelle heraus, wo die Möglichkeit bestand – und genau dort passierte auch. Schon von weitem hörte ich Gebelle, nicht nur eine Quelle, sondern direkt mehrere. Meine Hoffnung, mit Abstand vorbei zu laufen, war auch schnell hinfällig und schwups stand einer der Flohsäcke auf der Straße, maximaler Fokus auf mich und klare Ansage, dass das sein Revier ist. Ich blieb stehen, rief ein lautes „Fuck“ in die französische Bergwelt und evaluierte meine Optionen. Da vor dem Haus nebenan ein Auto stand, hoffe ich, dass jemand da war. Also stimmte ich mit den Hunden ins Gejaule ein und während diese bellten, rief ich einfach nur „Hello“… und kurze Zeit später kam jemand heraus, vertrieb die Hunde und ich konnte passieren.

Steil ging es hinauf – über 800 Höhenmeter aus dem Tal, der erste längere Anstieg der Tour. Doch auch an Tag 4 signalisierten Beine und Körper vollste Einsatzbereitschaft und so schraubte ich mich Meter für Meter nach oben. Verkehr gab es hier quasi keinen, zwei E-Biker überholten mich, auch sie wirkten angestrengt angesichts der Steigung, aber wer mit Akku fährt, verdient kein Mitleid von mir.  Immer wieder konnte man ein paar schöne Ausblicke auf die Umgebubg werfen – man merkt schon, dass die Hügel hier höher werden. Und auch wenn es nicht spektakulär klingt, aber zum ersten Mal ging es heute höher als 1.000 Meter über dem Meeresspiegel. Der Alto Lindus bildet die Grenze zwischen Frankreich und Spanien, ich passierte diese knapp unterhalb des Gipfels auf 1.179m Höhe.

Nun ging es weiter nach Spanien, nächstes Ziel die Pilgerstätte Roncesvalles. Noch einmal ein paar Kilometer einsam durch den Wald, bis ich eine größere Passstraße erreichte und hier auf den bekannten Jakobsweg wechselte. Aber die erste halbe Stunde lief ich auch hier komplett alleine – scheinbar hat mein angenehmer Wanderduft schon kilometerweit angeschlagen und alle vertrieben.

Mit einem kleinen Lächeln stellte ich fest, dass ich meinem eigenen Tourenplaner heute quasi davongerannt bin. Bis nach Roncesvalles schätzte er 5 Stunden Laufzeit ein – ich war nach 3,5 Stunden bereits da. Der Weg führt einmal durch das große Kloster, vorbei an der Pilgerherberge, wo auch schon diverse Wanderer draußen Platz genommen hatten. Man hört auch direkt, dass es hier internationaler wird. Da ich zeitlich sehr früh dran war, gönnte ich mir im nahen Restaurant ein Stück Kuchen und eine Cola. Eigentlich wollte ich noch eine zweite Cola, bekam aber ungefragt schon die Rechnung hingelegt – anscheinend hatte der Kellner meine feine Note entdeckt 😀.

Naja – nicht so wild, bis in die nächste Stadt, wo meine Unterkunft ist, sollten es nur noch knapp 45 Minuten sein. Also Sachen gepackt und wieder ab auf den Jakobsweg. Hier traf ich dann tatsächlich mal auf einige Pilger, erkennbar an der weißen Muschel am Rucksack. Kurzer Plausch, man schaute verwundert auf meinen schweren Rucksack, wo ich nur meinte, dass ich fürs Gebirge eben Zelt und warme Klamotten brauche. So ging es dann fix nach Burguete.

Gleich geht es noch einkaufen und dann essen – während hier gerade das Wetter umschlägt. Ab der Nacht ist Regen angesagt und innerhalb kürzester Zeit ist von strahlend blau nur noch grau geworden. Nun werden wohl die kommenden beiden Tage die Regenklamotten ihren Auftritt haben. In der kleinen Unterkunft durfte ich sogar meine Sachen zum Waschen abgeben – ein super Service und auch dringend notwendig.

18 Kilometer, 850hm hoch, 400hm runter, 5 Stunden gesamt (mit einer Stunde Pause).

Grenzerfahrungen im Nebel

Nach den beiden Marathonetappen sollte es heute nicht ganz so schwierig werden. Nur 17-18 Kilometer und etwas weniger Höhenmeter sagt die Planung bis ich mein Ziel hinter der Grenze in Frankreich erreiche. Nun denn, ich bin entspannt am Morgen, genieße ein gutes Frühstück und starte erst gegen halb 11 in den Wandertag. Da das Hotel erst ab 16 Uhr zum Check-In verfügbar ist, rechne ich mit gut 5:30h Wandern und somit steht der Zeitplan für heute.

Beim Verlassen der Türe fängt es dann schon mal mit Nieseln an. Nicht viel, von daher stört es mich nicht und irgendwie freue ich mich auch ein wenig über das gemäßigtere Wetter im Vergleich zum Vortag. Zuerst geht es durch das kleine Dorf Aritzkun, welches mit wunderschöner alter Architektur beeindruckt. Man fühlt sich quasi um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt.

Nachdem das Dorf endet, verlasse ich die Zivilisation komplett für mehrere Stunden. Zuerst geht es noch über einen Feldweg den Hang hinauf, vorbei an einem verlassenen Hof. Verlassen? Nicht ganz, den vor der Einfahrt liegt ein unangeleinter Hund, und als ich sein Revier betrete, schlägt er auch direkt an, kommt auf mich zu und bellt. Ich muss vorbei, kann aber auch nicht ausweichen. Also husche ich schnell vorbei, er dreht schon wieder ab, aber natürlich kommt Hund Nr.2 an, der mich nun verfolgt und dabei laut bellt. Ich versuche auf englisch auf ihn einzureden (Calm down, quite please), im Nachgang bezweifle ich aber, dass er mich verstanden hat. Glücklicherweise kommt er nicht näher als ein Meter ran und lässt dann auch ab, als ich das Revier wieder verlasse. Hunde sind tatsächlich das, wo ich am meisten Respekt davor habe. Bären, Wölfe, Giftschlangen… die Chance, dies anzutreffen, ist einfach sehr gering. Aber Hunde wie hier trifft man öfters. Insbesondere wenn sie noch allein ihre Herde bewachen, ist Vorsicht geboten. Hoffen wir mal, dass es bei diesem kurzen Schreck bleibt.

Der Weg verändert sich nun und ist kaum mehr als ein Trampelpfad. Ich kämpfe mich durch mannshohes Farngetrüpp durch, gefühlt ist hier seit Monaten niemand mehr langgelaufen. Jede Pflanze hat Dornen, meine Beine werden ordentlich zerkratzt und von den hiesigen Insekten noch zerstochen. Ich sehe nur Blut runterlaufen und nehme es einfach hin. Als ich wieder auf einen Feldweg komme, frohlocke ich – endlich wieder normal gehen. Mein Weg zieht sich weitet bergauf, es gilt auf einen Grenzkamm aufzusteigen. Neben mir stehen ein paar Pferde in den Gebüschen, eins läuft auch kurzzeitig mit mir auf dem Weg und schenkt mir etwas Begleitung.

Auf meinem Navi ist nun erkennbar, dass ich mich langsam dem höchsten Punkt nähere. Um mich herum ist nun dichter Nebel entstanden. Urplötzlich stehe ich vor einem großen Tor und sehe links einen Tritt, um auf die Weide zu kommen. Ich muss mich absichern – wollen die mich jetzt wirklich da lang schicken? Die Sichtweite ist inzwischen auf 20, vielleicht 30 Meter gesunken. Ich erkenne eine Schafsherde sowie ein paar Bullen. Eventuell ist da auch irgendwo ein Hund? Ich rufe mehrmals, aber höre keine antwortendes Bellen, so dass ich hoffe, dass ich hier nicht aus dem Nebel heraus attackiert werde.

Mit dem Wechsel auf die Weide ist nun auch die Wegfindung völlig improvisiert – denn es gibt keinen Weg und keine Markierungen. Durch den Nebel sieht man auch gar nix. Einzig und allein mit der GPS-Navigation kann ich mich hier oben durchlotsen. So planlos war ich selten und muss mich zu 100% darauf verlassen, dass die Route auch so stimmt. Ich kann hier nirgendwo abstürzen, dafür ist es nicht sonderlich steil, aber auf jeden Fall komplett verirren, denn Anhaltspunkte kann man in der Nebelsuppe nicht ausmachen. Ich klettere über einen zweiten Zaun, sehe schemenhaft einen Wald. Da muss es langgehen. Die Pfade hier sind einzig Tierwege und führen ins Nirgendwo. Mitten durch erreiche ich schließlich den Wald, wo ich mich ein schlammiger, aber immerhin erkennbarer Pfad erwartet.

Mittendrin bleibe ich stehen – im Schlamm sieht man immer wieder Abdrücke von Kühen, Pferden, etc. – doch dieser sieht anders aus. Größer, nicht ganz frisch, man kann ggfls. Tatzen erkennen. Bin ich hier eventuell im Bärenrevier? Kurze Zeit später sehe ich eine ähnliche Spur. Etwas angespannt bin ich schon, erinnere mich daran, was man Wanderern in den USA rät – laut sein, damit man auf sich aufmerksam macht und nix überrascht. Als fange ich zu singen an und als erstes kommen mir die Vengaboys in den Sinn, warum auch immer. Aber was kann es abschreckenderes für Bären geben, wenn sie hören, dass der Vengabus kommt? 😀 Trotz aufmerksamen Beobachtens sehe ich keine Spur mehr und bin mir nach einer Weile sicher, dass hier keine Gefahr mehr droht.

Nach über 3 Stunden gönne ich mir eine erste kleine Pause, was trinken, ein Snickers zur Beruhigung. Dabei sehe ich, dass mir zwei Stirnbänder fehlen, die eigentlich seitlich am Rucksack hängen sollten. Ich gehe davon aus, dass der Verschluss unterwegs wohl aufgegangen ist, eventuell als ich unter Bäumen durchklettern musste. Ich weiß es nicht, aber suchen macht keinen Sinn. Es ist nicht ganz so tragisch und so hoffe ich, dass ich die kommenden Tage irgendwo neue bekomme. Schließlich erreiche ich endlich den Pass zwischen Spanien und Frankreich. In der Ferne sehe ich zwei andere Wanderer, die ersten Menschen seit Stunden. Man winkt sich kurz zu und geht wieder seiner Wege. Oben atme ich dann kurz durch, jetzt wartet eigentlich nur noch der Abstieg und ein längeres Stück auf der Straße. Der Blick in das französische Tal hinein ist wunderschön und auch am Himmel offenbaren sich nun erste blaue Flecken.

Nach dem Abstieg über eine am Ende steile Teerstraße (unschön zu laufen), komme ich im kleinen Weiler Aldudes an. Hier gönne ich mir eine längere Pause, befreie die Füße von Schuhen sowie und lasse diese etwas Ruhe genießen. Durch die schlammigen Passagen ist alles durchaus feucht geworden und dadurch wird auch alles blasenanfälliger. Die Socken wechsle ich noch fix, ein guter Schachzug. In einer kleinen Tankstelle gönne ich mir eine Dose Cola und ein paar Gummitiere für den Abend, dann geht es auf die letzten langweiligen 4km über die Landstraße nach Urepel. Alternativwege gab es keine… währenddessen wechselt das Wetter monatlich, Regen, Sonne, Niesel. Das Baskenland ist hier unberechenbar.

Kurz nach 4, und somit perfekt im Zeitplan, komme ich im Hotel an. Sprachlich herausfordernd – ihr Englisch ist so gut wie mein Französisch – schaffen wir aber alle Formalitäten. Abendessen um 7, Frühstück um 8, Zimmer Nr. 4. Und so geht nun Tag 3 unterwegs zu Ende. Kürzer als die Tage vorher, aber mental doch ein Kraftakt. Morgen geht es im ersten Teil wiederum über kleine Wege (ich bin gespannt…), bis ich dann am Ende auf den Jakobsweg treffe und diesen ein paar Kilometer laufe. Mal schauen, wie viele Pilgerer unterwegs sind.

Seehecht zum Abendbrot

18 Kilometer, 740hm hoch, 570hm runter, 5:30h unterwegs

Unerbittliches Baskenland

Fast 20km schon in den Beinen, schleppe ich mich den letzten Anstieg hinauf. Das Wasser knapp, die Kraft schwindet. Über mir wacht die Sonne wie ein Torhüter über den Berg. „Da kommst du nicht hoch!“ mag sie mir wohl zurufen und dreht nochmal die Kraft ihrer Sonnenstrahlen auf. Kaum eine Wolke am Himmel, es brennt ohne Gnade. Jämmerlich sehe ich aus. Das große Handtuch wie bei einer Safari um den halben Kopf gewickelt, versuche ich mich so zu schützen. Kein Baum in der Nähe, nur hüfthohes, dorniges Gestrüpp. Das Baskenland zeigt sich in diesen Stunden unerbittlich und jeder, der hier durch will, muss entsprechend leidensfähig sein. Man bekommt nix geschenkt, den Weg in die Pyrenäen muss man sich hart erarbeiten.

Szenenwechsel zum frühen Morgen: Frühstück im Hotel erst ab halb 9, was einem so als Wanderer nicht ganz entgegen kommt. Naja, dann eben später Start und während es früh am Morgen noch eine wundervolle Nebelstimmung gab, hat sich nun die Sonne schon durchgesetzt und erstrahlt von oben. Thema Sonne – am Vorabend hatte ich noch festgestellt, dass ich im Nacken leichten Sonnenbrand bekommen hab, obwohl gestern keine Sekunde lang die Sonne zu sehen. Aber anscheinend hat die UV-Strahlung auch so ausgereicht. Naja, wieder was gelernt.

Und so ging es nun auf den Weg – leicht ungläubig musste ich feststellen, dass ich wirklich zwei der längsten Tage direkt hintereinander zum Start geplant hatte. Um die 26 Kilometer quer durchs Baskenland standen an – und die hatten es in sich. Ging es morgens noch leicht und dann durchaus abwechslungsreich über Waldwege, wurde man unmittelbar auf einen Feldweg ausgespuckt, der einem gnadenlos über Stunden vor sich her trieb.

Zwischendurch war auch einfach nichts. Abgesehen von einer kleiner Bar an einer Passstraße ging es heute gnadenlos nur durch die Einöde auf den Hügeln zwischen Feldern und Gebüsch. Ein paar Radfahrer, zwei Tagestouristen und ein Pferd waren die einzigen Mitnutzer der Wege.

So hieß es also einfach nur einen vor den anderen Fuß zu setzen (was bei 40.000 Schritten sehr oft passierte). Zwischendurch merkte ich den gestrigen Tag auch in den Beinen – so spielerisch leicht flog ich diesmal nicht über die Wege. Ein paar kurze Pausen und immer wieder was aus dem Verpflegungsbeutel nehmen. Fündig werde ich bei einer Tüte Haribo Erdbeeren… 77g Zucker auf 100g. Ich hab mich noch so sehr drüber gefreut 😀. Kohlenhydrate und Zucker sind unterwegs einfach extrem wichtig.

Und es sind auch die Stunden, wo die Gedanken auf Reisen gehen. Man beschäftigt sich viel mit sich selber. Ist man in der Lage sowas dauerhaft zu schaffen? Vor mir sehe ich den letzten Berg des Tages, wohlwissend, dass es danach noch gut 1,5 Stunden Abstieg sind. Als ich einmal nicht ständig aufs Handy schaue, verpasse ich eine Abzweigung und muss 5 Minuten wieder zurücklaufen. Die Kühe an der Seite lachen mich aus und sind danach wieder damit beschäftigt, sich die Fliegen vom Leib zu halten.

Der Anstieg wartet und der Kampf gegen den Berg sowie gegen die Sonne beginnt. 300 Höhenmeter klingen nicht viel, an meinem Hausberg laufe ich die in 35min – aber halt ausgeruht und ohne Gepäck. Und ja, auch wenn er für meine Verhältnisse recht leicht ist, merkt man ihn eben auch. Schulter und Rücken sehnen sich nach Entlassung, doch muss ich sie noch enttäuschen. Der Anstieg zieht sich, ich sehne mich nach Schatten, doch der ist gerade nicht im Angebot. Noch 100 Höhenmeter… Ich bin nicht langsam, im Gegenteil ist der Schritt noch gut, die Beine funktionieren und der Puls bleibt recht ruhig. Noch 50 Höhenmeter und dann sehe ich die letzte leichte Passage und habe den Scheitelpunkt am Atxuela auf knapp 800 Metern erreicht. Gefühlt sind Bergnamen auf Spanisch eine Mischung aus allen möglichen Vokabeln und einem oder mehreren „tx“. Oben am Pass sehe ich zum einen meinen heutigen Weg und La Rhune, an dessen Fuße ich gestartet war.

Auf einmal geht der Blick nach oben, denn eine majestätische Gestalt gleitet gerade durch die Lüfte. Der weiße Kopf verrät es – ein Gänsegeier. Völlig ruhig sucht er die Hänge nach Aas ab und bis ich mein Handy parat hab, ist er auch schon wieder weiter weg. Ich erwische ihn trotzdem noch so halbwegs. Mit einer Spannweite von um die 2,5 Meter wirken die Geier riesig.

Suchbild – Finde den Geier

Jetzt hieß es noch runter und das mehrere Kilometer lang. Inzwischen war ich wieder auf kleineren Wegen und man merkte, dass hier nicht so viele lang kommen. Die hiesige Flora (zumeist mit Dornen bewaffnet) erobert den einstigen Weg zurück. Und man soll sich auch nicht von den bunten Farben blenden lassen – die stechen lasse. Verzweifelt versuche ich mit meinen Stöcken, die ich nun zum ersten Mal heute im Einsatz hab, den Weg frei zu machen, hätte allerdings eher eine Machete benötigt. Und von oben knallt natürlich weiter die Sonne.

Nach einiger Zeit gelangte ich urplötzlich in ein kleines Paradies. Mehrere große Eichen haben sich hier einen Platz gesucht, vermutlich stehen sie schon seit Jahrhunderten. Glücklich setze ich mich auf eine Wurzel und genieße den ersten Schatten seit Stunden. Spontan verschicke ich noch eine Sprachnachricht und beende diese mehrfach mit: „Ich liebe Bäume!“.

Kurz vor Schluss komme ich noch an einem kleinen Friedhof vorbei und kann dort zum ersten Mal meinen Wasserfilter ausprobieren. Klingt etwas grotesk, aber Friedhöfe sind für Wanderer mitunter eine absolut unerlässliche Wasserquelle. Da ich nicht weiß, ob es komplett rein ist, wird der neuerworbene Katadyn Be Free mal probiert. Wasser rein, Verschluss mit der Membrane drauf und dann draus drinken – die Membrane filtert Bakterien raus. Schmeckt soweit okay und wird definitiv noch sehr wichtig werden.

Nach über 7,5 Stunden in der Sonne erreiche ich dann mein kleines Hotel. Kurz vor der Tür sprühe ich noch etwas Deo über den ganzen Körper, auch wenn es wahrscheinlich sinnlos ist 😀. Aber sie haben mich reingelassen. Das waren zwei heftige Einstiegstage, beim Socken ausziehen merke ich eine kleine Blase direkt unter dem Tape – aber harmlos. Morgen wird es etwas entspannter, 5h angesagt aber bisher war ich immer schneller unterwegs. Und statt Sonne nun Regen – ich bin gespannt, was kommt.

26 Kilometer, jeweils 1000 Höhenmeter hoch und wieder runter, Dauer: 7:30h

Touri-Schreck am Pass

Es ist schon surreal, dass ich vor 48 Stunden noch im „normalen“ Leben steckte – morgens in die Klinik radeln, drei Kaffee trinken, Excel malträtieren und rumfluchen, dass der PC zu langsam ist. Und nun starte ich am Atlantischen Ozean mit einem vollen Rucksack, der mich im Idealfall die kommenden 8 Wochen mit allen begleitet, was ich brauche. Um die Frage von gestern zu beantworten – ich hatte tatsächlich Frühstück bestellt, allerdings hat man hier eine andere Vorstellung davon. Kuchen, Gebäck… aber kein Käse oder mal ne Scheibe Wurst. Selbst Vitamine suchte man vergebens, so dass ich mir zum Start im Markt noch einen Apfel gegönnt habe. Und dann ging es kurz nach 9 ins große Abenteuer.

Fix nochmal zum Atlantik, Startfoto und dann auf. Was ich direkt schon merkte – ohne GPS-Navigation ist man völlig verloren, es gibt kaum Wegweiser. Ein Hich auf die intensive Planung, denn so ging es flott aus der Stadt heraus. Und während es am Meer windete und kühl war, gab es nun gefühlte 100% Luftfeuchtigkeit bis zum Ende. Innerhalb kürzester Zeit waren sämtliche Klamotten durch, es tropfte aus allen Poren. In der Nacht gab es ordentliche Schauer, die Wege dementsprechend schlammig. Die guten neuen Schuhe direkt für alle Zeiten versaut. Aber die Umgebung war wundervoll – grüne Hügel, wohin das Auge reichte. Nebelschwaden um die ersten Gipfel. Und so stampfte ich die Kilometer nach und nach durch. Nach 14km in 3 Stunden die erste kleine Pause und der letzte Blick auf die Atlantikküste.

An jeder Kreuzung musste das Handy rausgeholt werden, um sicherzugehen, wo es lang ging. Während in den Alpen gefühlt aller 50 Meter ein Schild hängt, ist es hier reines Glücksspiel. Teilweise finden sich die Zeichen erst 100m nach den Kreuzungen. Flugs kam ich zum Col d’Ibardin – hier hatte ich schon vorab gesehen, dass es was zum einkaufen geben könnte, allerdings wurde ich vom Ausmaß doch überrascht. Der kleine Pass zwischen Frankreich und Spanien ist oben komplett mit Shops und Restaurants zugekleistert und wird zum Sonntag auch extrem frequentiert. Also Auftritt Ronny – mitten in die Menschenmengen, die sich zum Sonntagsessen schick gemacht hatten, kam der schwitzende, dreckige und stinkende Wanderer an und durchschritt die Menge. Wie Moses einst das Wasser teilte, so machten die Leute für mich Platz. Im Supermarkt gönnte ich mir noch ne Fanta und ich glaube, die haben direkt hinter mir gewischt.

Danach verließ ich diesen schrecklichen Ort so schnell wie möglich und wechselte nun nach Spanien. Das Wetter weiterhin unnachgiebig schweißtreibend, aber die Wege wurden etwas besser. Immer weiter nach Osten zog es mich nun, den Blick auf „Larun“ gerichtet – der erste Fast-1000m-Berg der Pyrenäen. Man hätte auch hochgehen können, aber es reichte mir heute auch so. Zudem fährt dort auch eine Bahn hoch und auf Touristen hatte ich keine Lust mehr.

So ging es dann dem Ende der heutigen Startetappe zu – der Kilometerzeiger schnellte unerbittlich auf 25 hoch, die Höhenmeter nach oben auf 1000. Joar – guter Einstieg würde ich sagen, dabei nur zwei kleine Pausen und den Rest einfach durchgelaufen. Die letzten Meter ging es dann direkt auf der Grenze entlang und mein Handy drehte fast durch, weil es sich ständig abwechselnd in das jeweilige Landesnetz einwählte und mir dann eine SMS dazu schickte. Meine heutige Unterkunft ist das Hostal Lizuniaga im Nirgendwo – wunderschöner Blick zum Berg, gutes Zimmer, reichhaltiges Abendessen und ein Bier. Am Ende ein schöner erster Tag – anstrengend, aber die Beine haben super funktioniert. Morgen wird es noch länger 😀

25 Kilometer, 1.000m hoch, 800m runter, Zeit auf Tour: 6:30h